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“The World’s Most Unlikely Movie Star.”
THE NEW YORK TIMES

“A fascinating blend of Himalayan intellectual and pop idol!”
NEWSDAY

“Zizek makes eccentricity especially loveable....you can’t help but be swept away by his heady enthusiasm!”
TIME OUT NEW YORK

 

Regie
ASTRA TAYLOR

Produktion
LAWRENCE KONNER / THE DOCUMENTARY CAMPAIGN

Schnitt
LAURA HANNA

Kamera
MARTINA RADWAN und
JESSE EPSTEIN

Originalmusik
JEREMY BARNES
(A HAWK AND A HACKSAW)

Animation
MOLLY SCHWARTZ

Ton
LAURA HANNA

Produktionsassistenz
CHRISTOPHER DOBBIE

Philadelphia Field Producer
JESSE GOLDSTEIN

Standfotografie
KATE MILFORD

Übersetzung
POLONA RUZIC

 

ASTRA TAYLOR (Regie)

*1979 in Manitoba / Winnipeg, aufgewachsen in Athens / Georgia; Abschluss (MA) in Liberal Studies / New School for Social Research; Lehrtätigkeit an der Fakultät Soziologie / Univer-sity of Georgia und University of New York (Themen u. a. Globalisierung, Soziologie des Films; freie Journalistin und Autorin u. a. für Monthly Review, The Nation, Salon; 2001 The Miracle Tree: Moringa Oleifera (45 Min.): Dokumentation über ein nachhaltiges, lokales Ent-wicklungsprojekt im Senegal zur Bekämpfung von Unterernährung bei Kindern; 2002 schließt sie sich der Documentary Campaign in New York City an, einem Non-Profit-Unternehmen mit der Zielsetzung, Filme zu produzieren, die Themen wie soziale Gerechtig-keit und Menschenrechte promoten; 2005 gründet Astra Taylor zusammen mit Laura Hanna Hidden Driver Pictures.

 

LAWRENCE KONNER (Produzent)

auch Drehbuchautor und Dokumentarfilmer; mit seinem Partner Mark Rosenthal schrieb er die Drehbücher zu zahlreichen Spielfilmen wie The Jewel of the Nile (Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil, 1985), Desperate Hours (24 Stunden in seiner Gewalt, 1990), Mercury Rising (Das Mercury Puzzle, 1998) oder Planet of the Apes (Planet der Affen, 2001); 2003 produ-ziert er mit Persons of Interest von Allison MacLean, den ersten Film der Documentary Campaign; 2001 Emmy Award für „Best Dramatic Writing“ für die TV-Serie Die Sopranos; Konner war Mitglied beim Board of Directors of The Writers Guild of America und künstleri-scher Leiter beim Sundance Institut.

 

LAURA HANNA (Schnitt und Ton)

Mitbegründerin von Hidden Driver Pictures; zu ihren Arbeiten gehören folgende Projekte:
Road to Paris (TV, 2002), Justifiable Homicide (2002), A Day in the Life of Africa (2003), The Perpetual Life Of Jim Albers (Sundance 2003), Academy Awards Open (Errol Morris, 2003), Hollywood High (TV 2003) Metallica: Some Kind of Monster (2004)

 

MARTINA RADWAN (Kamera)

1987 Arbeit als Kameratechnikerin bei ARRI in Berlin; ab 1988 u.a. Kameraarbeit bei Robby Müller, Jürgen Jürges, Sophy Mantigneux und Regisseuren wie Wim Wenders, Rebecca Miller, Allison MacLean oder Jenny Livingston; ausgewählte Arbeiten: Personal Velocity (2002, Kamerapreis beim Sundance Film Festival 2002), Ferry Tales (2004, nominiert für den Oscar in der Kategorie Bester Dokumentarfilm)

 

JESSE EPSTEIN (Kamera)

studierte Dokumentarfilm und Gender Studies an der New York University; Regisseurin und Produzentin von Dokumentarfilmen; arbeitet intensiv mit den Organisationen Deep Dish TV, Papertiger TV und dem Independent Media Center zusammen; ihr eigener Film Wet Dreams and False Images über Medienmanipulation gewann u. a. den Jury Award für Kurzfilm beim Sundance Film Festival 2004


ŽIŽEK!

Astra Taylor

Kinostart: 28. Juni 2007


 

KURZINHALT

Seine Themen reichen von Alfred Hitchcock über 9/11, die Oper, das Christentum, Lenin und David Lynch. Der Slowenische Philosoph Slavoj Žižek ist einer der wichtigsten – und unerhörtesten – zeitgenössischen Kulturtheoretiker. Der fesselnde Dokumentarfilm erkundet die exzentrische Persönlichkeit und Arbeit dieses unvergleichlichen Akademikers und Au-tors, der auch „der Elvis der Kulturtheorie“ genannt wird.

ŽIŽEK! folgt dem bedeutenden und unerschrocken Denker quer über den Globus – wie er in New York von Vorlesung zu Vorlesung hetzt, sich auf den Straßen von Buenos Aires be-wegt, beim Zwischenstopp in seiner Heimatstadt Ljubljana, Slowenien. Unterwegs legt er wie besessen seine Ideologien aus einer einzigartigen Mischung aus Psychoanalyse nach Jacques Lacan, Marxismus und Popkulturtheorie offen. Er scheut sich dabei keineswegs, den kritischen Blick mit bissigen Kommentaren zu seiner Persönlichkeit, zu seinem Privatle-ben und zu seiner wachsenden, internationalen Berühmtheit auch auf sich selbst zu richten.

ŽIŽEK! ist sowohl eine unvergessliche Lehrstunde als auch ein bezwingendes Porträt eines intellektuellen Außenseiters. Wie kein Philosoph vor ihm besitzt er die Eigenschaft bei Un-eingeweihten Anklang zu finden. Mit Slavoj Žižek´s Kombination aus „high and low culture“ fasziniert er sogar diejenigen, die Philosophie langweilig finden.

 

BIOGRAFIE SLAVOJ ŽIŽEK

* 21.03.1949 Ljubljana, Slowenien
1971 Bachelor-Examen in Philosophie und Soziologie sowie
1975 Magister in Philosophie
1981 folgt die Promotion zum Doktor der Philosophie an der Universität Ljubljana und
1985 die Promotion zum Doktor der Psychoanalyse an der Universität Paris VIII.
1990 war er Präsidentschaftskandidat bei den ersten demokratischen Wahlen in Slo-wenien nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens
seit 1979 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie und Philosophie an der Universität Ljubljana
seit 1992 am Institut für Soziologie der sozialwissenschaftlichen Fakultät
seit Anfang 2007 ist er International Director des Birkbeck Institute for the Humanities an der Universität von London.
Slavoj Žižek hat Gastprofessuren in den Fakultäten Psychoanalyse, Soziologie und Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft in Paris VIII, Buffalo, Minnesota, New Orleans, Princeton, Michigan und mehrfach in New York inne.

 

SLAVOJ ŽIŽEK ÜBER:

Die zwei Seiten der Perversion: Die Philosophie der Matrix

(Auszug aus Schnitt-Filmmagazin, Ausgabe 17, 01/2000)
Als ich in einem kleinen Kino in Slowenien "Matrix" sah, hatte ich die einmalige Gelegenheit, neben dem idealen Zuschauer dieses Films zu sitzen - einem Idioten. Er war so in den Film vertieft, dass er die übrigen Zuschauer ständig mit lauten Ausrufen wie etwa "Mein Gott, wow, dann gibt es also keine Realität!" nervte... Mir ist solch naive Identifikation wesentlich lieber als jene pseudo-intellektuellen Lesarten, die spitzfindige philosophische oder psychoanalytische Begriffsunterscheidungen in den Film projizieren. Nichtsdestoweniger fällt es leicht, die intellektuelle Anziehungskraft von "Matrix" zu verstehen.
“Matrix“ ist einer dieser Filme, die wie ein Rorschach-Test funktionieren und einen universellen Wie-dererkennungsprozess in Gang setzen, so wie das sprichwörtliche Bild Gottes, das einen immer di-rekt anzustarren scheint, egal von wo aus man es betrachtet - fast jede Glaubensrichtung scheint sich darin wiederzuerkennen. Meine "Lacanianischen" Freunde versichern mir, die Drehbuchautoren müssten Lacan gelesen haben, die Verfechter der Frankfurter Schule sehen in der Matrix die Verkör-perung der Kulturindustrie, die unser Seelenleben kolonisiert und uns als Energiequelle nutzt, New Age-Gläubige finden eine Quelle der Spekulationen darüber, dass unsere Welt nur ein Trugbild ist, erschaffen von einem globalen, im World Wide Web verkörperten Bewusstsein. Und die Reihe lässt sich bis zu Platos Republik zurückführen: Wiederholt die Matrix nicht genau seine Anordnung der Höhle, in der gewöhnliche Menschen als Gefangene an ihre Sitze gefesselt und gezwungen sind, die nur schemenhafte Aufführung von Wirklichkeit (bzw. dem, was sie fälschlicherweise dafür halten) zu betrachten? Der Hauptgegensatz besteht zwischen Frankfurter Schule und Lacan, zwischen einer historisierenden Auffassung der Matrix als Metapher für das Kapital, das Kultur und Subjektivität ko-lonisiert hat, und ihrer Auffassung als Verdinglichung der symbolischen Ordnung an sich. Doch was, wenn genau diese Alternative falsch ist? Was, wenn der virtuelle Charakter der symbolischen Ord-nung "an sich" eben die Voraussetzung der Historizität ist?

Am Ende der Welt

Natürlich ist die Idee eines Helden, der in einer vollständig manipulierten und kontrollierten künstli-chen Welt lebt, nicht besonders neu. Die Matrix radikalisiert diese Idee nur, indem sie sie auf die Vir-tuelle Realität überträgt. Das Entscheidende ist hier die krasse Doppeldeutigkeit der Virtuellen Reali-tät. Einerseits bedeutet sie eine radikale Reduzierung des Reichtums unserer Sinneswahrnehmung auf nicht einmal mehr Buchstaben, sondern minimalisierte digitale Zahlenreihen von Eins und Null.

Andererseits erzeugt eben diese digitale Maschine eine "simulierte" Realitätserfahrung, die immer weniger von der "wirklichen" Realität zu unterscheiden ist, mit der Folge, dass eben dieses Konzept der "wirklichen" Realität untergraben wird - Virtuelle Realität ist daher gleichzeitig eine radikale Be-hauptung der Macht der Bilder.
Ist es nicht die paranoide amerikanische Alptraumphantasie schlechthin, dass ein Individuum in ei-nem idyllischen kalifornischen Konsumentenparadies plötzlich zu vermuten beginnt, dass die Welt, in der es lebt, eine Inszenierung ist? In "The Truman Show" (1998) von Peter Weir entdeckt ein klein-städtischer Angestellter nach und nach, dass er der Held einer 24-Stunden-Fernsehshow ist: Seine Heimatstadt ist in einem gigantischen Studio aufgebaut, mit Kameras, die ihn ständig verfolgen. Slo-terdijks "Sphäre" ist hier wörtlich umgesetzt als eine riesige Kuppel, die die gesamte Stadt umgibt und von der Außenwelt abschneidet. Die letzte Szene scheint zwar die befreiende Erfahrung zu bie-ten, von der ideologischen Nahtstelle des geschlossenen Universums zur vorher unsichtbaren Au-ßenwelt durchzubrechen. Aber was, wenn eben dieser "glückliche" Ausgang des Films pure Ideolo-gie ist - wenn die Ideologie gerade im Glauben daran besteht, dass es außerhalb des endlichen Uni-versums eine "wahre Wirklichkeit" aufzusuchen gibt?
Dahinter verbirgt sich natürlich die prämoderne Idee vom Erreichen des Endes der Welt. In wohlbe-kannten alten Holzschnitten nähern sich überraschte Wanderer dem Himmelsvorhang, einer mit Sternen bemalten Fläche, durchbrechen ihn und greifen dahinter - genau das passiert am Ende der "Truman Show". Kein Wunder, dass die letzte Szene, in der Truman die Treppe an der mit dem Hori-zont bemalten Wand emporsteigt und dort die Türe öffnet, deutlich an Magritte-Bilder erinnert: Kehrt heute nicht eben jene Empfindungsweise verstärkt zurück? Signalisieren nicht Werke wie Syber-bergs "Parsifal" (1982), in dem der unendliche Horizont ebenfalls durch eine offensichtlich "künstli-che" Hintergrund-Projektion verdeckt ist, dass die Zeit der Cartesianischen unendlichen Perspektive abgelaufen ist und wir zu einer Art erneuertem mittelalterlichen, vorperspektivischen Universum zu-rückkehren?
Fred Jameson hat auf ein ähnliches Phänomen in einigen von Raymond Chandlers Büchern und Hitchcocks Filmen hingewiesen: Das Ufer des pazifischen Ozeans in "Farewell, My Lovely" (1975) erfüllt ebenfalls die Funktion einer Art Ende oder Grenze der Welt, hinter der nur eine unbekannte Leere existiert, und ist vergleichbar mit dem Abgrund, der sich vor den Präsidentenköpfen vom Mount Rushmore ausbreitet, als Eva-Marie Saint und Cary Grant auf der Flucht vor ihren Verfolgern den Gipfel des Monuments erreichen.

Der "wirklich existierende" große Andere

Was nun ist die Matrix? Schlichtweg der Lacansche "große Andere", die virtuelle symbolische Ord-nung, das Netzwerk, das die Wirklichkeit für uns strukturiert. Er steht für all das, aufgrund dessen das Subjekt die Folgen seiner Handlungen niemals vollständig beherrschen kann, d.h. wodurch das letzt-endliche Ergebnis seines Handelns sich immer von dem unterscheidet, was es angestrebt oder er-wartet hatte.
Die Hauptthese von "Matrix" lautet: Der große Andere ist in einem real existierenden Mega-Computer veräußerlicht. Es gibt eine Matrix - es muss sie geben - weil "irgendetwas nicht stimmt, Gelegenhei-ten verpasst werden und immer irgendetwas schiefläuft", d.h. der zentrale Gedanke des Films ist, dass all dies geschieht, weil eine Matrix die "wahre" Wirklichkeit, die hinter all dem steckt, verdeckt. Folglich ist das Problem des Films, nicht "verrückt" genug zu sein, weil er davon ausgeht, dass es jenseits unserer alltäglichen, von der Matrix generierten Wirklichkeit eine andere, "wirkliche" Wirklich-keit gibt. Aber um ein fatales Missverständnis von vornherein zu vermeiden: Der umgekehrte Gedan-ke, dass "alles, was ist, von der Matrix erzeugt wird", dass es keine letzte Wirklichkeit gibt, sondern nur eine unendliche Reihe von virtuellen Realitäten, die sich ineinander widerspiegeln, ist ebenso ideologisch. (In den Sequels von "Matrix" werden wir wahrscheinlich erfahren, dass selbst die "Wüste der Wirklichkeit" von einer weiteren Matrix produziert wird.) Wesentlich subversiver als diese Verviel-fachung der virtuellen Welten wäre die Vervielfachung der Realitäten selbst gewesen - etwas, das der Gefahr, die einige Physiker in neuesten Experimenten mit Teilchenbeschleunigern sehen, ent-spräche...
Das Paradoxon besteht darin, dass beide Versionen - (1) ein Subjekt, das von einer Virtuellen Reali-tät zur nächsten treibt, ein reines Geistwesen, mit dem Bewusstsein, dass jede Realität eine Täu-schung ist, (2) die paranoide Vermutung, dass eine wirkliche Realität jenseits der Matrix existiert - falsch sind: Sie verfehlen beide die Realität. Der Film hat nicht unrecht, wenn er darauf besteht, dass etwas Reales hinter der Simulation der Virtuellen Realität existiert. Aber dieses Reale ist nicht die "wahre Wirklichkeit" hinter der virtuellen Simulation, sondern die Leere, die die Wirklichkeit unvoll-ständig und widersprüchlich macht, und es ist die Aufgabe einer jeden symbolischen Matrix, diese Widersprüchlichkeit zu verbergen - eine der Möglichkeiten, das zu erreichen, ist zu behaupten, dass hinter der unvollständigen, widersprüchlichen Wirklichkeit, wie wir sie kennen, eine andere besteht, die nicht durch das Bestehen von Unmöglichkeit strukturiert wird.

Die Freudsche Note

Die Schwäche von "Matrix" zeigt sich vielleicht darin am deutlichsten, dass der Film Neo zum "Ei-nen", zum Auserwählten ernennt. Wer ist der Eine? So jemanden gibt es tatsächlich in sozialen Zu-sammenschlüssen. Da ist zunächst der oberste Signifikant, die symbolische Autorität. Selbst in einer sozialen Gemeinschaft der schrecklichsten Form; die Erinnerungen der Überlebenden der Konzent-rationslager erwähnen ausnahmslos alle den "Einen", dessen Persönlichkeit nicht gebrochen werden konnte, der inmitten unerträglicher Bedingungen, die alle anderen auf den egoistischen Kampf um das nackte Überleben reduzierten, wundersamerweise "irrationale" Großzügigkeit und Würde auf-rechterhielt und ausstrahlte.
Zwei Aspekte sind hier von Bedeutung: Erstens wurde diese Instanz immer nur als "Einer" wahrge-nommen (niemals mehrere - als müsste einer seltsam zwangsläufigen Logik nach jenes unerklärliche Wunder übermäßiger Solidarität in einem Einzigen verkörpert sein); zweitens war weniger das, was dieser Eine letztlich für die anderen tat, entscheidend, sondern mehr seine bloße Anwesenheit unter ihnen.
Gewissermaßen analog zur im Fernsehen eingespielten Lachkonserve, haben wir hier eine Art "Würde aus der Konserve", wo ein anderer, der Eine, statt meiner meine Menschenwürde für mich erhält, oder genauer gesagt, wo ich meine Würde durch ihn erhalte.
In der Matrix ist der "Eine" derjenige, der erkennen kann, dass unsere alltägliche Realität nicht real ist, sondern nur eine kodierte virtuelle Welt, und der daher fähig ist, sich aus ihr zu lösen, ihre Regeln zu manipulieren oder aufzuheben (durch die Luft fliegen, Schüsse aufhalten usw.). Entscheidend für die Funktion dieses Einen ist seine Virtualisierung der Realität: Die Realität ist ein künstliches Kon-strukt, dessen Regeln aufgehoben oder zumindest umgeschrieben werden können - hierin liegt der eigentlich paranoide Gedanke, dass der Eine den Widerstand des Realen überwinden kann ("Ich kann durch eine dicke Wand gehen, wenn ich wirklich will...", mit anderen Worten, der Umstand, dass es für die meisten von uns unmöglich ist, dies zu tun, wird auf ein Versagen der Willensstärke des Subjekts reduziert). Hier geht der Film allerdings wiederum nicht weit genug: In der denkwürdi-gen Szene im Wartezimmer der Prophetin, die entscheiden wird, ob Neo der Auserwählte ist, erklärt ein Kind, das gerade mit seinen bloßen Gedanken einen Löffel verbogen hat, dem überraschten Neo: Der Trick ist nicht, mich davon zu überzeugen, dass ich selbst den Löffel biegen kann, sondern da-von, daß es keinen Löffel gibt - aber wie steht es dann mit "mir selbst"? Sollte nicht der nächste Schritt sein, den buddhistischen Gedanken zu akzeptieren, dass ich selbst, das Subjekt, nicht existie-re?
Um weitere Ungereimtheiten in "Matrix" zu erklären, sollte man zwischen schlicht technologischer Unmöglichkeit und phantasmatischem Irrtum unterscheiden: Zeitreisen sind (höchstwahrscheinlich) unmöglich, aber phantasmatische Szenarien darüber sind dennoch "wahr" in Bezug darauf, wie sie libidinöse Patt-Situationen widerspiegeln. Daher besteht das Problem von "Matrix" nicht in seinen aus wissenschaftlicher Sicht naiven Tricks: Die Idee, per Telefon von der Realität in die Virtuelle Realität zu wechseln, macht durchaus Sinn, denn alles, was wir brauchen, ist ein Loch, durch das wir entkommen können. (Nur, vielleicht wäre die Toilette noch eine bessere Lösung gewesen: Ist nicht die Sphäre, in die Exkremente verschwinden, nachdem wir die Klospülung betätigt haben, eine der Metaphern für das schrecklich-erhabene Jenseits des präontologischen Ursprungschaos, in das die Dinge verschwinden?) [...]

Die Inszenierung der fundamentalen Phantasie

Eine letzte Ungereimtheit betrifft den zweideutigen Status der Befreiung der Menschheit, die Neo in der letzten Szene ankündigt. Aufgrund von Neos Intervention gibt es einen "Systemfehler" in der Matrix; zur gleichen Zeit spricht Neo die noch immer in ihr gefangenen Menschen an als der Retter, der ihnen beibringen wird, wie sie sich befreien können - sie werden in der Lage sein, alle physikali-schen Gesetze zu brechen, Metall zu verbiegen, zu fliegen... Das Problem ist, dass alle diese "Wun-der" nur möglich sind, solange wir in der von der Matrix getragenen Virtuellen Realität bleiben und nur ihre Regeln ausdehnen oder verändern; unser "wirklicher" Status ist immer noch der von Skla-ven, wir haben auf diese Weise nur zusätzliche Macht gewonnen - aber warum verlassen wir die Matrix nicht vollständig und betreten die "wirkliche Wirklichkeit", in der wir erbärmliche Kreaturen sind, die auf der zerstörten Erdoberfläche leben?
Im Sinne von Adorno könnte man behaupten, dass diese Ungereimtheiten die wahren, verräteri-schen Momente des Films sind: Sie signalisieren die Widersprüche unseres spätkapitalistischen so-zialen Erlebens, Widersprüche, die grundlegende ontologische Begriffspaare betreffen wie Wirklich-keit und Schmerz (Wirklichkeit ist das, was das Reich des Lustprinzips stört), Freiheit und System (Freiheit ist nur möglich innerhalb des Systems, das ihr vollständiges Ausleben verhindert). Wie auch immer, die grundlegende Stärke des Films findet sich auf einer anderen Ebene. Vor einigen Jahren sah eine Serie von Science-Fiction-Filmen wie "Zardoz" (1973) oder "Logan's Run" (1976) die missli-che postmoderne Lage von Heute voraus: Eine isolierte Gruppe, die ein aseptisches Leben in einem abgeschlossenen Bereich führt, sehnt sich nach der wirklichen Welt des physischen Zerfalls. Bis zur Postmoderne war Utopia das Bestreben, aus der Wirklichkeit der historischen Zeit in eine zeitlose andere Welt auszubrechen. Mit dem postmodernen Übergreifen vom "Ende der Geschichte", bei vol-ler Verfügungsgewalt über die Vergangenheit im digitalisierten Speicher, in einer Zeit, in der wir die zeitlose Utopie als alltägliche ideologische Erfahrung leben, wird Utopia zur Sehnsucht nach der Wirklichkeit von Geschichte an sich, nach der Erinnerung, nach den Spuren der wirklichen Vergan-genheit; zum Versuch, aus der abgeschlossenen Glocke in den Gestank und Verfall einer unwirtli-chen Realität auszubrechen. "Matrix" gibt dieser Umkehrung den letzten Dreh, indem er Utopie mit Dystopie verknüpft: Die Realität, in der wir leben, die von der Matrix inszenierte zeitlose Utopie, be-steht zu dem Zweck, uns auf die Passivität lebender Batterien reduzieren zu können. Die einzigartige Wirkung des Films beruht weniger auf seiner zentralen These von der künstlich erzeugten Realität, als auf seinem zentralen Bild: Millionen von Menschen, in wassergefüllten Trögen, am Leben erhal-ten, um elektrische Energie für die Matrix zu erzeugen. Wenn also ein paar von den Menschen aus der Virtuellen Realität "erwachen", so bedeutet dieses Erwachen kein Sich-Öffnen in die Weite der äußeren Wirklichkeit, sondern zunächst die schreckliche Bewusstwerdung des Eingeschlossen-Seins... Diese äußerste Passivität ist die Aufkündigung unserer Eigenwahrnehmung von uns als akti-ve, selbstbestimmte Subjekte; es ist die ultimative perverse Phantasie, dass wir eigentlich Instrumen-te für den Genuß des Anderen (der Matrix) sind, der unsere Lebensenergie aussaugt wie aus Batte-rien. Hierin liegt das wahre libidinöse Rätsel dieser Konstruktion: Warum braucht die Matrix mensch-liche Energie? Die rein energietechnische Lösung ist natürlich bedeutungslos: Die Matrix hätte leicht eine andere, zuverlässigere Energiequelle finden können, die nicht dieses äußerst komplexe Arran-gement einer für Millionen von Menschen zu koordinierenden Virtuellen Realität erfordert hätte. Die einzig logische Antwort ist folgende: Die Matrix lebt vom menschlichen Genuss - und da wären wir wieder bei der grundlegenden These Lacans, daß der große Andere selbst, alles andere als eine anonyme Maschine, den stetigen Rückfluß des Genusses braucht. Auf diese Weise sollten wir den vom Film präsentierten Stand der Dinge umkehren: Was der Film als Bewusstwerdung unserer wah-ren Situation darstellt, ist letztlich das genaue Gegenteil - die fundamentale Phantasie, die uns am Leben erhält.
Der enge Zusammenhang von Perversion und Cyberspace ist heute ein Gemeinplatz. Perversion kann als Verteidigung gegen das Motiv "Tod und Sexualität" verstanden werden, gegen die Gefahr der Sterblichkeit ebenso wie gegen die zufällige Verhängung sexueller Unterschiede. Der Perverse schafft sich eine Welt, in der, wie in Cartoons, ein Mensch jegliche Katastrophe überleben kann, in der die erwachsene Sexualität zu einem kindlichen Spiel reduziert worden ist; in der niemand ge-zwungen ist, zu sterben oder zwischen den beiden Geschlechtern zu wählen. So gesehen ist die Welt des Perversen eine Welt der reinen symbolischen Ordnung, in der das Spiel des Signifikanten seinen Lauf nimmt, ungehindert durch die Realität menschlicher Begrenztheit. Der einen Betrach-tungsweise nach scheint unsere Erfahrung von Cyberspace perfekt dazu zu passen: Ist nicht auch der Cyberspace eine Welt, die nicht durch die Trägheit des Realen eingeschränkt und nur durch selbstgesetzte Regeln bestimmt wird? Und verhält es sich nicht ebenso mit der Virtuellen Realität in "Matrix"? Die "Wirklichkeit", in der wir leben, verliert ihren unerbittlichen Charakter, sie wird ein Be-reich der willkürlichen (von der Matrix erlassenen) Regeln, die man mit ausreichend starker Willens-kraft jedoch verletzen kann... Was allerdings diese Standardinterpretation nicht in Betracht zieht, ist gemäß Lacan die einzigartige Beziehung zwischen dem großen Anderen und dem Genuß der Per-version.
Hier liegt der Schlüssel zum richtigen Verständnis von "Matrix": in seiner Gegenüberstellung von zwei Aspekten der Perversion. Einerseits die Reduzierung von Wirklichkeit zu einem virtuellen Reich, be-stimmt durch willkürliche, aber verletzbare Regeln; andererseits die versteckte Wahrheit dieser Frei-heit, die Reduzierung des Subjekts zu vollkommen instrumentalisierter Passivität.
Slavoj Žižek
(Übersetzung: Katharina v. Königslöw & Natalie Lettenewitsch)

 

TEXTE VON SLAVOJ ŽIŽEK (Auswahl)

· Willkommen in der Wüste des Realen [DIE ZEIT 39/2001]
· Die zwei Seiten der Perversion »Die Philosophie der Matrix« [Schnitt-Filmmagazin, Ausgabe 17, 01/2000]
· Bring me my Philips Mental Jacket [en.] [Žižek zum Thema »Genetische Manipulationen«, Mai 2003]

 

SLAVOJ ŽIŽEK: GESPRÄCHE UND INTERVIEWS

· Hysterie und Cyberspace, Interview: Ulrich Gutmair und Chris Flor [Telepolis, 1998]
· »Der westliche Pazifismus ... und seine die Entpolitisierung vorantreibende Haltung« Ein Gespräch mit Slavoj Zizek, [com.une.farce, 2000]
· Der Krieg und das fehlende ontologische Zentrum der Politik, Sabine Reul und Thomas Deichmann im Gespräch mit Zizek [eurozine, 2001]
· »Wir werden dich erschießen..« Interview: Yves Mettler, Renate Woehrer, Monika Wulz und Boris Buden [IG Kultur Österreich, 2001]
· I am a Fighting Atheist [en.] Interview: Doug Henwood, Intro: Charlie Bertsch [Bad subjects, 2002]

 

TEXTE ÜBER SLAVOJ ZIZEK

· Real Virtuality: Slavoj Zizek and »Post-Ideological« Ideology [en.] Review von James S. Hur-ley [1998]
· Anleitung zur Selbstanalyse [I] Reviews von Matthias Wallich [2001]

 

EINZELVERÖFFENTLICHUNG IN DEUTSCHER SPRACHE

· Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! : Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien, Berlin, Merve, 1991
· Der Erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idea-lismus, Wien, Turia + Kant, 1992
· Grimassen des Realen. Jacques Lacan oder die Monstrosität des Aktes, Köln, Kiepenhauer + Witsch, 1993
· Hegel mit Lacan, Zürich, Riss-Extra 2, 1995
· Verweilen beim Negativen, Wien, Turia + Kant, 1995
· Die Metastasen des Genießens : sechs erotisch-politische Versuche, Wien, Passagen, 1996
· Der nie aufgehende Rest : ein Versuch über Schelling und die damit zusammenhängenden Gegenstände, Wien, Passagen, 1996
· Mehr-Genießen : Lacan in der Populärkultur, Wien, Turia + Kant, 1997
· Die Nacht der Welt. Psychoanalyse und Deutscher Idealismus, Frankfurt/Main, Fischer, 1998
· Das Unbehagen im Subjekt, Wien, Passagen, 1998
· Ein Plädoyer für die Intoleranz, Wien, Passagen, 1998
· Ein Triumph des Blicks über das Auge: Psychoanalyse bei Alfred Hitchcock, Wien, Turia + Kant, 1998
· Die Pest der Phantasmen: Die Effizienz des Phantasmatischen in den neuen Medien, Wien, Passagen, 1999

· Sehr innig und nicht zu rasch, Wien, Turia + Kant, 1999
· Liebe Deinen Nächsten? Nein, Danke! Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoderne, Berlin, Volk und Welt, 1999
· Lacan in Hollywood, Wien, Turia + Kant, 2000
· Das fragile Absolute: Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen, Berlin, Volk und Welt, 2000
· Das Vermögen der Fetischisten, Frankfurt/Main, 2000
· Die Tücke des Subjekts, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2001
· Die gnadenlose Liebe, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2001
· Die Furcht vor echten Tränen. Krysztof Kieslowski und die »Nahtstelle«, Berlin, Volk und Welt, 2001
· Denn sie wissen nicht, was sie tun, Wien, Passagen, 2001
· Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2002
· Die Revolution steht bevor, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2002
· Der zweite Tod der Oper, Kulturverlag Kadmos, 2002
· Die Puppe und der Zwerg, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2003
· Willkommen in der Wüste des Realen, Wien, Passagen
· Körperlose Organe, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2005
· Die politische Suspension des Ethischen, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2005
· Parallaxe, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2006
· Das Reale des Christentums. Essenzen, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2006

Quelle: zkm.de (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe)