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Waste Land

Bras. / GB 2010 - 98 Min. – OmU

Regie
Lucy Walker

Co- Regie
João Jardim
Karen Harley

Produzenten
Angus Aynsley
Hank Levine

Co-Produzent
Peter Martin

Ausführende Produzenten
Fernando Meirelles
Miel de Botton Aynsley
Andrea Barata Ribeiro
Jackie de Botton

Musik
Moby

Schnitt
Pedro Kos

1. Kamera
Dudu Miranda

2. Kamera
Heloisa Passos
Aaron Phillips

Set-Ton
Aloysio Compasso
José Lozeiro

Regieassistenz
Gabriela Weeks

 


WASTE LAND

Ein Film von Lucy Walker

Kinostart: 26. Mai 2011


Trailer

Stadt  Kino  Termin  Info   
Alpirsbach  Subiaco  01.-07.09.2011     
Bamberg  Lichtspiel  28.07.-03.08.2011     
Bochum   Studienkreis Film  12.01. + 17.01.2012     
Boizenburg  Kino-Boizenburg  11.-12.+21.-22.+30.-31.08.2011     
Bonn  Woki  05.09.2011     
Braunschweig  Roter Saal  20.10.2011     
Bremerhaven  Cinemotion  31.08.2011     
Brhl  Zoom  23.11.2011     
Chemnitz  Ufer e. V.  09.11.2011     
Dortmund  Kino im U  26.01 + 29.01.2012     
Duisburg  Filmforum  22.-28.09.2011     
Dsseldorf  Kino 77 / ASTA  15.11.2011     
Ebersberg  Altes Kino  12.10.2011     
Frankfurt   Pupille Kino in der Uni  am 03.11.2011     
Freudenstadt  Subiaco  08.-14.09.2011     
Gttingen   Clubkino des Studentenwerks  21.11.2011     
Greifswald  Filmclub Casablanca  07.11.2011     
Grohennersdorf  Kunstbauerkino  17.11.-23.11.2011     
Hagen  Kino Babylon  15.09.-21.09.2011     
Holzkirchen  Foolskino  01.-14.09.2011     
Hoyerswerda  Blow Up Kino  17.11.2011     
Ingolstadt  Audi-Programmkino  17.08.2011     
Kassel  Bali  am 11.09.2011     
Kiel  Kunsthalle  09.11. + 03.12.2011, 11.01. + 01.02.2012     
Kirchberg  Klappe  04.-17.08.2011     
Kln  Odonien  02.08.2011  Open Air   
Konstanz  Scala  20.10-26.10.2011     
Landshut  Kinoptikum  30.11. + 01.12.2011     
Leipzig   Cinematheque  25.-31.08.2011     
Leutkirch  Centraltheater  25.08.+26.08.2011     
Ludwigsburg  Caligari  23.+24.+27.07.2011     
Lneburg  Scala  04.-10.08.2011     
Magdeburg  ARTist! Moritzhof  08.09.-14.09.2011     
Magdeburg  Moritzhof  08.-14.09.2011     
Mnster  Cinema  31.07.+10.08.2011     
Penzberg  Kino P  18.08.-31.08.2011     
Pforzheim  Kommunales Kino  14.09. +17.09.2011     
Pforzheim  Kommunales Kino   14.+ 17.09.2011     
Potsdam  Filmmuseum  25.02. - 29.02.2012     
Potsdam  Thalia  19.08.2011     
Rostock  Wundervoll  21.-27.7.2011     
Singen  Weitwinkel  13.12. + 14.12.2012     
Tbingen  Arsenal  31.08.2011     
Weimar  Kommunales Kino im Mon Ami  02.+ 03.09.2011     
Weingarten  Linse  29.09.-05.10.2011     
Weiterstadt  Kommunales Kino  02.-04.09.2011     
Wuppertal  CinemaxX  26.08.2011  Reihe 50+     

 

Synopsis


Über einen Zeitraum von fast drei Jahren folgt WASTE LAND dem renommierten zeitgenössischen Künstler Vik Muniz von seinem Wohnort Brooklyn zu seinen brasilianischen Wurzeln und zur größten Müllkippe der Welt – „Jardim Gramacho“, gelegen an der Peripherie von Rio de Janeiro.

Er fotografiert dort eine ungewöhnliche Gruppe sogenannter „Catadores“, selbsternannter „Pflücker“ wiederverwertbaren Materials. Muniz´ ursprüngliche Idee war es, die Catadores mit Müll zu ‚malen’. Seine Zusammenarbeit mit diesen Menschen, die ihre eigenen Portraits nach fotografischen Vorlagen nachbilden, offenbart im Laufe des kreativen Prozesses sowohl den Stolz als auch die Verzweifelung der Catadores, die beginnen, ihr Leben zu überdenken.


Der Regisseurin Lucy Walker (DEVIL'S PLAYGROUND, BLINDSIGHT) gelingt es, große Einblicke in den gesamten Prozess zu geben. Am Ende liefert sie den anrührenden Beweis der transformativen Kraft von Kunst und der Alchemie des menschlichen Geistes.

 

 

HINTERGRUNDINFORMATIONEN

JARDIM GRAMACHO


In Jardim Gramacho („Gramacho Gardens“), gelegen an der nördlichen Spitze von Rio de Janeiros Guanabara Bay, direkt gegenüber der Christusstatue, die der Deponie den Rücken kehrt und ihre Arme in Richtung Süden streckt, wird täglich mehr Abfall abgeladen als in irgendeiner anderen Deponie auf der Welt. Die 7.000 Tonnen Müll, die jeden Tag eintreffen, machen rund 70% des Abfalls aus, der in Rio de Janeiro und Umgebung produziert wird.


1970 als Einrichtung für sanitäre Abfälle gegründet, wurde das Deponiegelände Heimat einer anarchischen Gemeinde während der Wirtschaftskrise der 1979er und 80er Jahre.
Diese so genannten Catadores lebten und arbeiteten im Müll, sammelten und verkauften Schrott und wiederverwertbare Materialien. Sie besetzten das Gelände und gründeten eine Gemeinde (die Favela von Jardim Gramacho), die heute die Müllhalde umgibt, über 20.000 Menschen beheimatet und vollständig auf einer Wirtschaft basiert, die von dem Handel mit verwertbaren Materialien lebt.


Im Jahr 1995 begann das Amt für Stadtreinigung Rio de Janeiros, die Deponie zu rehabilitieren und den Beruf des Catadors offiziell anzuerkennen. Den Catadores wurden behördliche Genehmigungen ausgestellt und grundlegende Sicherheitsvorgaben, wie die Untersagung des Aufenthalts von Kindern auf der Müllhalde, wurden durchgesetzt.
Auf der anderen Seite gründeten die Catadores die ACAMJG, die Association of Pickers of Jardim Gramacho, deren Präsident Tião Santos eine wichtige Rolle im Film WASTE LAND spielt. Die ACAMJG ebnete den Weg für die Stadtteilentwicklung. Unter der Führung Santos‘ führte die ACAMJG ein dezentralisiertes System der Abholung recyclebaren Abfalls in benachbarten Stadtbezirken ein; außerdem schaffte sie die Voraussetzungen für die Gründung eines Recycling-Centers, die berufliche Anerkennung des Catadors, die die Kontaktaufnahme mit den Catadores zwecks Dienstleistung ermöglichte, den Bau einer rund um die Uhr geöffneten Klinik, und die Gründung einer Kindertagesstätte und einer Ausbildungsstätte. Abgesehen von diesen Gemeinschaftsinitiativen führt die ACAMJG die von der Regierung unterstützte nationale Bewegung zur beruflichen Anerkennung des Catadors an und schloss sich mit anderen südamerikanischen Initiativen zusammen, um im November 2009 die erste internationale Konferenz der Catadores in São Paulo abzuhalten.


Heute arbeiten ca. 1.300 Catadores täglich auf der Mülldeponie und tragen dabei 200 Tonnen verwertbaren Materials ab. Sie haben die Lebenszeit der Müllhalde durch das Abtragen verlängert und steuern darüber hinaus dazu bei, dass die Deponie eine der höchsten Recycling-Raten der Welt aufweisen kann.
Die Mülldeponie soll planmäßig im Jahr 2012 geschlossen werden, daher kämpfen Initiativen wie die ACAMJG für die Bereitstellung von Ausbildungsstätten für die Catadores.

 

STATEMENT DER REGISSEURIN


Ich habe mich schon immer für Abfall interessiert. Was er über uns aussagt. Was davon uns beschämt und wovon wir uns kaum zu trennen vermögen. Wohin er gelangt und wieviel es gibt. Wie er überdauert. Wie es wohl sein könnte, jeden Tag damit zu arbeiten. Ich habe einmal vom Feldzug einer Frau gelesen, die ihre Wertschätzung für all die Müllmänner in New York ausdrückte, indem sie jeden einzelnen umarmte, und ich begrüßte ihre Bekundung…und doch musste es eine andere Art und Weise für mich geben, meine Anerkennung zu zeigen.

Als Filmstudentin an der New York University begann ich, im NYU Triathlon Club zu trainieren. Während der zermürbenden frühmorgendlichen Trainingseinheiten kam ich mit einer anderen Triathletin, Robin Nagle, in Kontakt, einer brillianten Professorin, die über das Thema Abfall dozierte. Was sie dazu zu sagen hatte, faszinierte mich derartig, dass ich mich in ihr Seminar setzte und begeistert meine Gedanken zu Gesellschaftslehren, Auswirkungen und Wirklichkeiten von Müll vertiefte.

Als Robin dann ihre Studenten auf eine Exkursion nach Fresh Kills mitnahm, dem Deponiegelände in Staten Island, war ich neugierig und hängte mich dran. Heute ist das Areal am besten als Ruhestätte für die Trümmer des World Trade Center bekannt, aber dies fand noch im März 2000 statt. Es war ein schockierender Ort: Maschendrahtzäune über und über bedeckt mit riesigen Mengen raschelnder Plastiktüten, die die unangenehmsten Geräusche machten, die man sich nur vostellen kann und Rohre, die Methan ausstießen und in regelmäßigen Abständen die riesigen grasbewachsenen Müllberge durchbohrten. Es war die Parodie eines idyllischen, durch-designten Stadtparks mit Müllbergen, die die Freiheitsstatue an Höhe übertreffen. Wir beobachteten die Ratten, Möwen und Hunde und das Palimpsest von Schichten über Schichten ausrangierter Besitztümer. Und wir versuchten, den fauligen Gestank auszublenden.
Ich finde große, außergewöhnliche Drehorte toll und konnte kaum glauben, dass ich zuvor noch nie eine Mülldeponie auf der Leinwand gesehen hatte. Es war ein gespenstischer Ort. Und all der Abfall, den ich in meiner Zeit in New York produziert hatte, lag dort irgendwo. Dies war der Friedhof all meiner Sachen, zusammen mit denen aller anderen. Ich wusste sofort, dass ich einen Film auf einer Mülldeponie drehen wollte.

Wir springen in das Jahr 2006: Ich traf den Produzenten Agnus Aynsley und den Koproduzenten Peter Martin beim BritDoc und später noch einmal beim London Film Festival, mochte beide sofort und wollte mit ihnen zusammenarbeiten. Als wir über mögliche Projekte sprachen, erwähnte Angus seine Bekanntschaft mit Vik Muniz und dass er von dessen höchst unterhaltsamer Diashow über Kunstgeschichte sehr beeindruckt gewesen war. Ich kannte und bewunderte Viks Arbeiten und die Möglichkeit, mit ihm zu arbeiten, begeisterte mich wahnsinnig. Also las ich einige von Viks Texten und begab mich mit Angus und Peter nach Newcastle, England, um Vik zu treffen, der dort im Januar 2007 eine Eröffnung im Baltic Centre of Contemporary Arts hatte.
Als wir uns zwei Monate später in Viks New Yorker Studio trafen, kam das Thema Müll ins Gespräch und ich dachte plötzlich an meinen Ausflug nach Fresh Kills sieben Jahre zuvor. Das war der Moment der Erleuchtung. Vik hatte bereits eine wundervolle Serie mit Unrat geschaffen und darüber hinaus Projekte mit Straßenmüll und Staub verwirklicht. Der kreative Einsatz verschiedener Stoffe und Materialien ist sein Erkennungsmerkmal – sei es Schokoladensauce, Zucker oder Kondensstreifen von Flugzeugen – dieses Projekt würde stark eine Ausweitung seiner früheren Arbeiten bedeuten. Nachdem wir auf dieses Thema zu sprechen kamen, waren alle anderen Ideen auf einen Schlag uninteressant geworden. Ich wusste, dass eine Zusammenarbeit zwischen Vik und den Catadores möglicherweise sehr dramatisch werden könnte. Vik hatte zuvor einige großartige soziale Projekte mit Straßenkindern in Sao Paolo abgeschlossen. Er leitete ein aktuelles Projekt in Rio de Janeiro, das Kinder aus den Favelas einspannte, und ich war absolut von ihm inspiriert.

Einen Monat später bekamen Angus und ich großartige Neuigkeiten: Fabio hatte eine Mülldeponie gefunden, wo der Drogenhandel unter Kontrolle war und die Catadores von einem jungen, charismatischen Leiter eingeteilt wurden, der einer Zusammenarbeit mit Vik angeblich offen gegenüberstand. Wir waren alle sehr nervös – es gab so viele Dinge, vor denen man Angst hatte, von Denguefieber bis Kidnapping – aber wir wollten alle dorthin. Im August 2007 kamen Vik, Angus, Peter und ich in Rio de Janeiro an. Als wir durch die Autofenster die Extreme der Armut und des Wohlstands beobachteten, die so drastisch zu Schau gestellt wurden…der Kontrast von Bergen und Meer, schwarz und weiß, Unrat und Kunst, Künstlern und Catadores…die Gegensätze könnten nicht deutlicher gezeichnet werden als in Rio de Janeiro. Mir wurde klar, dass es kein Zufall war, dass wir dieses spezielle Thema ausgerechnet in Rio angingen. Es war perfekt.
In diesem Film, wie auch in all meinen anderen Projekten, geht es darum, Menschen kennenzulernen, denen man im Leben unter gewöhnlichen Umständen nicht begegnet wäre. Es ist mein Ziel, eine Gelegenheit für das Publikum zu schaffen, sich emotional mit den Menschen auf der Leinwand zu verbinden. Allerdings braucht man dafür Persönlichkeiten, die liebenswert sind. Als ich Valter dann zum ersten Mal auf seinem Fahrrad heranradeln sah, wusste ich, dass nichts mehr schiefgehen konnte. Ich war an dem Tag zu meiner ersten Erkundungstour in die Deponie aufgebrochen und von Kopf bis Fuß in schützende Schichten gehüllt, die für eine Mondlandung angemessen gewesen wären. Sein Fahrrad war so erfinderisch mit alten Schmuckstücken aus dem Müll dekoriert und er betätigte seine Hupe mit derart viel Witz, dass ich auf der Stelle von ihm hingerissen war.

Ich bin Viks größter Fan. Und diese Idee des “menschlichen Faktors”, der Größenordnungen der Portraitierung versus der Distanz während des Kennenlernens ist das, worum es für mich in diesem Film geht. Ich weiß nicht, ob es irgendjemandem auffallen wird, ohne dass ich darauf hinweise, aber es gibt drei Anspielungen auf Ameisen im Film: während er über Gramachi fliegt, bemerkt Vik, dass die Menschen “wie kleine Ameisen aussehen, die das machen, was sie jeden Tag tun”; dann spricht auch Isis über die Ameise, die sie einst beobachtete, wie sie über das Gesicht ihres toten Sohnes krabbelte; schließlich sehen wir, wie Vik in seinem Studio, einen Pinsel in der Hand, mit einer Ameise spielt. Dieses Erlebnis, so weit entfernt zu sein, dass Menschen zu Ameisen ohne “menschlichen Faktor” werden, ist die gegenteilige Erfahrung davon, so tief mit seinem Sohn verbunden zu sein, dass man “nicht das kleinste Detail, nicht ein einziges Detail” jemals vergessen wird, nicht einmal eine Ameise, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf seinem Gesicht befand.
Vik als Künstler spielt mit diesen Ebenen von Nähe und Distanz, damit, dem Zuschauer das bloße Material zu zeigen oder ihm eine Idee zu vermitteln und dabei die Beziehung zwischen Pinselstrich und dargestellter Szene zu enthüllen. Das Portrait ist Isis, es ist ein Picasso, es ist ein Haufen Müll und es ist ein Werk Vik Muniz’ – alles auf einmal. Man kann Dinge aus der Nähe oder aus der Ferne betrachten. Ebenso kann man Menschen aus der Entfernung fürchten oder mit ihnen interagieren. Ich liebe den Film POWERS OF TEN des Ehepaares Eames und wollte ein soziales Gegenstück dazu schaffen. Anfangs sehen wir den Ort über GoogleEarth, dann aus einem Hubschrauber, dann aus einem Auto, dann aus sicherer Entfernung, dann aus einer ersten Begegnung, dann aus einer wachsenden Freundschaft, schließlich aus der Position, grundlegend und dauerhaft durch ihn verändert worden zu sein.
Genau wie die Portraits für Vik als Spiegel dienen sollen, in denen die Catadores sich wiedererkennen, so hoffe ich, dass der Film uns dabei hilft, unsere Reise zu reflektieren, die uns dazu führt, uns auf Menschen einzulassen, die uns selbst so fremd sind. Die Konzentration vollkommen darauf zu richten, dass man sich für jemanden interessiert und um jemanden sorgt, der zuvor so weit von einem entfernt war, wie es nur möglich ist.
Vik und seine Frau fangen an, vor der Kamera darüber zu diskutieren, ob das Projekt den Catadores schadet, indem es sie aus ihrer gewohnten Umgebung herausreißt, um sie anschließend wieder dorthin zurückkehren zu lassen. Gleichermaßen kommt eine weitere Frage auf: Sollten Dokumentarfilmer in das Leben der Personen eingreifen? Wie könnten sie nicht? Ich glaube nicht an Objektivität. Ich bemerke den so genannten Hawthorne-Effekt, das Paradoxon des Beobachters, in jeder Sekunde des Filmens. Die eigene Anwesenheit verändert alles, da gibt es keinen Zweifel. Und man hat eine gewisse Verantwortung.

Mein tief empfundener Dank gilt den Catadores. Ich komme nicht umher, WASTE LAND zusammen mit meinen früheren Filmen DEVIL’S PLAYGROUND und BLINDSIGHT als dritten Teil eines Triptychons zu sehen, nicht zuletzt aufgrund der Ehrfurcht und der Dankbarkeit, die ich für die Gruppe von Menschen empfinde, die mutig genug waren, ihre Geschichten mit uns zu teilen und ein Leben so voller Inspiration für uns alle zu führen. Wir widmen diesen Film Valter, der einst sagte, dass 99 nicht 100 sei. Eine einzige Dose oder ein einzelner Catador könne den Unterschied machen.

 Lucy Walker, Januar 2010

 

 

WERDEGANG DES KÜNSTLERS MUNIZ

Illusionist und Innovator Vik Muniz, geboren in Brasilien und ansässig in Brooklyn, lebt für den Moment, in dem uns alle feststehenden Vorurteile im Stich lassen und wir gezwungen sind, in einen Dialog mit der Welt zu treten, die wir bewohnen. In diesem Moment werden wir mit dem Chaos konfrontiert, das uns für gewöhnlich verborgen bleibt. Durch seine Kunstwerke (sowohl als Produkt als auch als Prozess)  macht Muniz die fruchtbare Möglichkeit des Chaos nutzbar. Ähnlich wie ‘Dumpster Diving’ und ‘Freeganismus’ beschäftigt sich Vik Muniz’s neuestes Projekt  “Pictures of Garbage” mit dem Aushub von Müll. Allerdings ist ein Hauptunterschied, dass seine Erkundung sich über die Fragen von Nützlichkeit hinaus bewegt – er ist nicht nur daran interessiert, die geheimen Schätze in den Müllbergen zu finden und zu verwerten, (iPods, Obstschalen, Schmuck) sondern daran, den Abfall als Medium der Kunst zu nutzen.
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“The beautiful thing about garbage is that it’s negative; it’s something that you don’t use anymore; it’s what you don’t want to see,” says Muniz. “So, if you are a visual artist, it becomes a very interesting material to work with because it’s the most nonvisual of materials. You are working with something that you usually try to hide.”

Zunächst reiste Muniz zur größten Mülldeponie der Welt, Jardim Gramacho (im Norden Rio de Janeiros), wo er mit einer Gruppe von Menschen — Portugiesisch: catadores— Kontakt aufnahm, die die Abfälle der Stadt nach Verwertbarem durchsuchten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Geschätzt 3.000 - 5.000 Menschen leben auf der Müllhalde, 15.000 beziehen ihr Einkommen aus Aktivitäten, die mit Müll in Verbindung stehen und manche der Leute, die Muniz in Jardim Gramacho kennenlernte, stammen aus Familien, die bereits seit drei Generationen auf der Deponie arbeiten. Catadores werden gleich den Müllbergen, die sie ihre Heimat nennen, an den Rand der Gesellschaft geschoben und für den Durchschnitts-Brasilianer unsichtbar gemacht. Und doch ist Muniz nicht daran interessiert die “Rettet die Kinder”-Mitleids-Politik voranzutreiben, die die Catadores als passive Opfer darstellt. “Diese Menschen befinden sich am anderen Ende der Komsum-Kultur,” sagt er. “Ich erwartete gebeutelte und gebrochene Menschen, aber diese Leute waren Überlebenskünstler.” Muniz freundete sich schnell mit einigen Catadores an und arbeitete mit ihnen zusammen an überdimensionalen Portraits: Mit Irma, einer Köchin, die Essen auf der Müllhalde verkauft; Zumbi, dem ansässigen Intellektuellen, der an jedem Buch festhält, das er irgendwann fand; und mit der 18-jährigen Suelem, die schon mit sieben Jahren auf der Mülldeponie ankam. Laut Donald Eubank „mietete Muniz vier Tonnen Müll und eine Lagerhalle und zusammen ordneten sie auf dem Boden mit Hilfe des Abfalls Nachbildungen der Fotografien an, die Muniz zuvor von den Catadores gemacht hatte. Danach kletterten sie zur Decke hinauf und machten aus 22 Metern Höhe Fotos der Kompositionen. Die Portraits waren aus leeren Flächen entstanden, aus den Stellen, an denen kein Müll lag.“
Aufgrund seiner weltweiten Bekanntheit als Künstler konnte Muniz eines der Abfall-Portraits für 64.097 Dollar bei der angesehenen Phillipe de Pury Auktion in London versteigern. 100% der Einnahmen gingen an die Garbage Pickers Association von Jardim Gramacho.

 

 

KURZBIOGRAPHIEN

VIK MUNIZ

Vik Muniz wurde im Jahr 1961 in Sao Paolo, Brasilien, in eine Arbeiterfamilie hineingeboren. Als junger Mann wurde er bei dem Versuch, eine Schlägerei aufzulösen, am Bein angeschossen. Er wurde für seine Verletzung finanziell entschädigt und verwendete das Geld für eine Reise nach New York City, wo er seit Ende der 1980er Jahren lebt und arbeitet. Er begann seine Karriere als Bildhauer, interessierte sich aber mehr und mehr für fotografische Abbildungen seiner Werke und widmete sich letztendlich ausschließlich der Fotografie. Er lässt eine Vielfalt verschiedener Materialien in den fotografischen Prozess einfließen. Vik, der häufig seriell arbeitet, verwendet Diamanten, Zucker, Bindfaden, Schokoladensauce und Abfall, um gewagte, geistreiche und oft trügerische Bilder zu kreieren, und schöpft dabei aus den Feldern des Fotojournalismus und der Kunstgeschichte. Seine Werke treffen sowohl auf kommerziellen Erfolg als auch auf positive Kritiken und wurden weltweit ausgestellt. Seine Show im MAM in Rio de Janeiro wurde an Besucherzahlen nur durch Picasso übertroffen; hier stellte er auch zum ersten Mal seine Fotografien ,Pictures of Garbage Series‘ in Brasilien aus.

 

FABIO GHIVELDER

Viks Mitarbeiter und Leiter seines Studios in Rio de Janeiro war in allen Aspekten der Serie von „Abfall“-Werken, die in WASTE LAND gezeigt werden, von großer Bedeutung.
Fabio war es, der Jardim Gramacho als Produktionstätte für die Arbeiten Viks ausfindig machte. Er stellte die Verbindungen zu den Catadores, den Beamten bei der Stadtreinigung und in Jardim Gramacho her. Darüber hinaus war er der kluge Kopf hinter der Einrichtung eines Studios in Rio und der Infrastruktur, die nötig war, um die monumentalen Werke zu schaffen. Er stellte sicher, dass das künstlerische Umfeld Viks Standard entsprechen würde, kümmerte sich um das Management des Projektes und den Kontakt zu den Catadores, betreute das Foto-Shooting in Jardim Gramacho und fungierte als Viks Resonanzboden und wichtigster Berater in allen kreativen Aspekten des Projekts.
Im Vorfeld hatte Fabio die Produktion von Viks höchst erfolgreicher „Junk“ Serie verwaltet, die im Studio in Rio produziert worden war. Bevor er in seine Heimat Brasilien zurückkehrte, um Viks Arbeitsablauf zu koordinieren, lebte und arbeitete Fabio in NYC bereits seit einigen Jahren im Berufsfeld der Fotografie.
Fabio hat einen schelmischen Humor, ist ein großartiger Geschichtenerzähler, ein Fan verschiedener Fernsehserien wie „Seinfeld“ und bildet zusammen mit Vik ein unschlagbares Comedy-Duo!

 

“CATADORES”  -  “PFLÜCKER”

TIAÕ (SEBASTIAO CARLOS DOS SANTOS)
Tiaõ ist der junge, charismatische Präsident der ACAMJG (Association for the Pickers of Jardim Gramacho), einer Gemeinschaft, die sich für die Verbesserung der Lebensumstände aller Catadores einsetzt. Von politischen Texten inspiriert, die er im Müll fand, überzeugte Tiaõ seine Kollegen, dass Organisation einen entscheidenden Unterschied macht. Tiaõ „pflückt“ schon, seit er elf Jahre alt ist.

ZUMBI (JOSE CARLOS DA SILVA BALA LOPES)
Zumbi ist der ansässige Intellektuelle. Wenn er ein Buch erblickt, sieht er nicht nur wiederverwertbares Papier. Er hat jedes Buch behalten, das er je auf der Müllkippe gefunden hat, und betreibt von seiner Hütte aus eine Gemeinde-Bücherei. Er sitzt im Ausschuss der ACAMJG und arbeitet in Jardim Gramacho, seit er neun Jahre alt ist.

SUELEM (SUELEM PEREIRA DIAS)
Suelem arbeitet mit Abfall, seit sie sieben Jahre alt ist; jetzt ist sie 18, hat zwei Kinder und ein drittes ist auf dem Weg. Sie ist stolz auf ihre Arbeit, da sie sich weder prostituiert noch mit Drogen handelt - ihre einzigen anderen Berufsoptionen. Trotzdem würde sie sich gerne um Kinder kümmern oder wenigstens die Möglichkeit haben, mit ihren eigenen Kindern das Haus zu hüten.

ISIS (ISIS RODRIGUES GARROS)
Isis liebt Mode und hasst das Aufsammeln von Müll. Bei ihrem Zusammenbruch erzählt sie von der Tragödie, die sie auf die Müllhalde gebracht hat.

IRMA (LEIDE LAURENTINA DA SILVA)
Irma ist die ansässige Köchin und bereitet aus den frischesten Zutaten, die sie in Jardim Gramacho finden kann, regelmäßig ein wechselndes Tagesgericht zu.

VALTER (VALTER DOS SANTOS)
Valter ist einer der Älteren auf der Deponie, Recycling-Guru und ansässiger Dichter, der mit Reimen zu verzücken weiß.

MAGNA (MAGNA DE FRANÇA SANTOS)
Magna machte schwere Zeiten durch, als ihr Mann seinen Job verlor. Im Bus rümpfen die Leute vielleicht ihre Nase über sie, aber wenigstens, so sagt sie, geht sie auf der Copacabana nicht auf den Strich.

 

 

BIOGRAPHIEN DER REGISSEURE

REGISSEURIN LUCY WALKER

Lucy Walker bedient sich bei ihren Dokumentarfilmen dramatischer Techniken und folgt denkwürdigen Persönlichkeiten auf eine Reise, die exklusiven Einblick in abgeschlossene Welten ermöglicht. Neben WASTE LAND hat Lucy Walker bei einem zweiten Dokumentarfilm Regie geführt, der im Rahmen des Sundance Filmfestivals 2010 seine Premiere feierte: COUNTDOWN TO ZERO, ein erschreckendes Exposé über die aktuelle Bedrohung durch nuklearen Terrorismus und die atomare Ausbreitung.

Walkers vorhergehender Film BLINDSIGHT hatte in Toronto Premiere und erhielt Publikumspreise bei der Berlinale, in Ghent, bei den Filmfestivals des AFI und in Palm Springs und wurde als bester Dokumentarfilm 2007 für den Grierson Award und bei den British Independent Film Awards nominiert. BLINDSIGHT folgt sechs blinden tibetischen Teenagern, die die Nordseite des Mount Everest besteigen, auf eine emotionale Reise.
Begleitet werden die Jugendlichen von ihrem Idol, dem blinden amerikanischen Bergsteiger Erik Weihenmeyer und ihrer Lehrerin und Gründerin von ‘Braille Without Borders’, der einzigen Schule für Blinde in Tibet, Sabriye Tenberken.

Walkers erster Dokumentarfilm mit Spielfilmlänge DEVIL’S PLAYGROUND untersuchte die Konflikte Amischer Jugendlicher während ihrer Zeit des Experimentierens (rumspringa). Er feierte 2002 beim Sundance Filmfestival Premiere und gewann Preise bei den Karlovy Vary und Sarasota Filmfestivals, erhielt drei Emmy Award Nominierungen für den Besten Dokumentarfilm, die Beste Regie und den Besten Schnitt und eine Nominierung für den Besten Dokumentarfilm beim Independent Spirit Award. Walkers Verdienste umfassen darüber hinaus Nickelodeons “Blues’s Clues”, eine Serie für die sie zwei Nominierungen im Rahmen der Emmy Awards in der Kategorie Beste Regie in einer Kinderserie erhielt und außerdem einige weitere preisgekrönte Kurzfilme.

Walker wuchs in London auf und begann auf der High School, bei Theaterstücken Regie zu führen. Sie setzte dies als Studentin an der Oxford University fort, wo sie für ihre Stücke diverse Auszeichnungen von der angesehenen Oxford Universtiy Dramatic Society erhielt. Nach ihrem erfolgreichen Universitätsabschluss als Jahrgangsbeste in Literatur bekam sie ein Fullbright Stipendium für einen weiterführenden Studiengang in Filmregie an der New York University, wo sie ihren MFA absolvierte. Während ihrer Studienzeit an der NYU arbeitete sie nachts als Musikerin und DJ und machte so Bekanntschaft mit Moby, der später zum Soundtrack von WASTE LAND beitragen sollte.

 

CO-Regisseure
JOÃO JARDIM
João Jardims erster Film ‘JANELA DA ALMA’ (2002) überraschte alle mit seiner außergewöhnlichen Thematik: dem Sehvermögen. Der Dokumentarfilm erhielt bedeutende Preise und schaffte es auf Platz acht der brasilianischen Kinocharts des Jahres 2002, wobei er 48 Wochen lang in den Kinos blieb – ein Rekord für Dokumentarfilme. Im Jahr 2006 wurde seine Dokumentation ‘PRO DIA NASCER FELIZ’ mit zehn Awards ausgezeichnet, einschließlich des Preises für den Besten Dokumentarfilm bei der Mostra de São Paulo und drei weiteren wichtigen Awards beim Gramado Filmfestival.
2008 war João Co-Regisseur beim Dokumentarfilm ‘WASTE LAND’ über den Brasilianischen Künstler Vik Muniz, einer britisch-brasilianischen Koproduktion. Für das Fernsehen führte João bei einigen Serien für Globo TV Regie, einschließlich bei ‘POR TODA A MINHA VIDA’, die von den Musikerinnen/Sängerinnen Nara Leão, Elis Regina, Raul Seixas und Dolores Duran handelte. Die Sendungen über Elis Regina und Nara Leão wurden für die International Emmy Awards 2007/2008 in der Kategorie Best Art Program nominiert.

KAREN HARLEY
Karen Harley hat bei verschiedenen dokumentarischen Kurzfilmen über brasilianische Künstler Regie geführt, unter anderem bei ‘WE FISHING THE TIME’ über Ernesto Neto, bei einem biographischen Portrait des Künstlers Leonilson mit dem Titel ‘WITH THE WHOLE OCEAN TO SWIM’ (Bester Film beim Rio Festival) und bei ‘COMFUNDO’ über Marcos Chaves. Als Cutterin hat Karen mit einer großen Bandbreite von Regisseuren zusammengearbeitet, einschließlich Cacá Iegues bei dem Film ‘TIETA’ und Fábio Barreto bei ‘QUATRILHO’, der eine Oscar-Nominierung als Bester Ausländischer Film im Jahr 1995 erhielt. Zusammen mit Mika Kaurismaki machte Karen den Schnitt für ‘MORO NO BRASIL’ (2002), ‘HONEY BABY’ (2003) und ‘BRASILEIRINHO’ (2005).
Im Jahr 2001 arbeitete Karen mit den Regisseuren João Jardim und Walter Carvalho an dem preisgekrönten Film ‘WINDOWS OF THE SOUL’. 2005 war sie Cutterin für ‘CINEMA, ASPIRINS AND VULTURES’ des unbekannten Regisseurs Marcelo Gomes, der in der Sektion Un Certain Regard beim Filmfestsival von Cannes 2005 Premiere feierte. Der Film gewann 30 Awards, einschließlich des Preises für den Besten Schnitt für Karen von der Brazilian Film Academy. Claudio Assis’ ‘BOG OF BEAST’, der 2007 den Tiger Award beim Filmfestival in Rotterdam erhielt, befand sich im selben Jahr in der Postproduktion. Der Film ‘THE DEAD GIRL’S FEAST’ von Newcomer Matheus Nachtergaele
wurde in der Sektion Un Certain Regard beim Filmfestival von Cannes im Jahr 2008 präsentiert. 2009 arbeitete Karen mit  Karim Ainouz und Marcelo Gomes an dem Film ‘I TRAVEL BECAUSE I HAVE TO, I COME BACK BECAUSE I LOVE YOU’ zusammen, der im Rahmen der Filmfestspiele in Venedig veröffentlicht und im selben Jahr als Bester Film beim Cuba Filmfestival und beim Santa Maria da Feira Festival in Portugal ausgezeichnet wurde. ‘WASTE LAND’ ist Karen Harleys erster künstlerischer Ausflug in die spielfilmlange Produktion.