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CREDITS Deutschland 2006 / 2007 - 96 Minuten
STAB
Regie / Kamera Ton / Montage Erzählung Assistenz / Recherche Redaktion Dank an eine in Koproduktion mit mit Unterstützung der |
Ein Film von Christoph Hübner Kinostart: 30. August 2007
KURZINHALT
Inhalt Wandersplitter geraten durch Verletzungen in den Körper, sind schwer zu orten, latent schmerzhaft und bewegen sich zielstrebig auf das Herz zu, wo sie im irritierend ungewissen Fall ihrer Ankunft tödlich wirken. Dieses Bild stammt von Thomas Harlan selbst, dessen Leben und Denken sich in einem abendfüllenden Film aus größeren und kleineren Episoden bruchstückhaft zusammensetzt. In seinem Zimmer in einem Lungensanatorium in den Bergen des äußersten Süddeutschlands erzählt der 1929 geborene Sohn von Hitlers Lieblingsregisseur Veit Harlan Geschichten – persönliche, politische und „ohne Ich“. Seit 2001 ist Weltenbürger Thomas Harlan in diesem einen Raum zu Hause, mit Blick auf den Obersalzberg. „Hitler hätte mich hier sehen können“, deutet er auf das Panorama und schlägt so den Bogen zur eigenen Geschichte: Als Kind zu Gast bei Hitler, bei Kriegsende konfrontiert mit dem zerstörten Deutschland, als Naziverfolger in polnischen Archiven aktiv, lebenslang der zwiespältigen Anziehungskraft des Namens Harlan ausgesetzt. Auch wenn ihn mit dem Vater eine große Liebe verbindet – gegen den Propagandisten, der JUD SÜß in Szene setzte, führte Sohn Thomas einen jahrzehntelangen Kampf. Zündete er anfangs noch Kinos an, die Filme seines Vaters zeigten, fragt er sich bis heute, wie der Vater nach Kriegsende weiter als Filmemacher arbeiten konnte, ohne persönliche Konsequenzen zu ziehen: „Wenn du das weißt, dass du einen Hammer gemacht hast, mit dem man andere totgeschlagen hat, kannst du nicht mehr ein Hammermacher sein.“
Nur ein Meter Raum liegt zwischen Kamera und Protagonist. In radikaler Reduktion filmischer Mittel bietet der konzentrierte Blick einem Erzähler Raum, der weniger als Zeitzeuge im Sinne der „oral history“ fungiert, als vielmehr selbst dichtet und verdichtet und mit Präzision und Kreativität die von ihm als „Kathedrale“ definierte Sprache nutzt. Gegliedert in nachträglich mit „Vatermord“ oder „Eine Geschichte ohne Ich“ überschriebene Kapitel fügen sich Harlans biographische Wandersplitter, einer klar strukturierenden Dramaturgie folgend, zu einem Gesamtbild mit erklärtem Anspruch auf Unvollständigkeit: Thomas Harlans Sprache macht erlebbar, wie Erinnerung funktioniert – diskontinuierlich, in Stimmung und Ton schwankend, voller Anfänge, Unterbrechungen, Auslassungen und Hinzufügungen. Biografische Angaben zu Thomas Harlan
geb. 1929, Kindheit in Berlin,
Originalton Thomas Harlan ... über seinen Lebenslauf
... über Sprache Sprache ist theoretisch in der Lage, Kathedralen darzustellen oder zu sein. Und da ist natürlich wirklich jeder Fehler die Voraussetzung für eine Einsturzgefahr. Sprache ist etwas sehr Selbstständiges. Das ist nicht etwa eine Sache, mit der Sie etwas sagen wollen. Das ist ja nur ein Missbrauch, wer die Sprache dazu benutzt um etwas sagen zu wollen, das ist ja schon ein solcher Missbrauch, dass es die Sprache gar nicht mehr gibt. Die will. Da müssen Sie folgen und klug folgen und noch mal säubern nachher, nicht zittern, Sie stürzen auch zwischendurch ab. Wie kriegt man einen Satz ins Gewöhnliche zurück, damit er nicht erarbeitet aussieht, sondern nur gut gedacht und einfach so vorgetragen, wie es sich dann gehört (...) Es gibt so etwas wie einen gewissen Pathos der Richtigkeit, den man manchmal einer Sache geben kann, nicht? Man ist dann irgendwie heimlich stolz darauf, dass man es so gut formuliert hat - das muss raus. ... über Schuld Zu den vielen Dingen, aus denen Schuld werden kann, kann unter anderem auch die Zuneigung kommen. Oder vielmehr, dass Zuneigung Schuld werden kann. Eine sehr große, leichtfertige Liebe und Hingabe zu etwas, was etwas anderes ist als ein Mensch, kann dazu führen, dass man beim Umbringen von Menschen (...) die Arme kreuzt oder (...) die Tragödie ignoriert, weil ja alles andere so gut ist oder geht. Und die Gefahr, dass die Zuneigung Sie dazu bringt, dass Sie zu früh anhimmeln und im Anhimmeln vergessen, wer alles unter den Stiefeln leidet oder den Tritten, gehört zu den Kategorien, mit denen ich mich befasse, d.h. Schuld. Ich finde es schon sehr wichtig, wen man im falschen Moment oder im richtigen Moment sehr geliebt hat. (...) Und ich glaube, es gibt kaum eine größere Verdunklungsgefahr für die Wirklichkeit als die Zuneigung zu Urhebern von Wirklichkeiten. ... über Hitler Der Mann war ein ganz großes Ereignis, auch wenn er sprach. Selbst wenn ich es heute höre, es ist schon unerhört (...). Fakir ist ein richtiges Wort, wie der Mann mit schrecklichen Eigenschaften, hexerische Kräfte hatte und ausüben konnte auf Millionen Menschen und sie sammeln konnte. Das ist was sehr Seltenes. Eine Diktion, die musikalisch nie falsch war. Das ist eine solche einmalige Qualitätsleistung eines Verbrechers gewesen, dass ich sehr gut verstehe, dass er aus einem Volk eine Bande gemacht hat. Und natürlich – als Kind gehörte ich zu der Bande dazu. Das ist ja logisch. ... über seinen Vater Veit Harlan
Es ist nur so, jetzt sagen Sie ja: Vater. Ich mache natürlich aus meinem Vater nicht mehr als es ist. Es ist eben meiner, und nur das ist mir wichtig: Ich fang bei mir an – aus. Es ist ein heiß geliebter Mensch. (...) Aber ich habe schon etwas gesehen, er verantwortet sich nicht. (...) Ich habe immer gedacht, dass ich mich nicht von der Tatsache weich machen lassen darf, zu sagen: Aber, ich liebe ihn doch und deswegen –. Ich habe immer versucht, dass mir das nicht passiert, dass ich mich menschlich benehme, wenn es zunächst mal darum ging, etwas Unmenschliches auch so festzustellen, wie es ist. Er ist ja in meinen Armen gestorben, dafür bin ich ihm unglaublich dankbar, dass ich, der ihn verfolgt hat (...) – dass er Platz dafür hatte, zu verstehen, warum. Für mich war ausschlaggebend: Übernimmt jemand die Verantwortung. Zahlst du? Unter zahlen verstehe ich zunächst einmal sagen: „Es war so.“ Das wäre schon sehr viel. Das hat mir so gefehlt, dass ich da mich nie drüber hinwegschummeln konnte. Darum ist es dabei geblieben bis heute.
... über ewig Gestrige Die Zahl war so unbeschreiblich groß von den Verwickelten, dass du nur stotternd reden konntest. Du konntest nie mehr mit dem Finger auf irgendwas zeigen ohne dir die Finger schon abzuschneiden. Weil es ja so war, wenn du dahin zeigst, zeigst du ja nicht dahin. (...) Und du wurdest selbst bei dieser Hatz Fachmann des Schrecklichen und konntest gar nicht mehr ein Ziel – das ist mit einem Wort gesagt –, bei der Sättigung das Ziel haben, irgendwas ins rechte Lot zu bringen. Es war nur noch Sumpf, alles flüssig. Mich interessiert auf dem Wege der Wahrheit nur die eine Form, das ist die von Mandela: Durch Aussprechen frei sein. Sie kennen das Prinzip von der südafrikanischen Justiz? Einfach: Truth und reconciliation (Wahrheit und Wiederversöhnung). ... über die nachfolgenden Generationen Durchziehend sehe ich alles, was ich heute sehe, besonders in Deutschland mehr noch als woanders, als wieder etwas möglicherweise Wunderbares. So viele Kinder, die „Nein“ sagen zu Gewalt und zu Kriegen. (...) Muss man so verlieren, wie die Deutschen verloren haben, um da raus zu kommen? Müsste man fast wünschen: Verliert bitte so fürchterliche Kriege und lasst euch zerstören, damit da was ausgebrütet wird, was anders ist.
Die Filmemacher Christoph Hübner
Nach angefangenem Jurastudium, fotografischen Arbeiten und früher Theaterarbeit in Heidelberg wechselte Christoph Hübner ins Regiefach an die HFF München. Es folgten zahlreiche, überwiegend dokumentarische Filme für Kino und Fernsehen, meist in Zusammenarbeit mit Gabriele Voss und häufig zyklisch ausgerichtet. Neben der Gründung des RuhrFilmZentrums und einer eigenen Produktionsfirma führten ihn Dozenturen und Lehraufträge ins In- und Ausland. Christoph Hübner erhielt zusammen mit Gabriele Voss zahlreiche Auszeichnungen und wurde selbst zum Gegenstand verschiedener Dokumentationen. Nach der Grimme-Preis- gekrönten achtteiligen LEBENS-GESCHICHTE DES BERGARBEITERS ALFONS S, der Langzeitdokumentation PROSPER/EBEL – CHRONIK EINER ZECHE UND IHRER SIEDLUNG, dem Kinofilm VINCENT VAN GOGH - DER WEG NACH COURRIÈRES sorgte zuletzt sein Film über junge Fußballer DIE CHAMPIONS für Aufsehen. Außerdem entwickelte Hübner das viel beachtete Fernsehformat DOKUMENTARISCH ARBEITEN, das sich in jeweils einstündigen Filmge-sprächen mit der Arbeit und der formalen Haltung anderer Dokumentaristen auseinandersetzt. Nach einem begonnenen Dolmetscherstudium in Französisch und Russisch wechselte Gabriele Voss zu Germanistik und Soziologie. Parallel Theaterarbeiten in Heidelberg und München. Sie promovierte zum Dr. phil. über Wahrnehmungstheorie und Ästhetik, Seit 1978 arbeitet Gabriele Voss filmisch, überwiegend gemeinsam mit Christoph Hübner, mit dem sie auch das RuhrFilmZentrum gründete. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Buch, Dramaturgie und Montage. 1985 kam Sohn David zur Welt. Im Laufe der Jahre nahm Gabriele Voss verschiedene Dozenturen an Hochschulen und Filmakademien wahr und veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter „Die Kunst, die Welt zu zeigen“ (1980), „Der zweite Blick“ (1983), „Dokumentarisch Arbeiten“ (1998) und „ Ins Offene - Dokumentarisch Arbeiten II“ (2001) und „Schnitte in Raum und Zeit“ (2006). Auswahl gemeinsamer Filme Lebensgeschichte des Bergarbeiters
INTERVIEW MIT DEN FILMEMACHERN THOMAS HARLAN - WANDERSPLITTER kann als weiteres Porträt in eurer „Menschengalerie“ gesehen werden, die 1978 mit der LEBENS-GESCHICHTE DES BERGARBEITERS ALFONS S. eröffnet wurde. Was war bei den „Wandersplittern“ die projektbestimmende Grundidee? Christoph Hübner (C.H.): Seit längerem trage ich ein größeres Projekt mit dem Titel „KINDER & ENKEL“ mit mir herum: ein Projekt, das sich den Nachfolge-Generationen der Nazizeit widmet, das also nicht zum hundertsten Mal Bilder und Erinnerungen aus der Vergangenheit versammelt, sondern sich der Gegenwart stellt. In diesem Zusammenhang war ich schon länger auf der Suche nach Kindern und Enkeln der Täter, aber auch der Opfer. Das war der Hintergrund meines Interesses. Es ging also zunächst um etwas Allgemeineres und nicht etwa um ein Personen-Porträt. Gabriele Voss (G.V.): „Menschengalerie“ ist für mich ein merkwürdiges Wort. Als wären wir Sammler oder Galeristen, die irgendwelche Personen in Ausstellungsräumen aufreihen. Eigentlich ist es viel einfacher: Für mich gibt es kaum etwas Interessanteres als die intensive Begegnung mit Menschen. Und durch den Film gibt es die Möglichkeit, andere an dieser Begegnung teilhaben zu lassen. Wie seid ihr Thomas Harlan zum ersten Mal begegnet? C.H.: Im März 2001 stieß ich auf einen Zeitungsartikel über Thomas Harlan, der anlässlich einer Retrospektive seiner Filme in der Süddeutschen Zeitung erschien. Nicht nur, was er sagte, sondern vor allem, wie er es sagte, faszinierte mich so sehr, dass ich am nächsten Tag nach München fuhr, um ihn zu treffen. Wir verabredeten uns zu einem gemeinsamen Frühstück und fassten dabei auch irgendeine Form von gemeinsamem Projekt ins Auge – ohne dass uns beiden ganz klar war, was, wie und wann. Wie konnte er für den Film gewonnen werden und wie hat sich die Beziehung zu eurem Protagonisten im Laufe der Dreharbeiten verändert? C.H.: Wir trafen uns dann mit einigem Abstand noch einmal in Berchtesgaden und sprachen genauer über die Möglichkeit eines gemeinsamen Projekts. Er hatte dabei selbst sehr genaue Vorstellungen und wollte zum Beispiel auf keinen Fall eine der üblichen Biografien, vielmehr etwas, das er „eine Geschichte ohne Ich“ nannte. Der Diskurs über Form und Gestalt dessen, was da entsteht, begleitete das ganze Projekt und war auch für uns eine neue, herausfordernde Erfahrung. Immerhin ist Thomas Harlan selbst Autor und Filmemacher und weiß, was die Form einer Sache für eine Bedeutung hat. Durch die Einigkeit über die formalen Aspekte entstand aber auch nach und nach eine Vertrautheit und ein gemeinsames Verständnis dessen, um was es uns geht. Und aus der anfänglich noch unbestimmten Sympathie wurde eine Art Freundschaft und weit reichendes Vertrauen. Dabei sind wir immer noch per 'Sie’. In einem Film über einen Filmemacher, der wiederum Sohn eines Filmemachers ist, verwundert das Fehlen jeglicher historischer Bilder. Gehörte es von Anfang an zum Konzept, auf die Verwendung von Archivmaterial zu verzichten? C.H.: Ich mag nicht diese Bebilderungswut der üblichen Dokumentationen. Dabei werden die Personen oft nur noch zu Kommentatoren und Pausenfüllern zwischen Archivmaterial. Die Sprache hat einen eigenen Körper, ein eigenes Leben und kann selbst zur Handlung werden, wenn man sie entsprechend respektiert und mit ihr umgeht. Bei jemandem so sprachmächtigen wie Thomas Harlan kommt noch hinzu, dass durch seine Erzählungen Bilder im Kopf entstehen, die kräftiger und lebendiger sind als jedes hinzugefügte Bild. Ein Filmkritiker sprach von einem „Monumentalfilm“ – einen Spielfilm also, der im Kopf entsteht. G.V.: Unsere Köpfe sind voll von Bildern, auch voll von Bildern aus Archivmaterial aller Art, vor allem von Kriegsszenen, den einschlägigen historischen Figuren und Schauplätzen. Viel eher fehlen Leerräume, in denen eigene Bilder entstehen können. Und es fehlen Anlässe, die Bilderströme in uns auslösen, Anlässe, die wir vielleicht noch aus der Kindheit erinnern, in der uns Geschichten erzählt wurden. Beim Zuhören konnten wir in traumhafte, fremde, aber auch Welten voller Schrecken eintauchen, geschaffen durch eine einzige Stimme und die Präsenz eines Gesichts. Die „Wandersplitter“ haben eine sehr eigene Struktur und können auch als Film über das Erzählen und Erinnern gesehen werden. Passt zu so einem Projekt die klassische 90 Minuten-Form? C.H.: Wir haben sehr lange an dem Film montiert, fast eineinhalb Jahre und die 96 Minuten-Fassung ist eine Fassung für das Fernsehen und auch für das Kino. Sie hat einen deutlichen Bogen und eine eigene Kohärenz. Dennoch ist sie in gewisser Weise auch das Resultat einer Verzweiflung. Einer Verzweiflung über das disparate Material und dass wir lange nicht von den viereinhalb Stunden der Langfassung herunterkamen. Gabriele hat sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückgezogen und kam dann nach ein paar Tagen mit dieser 96 Minuten- Fassung heraus, die in sich stimmig war und an der wir dann auch kaum mehr etwas verändert haben. Dennoch haben wir, dem Begriff der 'Wandersplitter’ und unsrer gemeinsamen Vision einer nicht-linearen Erzählweise entsprechend, eine parallele Version auf DVD herausgebracht, die auch die anderen Splitter der ersten Langfassung enthält und die – mit Hilfe der Filmstiftung NRW und des Verleihs Real Fiction – zum ersten Mal auch eine Art offenes Kinoprojekt wagt, das es der Situation, der Entscheidung des Kinobetreibers oder dem Votum des Publikums überlässt, ob, wie viel und in welcher Abfolge und Zusammenstellung die zusätzlichen Teile des Films gezeigt werden sollen. Das ist ein neues und ungewöhnliches Konzept, von dem wir sehen werden, wie es angenommen wird. In gewisser Weise entspricht dieses Konzept ja auch Thomas Harlans Lebensgeschichte, die selbst auch nicht-linear und mit vielen offenen Stellen daherkommt. G.V.: Eigentlich gibt es für Erinnern und Erinnerung keine Länge, von der man sagen kann: die passt. Also gibt es auch keine Länge, von der zu sagen wäre, dass sie nicht passt. Das Schöne an der Erinnerung ist, dass sie sich frei in der Zeit bewegt, dass sie mal blitzhaft auftaucht und verschwindet, uns aber ebenso nächtelang mit sich reißen kann. Erinnern und Erzählen dauert ein Leben lang, ist niemals abgeschlossen. Insofern hat die Filmlänge etwas Zufälliges. Sie hat aber auch etwas mit Aufmerksamkeitsspannen zu tun, die natürlich auch berücksichtigt werden müssen. Über welchen Zeitraum und wie viel habt ihr insgesamt mit Harlan gedreht und welche Bereiche seiner Erzählungen konnten dann in der Langfilmversion nicht berücksichtigt werden? C.H.: Wir haben in größeren Abständen, je nach dem, wie es seine Gesundheit oder unsere anderen Projekte zuließen, über fast drei Jahre lang mit ihm gedreht, immer etwa drei, vier Tage am Stück jeweils ein paar Stunden am Tag. Wir verfuhren wie bei einer Spirale, bei der man die Kreise immer konzentrischer zieht, immer enger die einzelnen Themen und Geschichten einkreist. G.V.: Am Ende hatten wir ca. fünfzig Stunden Material. In der Langfassung und auf der DVD haben wir das berücksichtigt, was uns nachhaltig berührte und was für Thomas Harlan wichtig war. Dennoch bleibt immer etwas in den so genannten Resten, das es auch verdiente, gehört zu werden. Es ging uns aber nicht darum, in irgendeiner Weise vollständig zu sein. Thomas Harlan ist als Protagonist ganz klar das Zentrum des Films. Aber es gibt auch viele den Blick weitende Landschaftstableaus und einzelne Eindrücke aus dem Innen und Außen der Lungenklinik. Welchem Rhythmus folgt hier die Montage? G.V.: Einatmen, ausatmen, nachklingen lassen, statt Schlag auf Schlag etwas zu liefern und das Gelieferte als Zuschauer in sich hineinstopfen zu müssen, weil man etwas verpassen könnte, wenn man sich für einen Moment ausklinkt. Der Sinn und die Notwendigkeit der Pause, in der etwas Gesehenes und Gehörtes erst wirklich bei uns ankommen kann. Innehalten, innen halten, innen und behalten. Der Rhythmus der Montage gibt Gelegenheit, innezuhalten, wenigstens für Momente, Luft zu holen, ehe die Erzählung uns wieder gefangen nimmt. „Ich denke, das Licht ist hier besser für Sie“ hört man Harlan im Film sagen oder er kommentiert seine eigene Inszenierung: „Da gucke ich ein bisschen mehr in die Kamera“. Wie war es, bei der eigenen filmischen Arbeit von einem Kollegen beobachtet zu werden? C.H.: Das habe ich ja schon gesagt: es war eine große Freude, mit jemanden zu arbeiten, der sich eigene Gedanken über die Form, die Inszenierung macht. Wir haben das auch deshalb ausdrücklich im Film gelassen, um das 'Gemachte’, das bewusst Hergestellte des Films zu betonen. Der Zuschauer wird dadurch am Entstehen des Films beteiligt und wir tun an keiner Stelle so, als wären wir nicht da mit unserer Kamera. Ich mag diese transparente Art des Filmemachens sehr. Im Film ist Thomas Harlans schwere Krankheit nicht besonders präsent, trotzdem stimmt das Wissen darum besorgt. Wie geht es Harlan inzwischen, habt ihr noch Kontakt zu ihm? C.H.: Der Kontakt ist nach wie vor da. Wir unterrichten ihn von allen Entwicklungen und Reaktionen um den Film, schicken ihm Kritiken, informieren ihn über Festivals etc. Die Freundschaft hat sich seitdem eher noch vertieft, habe ich das Gefühl. Ihm selbst geht es mal besser, mal schlechter. Er ist trotz seiner Krankheit aber noch sehr fleißig und hat in den letzten Jahren an zwei Buchprojekten gearbeitet, einem Roman („Heldenfriedhof“) und einem Geschichtenband („Die Stadt Ys“), der übrigens fast zeitgleich mit unserem Film erscheint. Das Gespräch führte Kyra Scheurer Zur Kinopräsentation Das Projekt THOMAS HARLAN – WANDERSPLITTER stellt in seiner Komplexität eine spannende Herausforderung dar, denn es geht über die gängigen Präsentationsformen des Kinos hinaus. Das Prinzip der SPLITTER – Filmsegmente, die dem episodischen Charakter der Lebenserzählung von Thomas Harlan eine eigene filmische Form an die Seite stellen – soll den Rahmen klassischer Filmvorführungen sprengen. Es wird in den Kinos bei einzelnen Vorführungen des Hauptfilms Sonder- und Zusatzveranstaltungen geben, die weitere, von Christoph Hübner und Gabriele Voss gedrehte SPLITTER zeigen. Im Idealfall treten die Filmemacher selbst in den Dialog mit dem Publikum. Über das Beantworten von Publikumsfragen hinausgehend und mit konkretem Bezug auf einzelne Fragen können weitere SPLITTER präsentiert werden. Diese Aufgabe kann auch von fachkundigen Gästen oder von den Kinobetreibern selbst übernommen werden. Das Zusatzmaterial erweitert somit auf einer zweiten Ebene die Beschäftigung mit dem Film und der Person Thomas Harlan. Zu bestimmten Themenblöcken wird es hierzu einen Leitfaden geben, der verschiedene Möglichkeiten einer Zusammenstellung weiterer SPLITTER mit dem Hauptteil aufzeigt. Das Medium DVD ist dabei der ideale Bildträger für dieses Projekt und erlaubt eine größtmögliche Flexibilität. Eine Präsentation des Projekts beim Münchner Dokumentarfilmfest im Mai 2007 mit Christoph Hübner und Gabriele Voss zeigte bereits erfolgreich, wie eine solche Interaktion und Erweiterung der Kinopräsentation funktionieren kann. Für uns stellt das Projekt eine spannende und wichtige Facette unserer Arbeit dar, da es der einzigartigen Kunstform des Kinos mit seiner öffentlichen und gemeinsamen Erfahrbarkeit weitere Möglichkeiten eröffnet und das Besondere des öffentlichen Raumes Kino deutlich hervorhebt und nutzt. Wir werden die Kinobetreiber zu den Zusatzvorführungen ermutigen und zusammen mit den beiden Filmemachern bei ihren Planungen unterstützen. Joachim Kühn – REAL FICTION
Pressestimmen Christoph Hübner lässt sich gar nicht genug danken für seine intensive Nahaufnahme, die einen faszinierenden Mann, brillanten Logiker, kühnen Künstler und politischen Kopf vorstellt.
In der Abgeschiedenheit einer Lungenklinik in Bayern entwickelt der Film seine Wirkung dank diesem begnadeten Erzähler, dessen fesselnde Geschichten einen wahren Assoziationsreigen zu den „großen Erzählungen“ des 20. Jahrhunderts auslösen.
Die Kamera riskiert nur hin und wieder einen Blick aus dem Fenster aufs Alpenpanorama oder auf Dinge im Raum. Mehr braucht’s nicht, denn Harlan vereinnahmt den Zuschauer derart, dass sein Kopf wie ein ganzer Monumentalfilm wirkt.
Die Regie schafft eine Bühne für einen Star. Mehr nicht. Aber das reicht.
Thomas Harlan ist ein Erzähler sui generis, kann aus den scheinbaren Nebensachen die Hauptsachen herauserzählen. Zeitgeschichte, Personengeschichte, Ansichten über das Leben, alles fließt in diesen Erzählungen ineinander, man lauscht fasziniert.
Geduldig registrierende Kameraeinstellungen machen den Zuschauer zu Harlans Tischnachbarn. Der artikuliert nicht angelesenes Wissen, vielmehr Einsichten aus der Tiefe lebenslang gewachsener Erfahrung. (...) Hübners Film gibt der Mündlichkeit, dem schöpferischen Erzählen und Zeugnis-Geben die intellektuelle Würde zurück.
Neue Bücher von und über Thomas Harlan
1937 ergreift Stalin eine Maßnahme, die es den Feinden schwer machen soll, Wotkinsk, Geburtsort Tschaikowskis und Mittelpunkt der russischen
Rüstungsindustrie, zu zerstören. Er läßt die Stadt ein zweites Mal erbauen, 52 Kilometer entfernt von der ersten, mit zweitem
Schwanensee, mitsamt zweitem Geburtshaus Tschaikowskis, zweitem Klavier, Bett, und zweiten Originalpartituren – nicht aber den riesigen
Munitionsfabriken, die nur unter Wotkinsk I liegen und nun fieberhaft erweitert werden. Wotkinsk I, war fortan auf keiner Karte mehr zu So eine der vielen, ineinander verwobenen Geschichten aus Thomas Harlans Die Stadt Ys. Ihre Helden sind Apparatschiks, Heroen, Bienen, Idioten, Künstler, Städte und Grenzen. Sie spielen in Kasachstan, im Ural, an der kurischen Nehrung, in Vietnam und an der Grenze zu Iran und lassen eine Welt zu Literatur gerinnen, die seit 1989 verschwunden ist, aber ewig im historischen Gedächtnis bleiben wird: Die Welt des Sowjetischen Reiches und seiner Satellitenstaaten.
Pierre Stephans mit Dokumenten, Archivmaterial und Bildern angereichertes biographisches Gespräch mit Thomas Harlan.
Pressestimmen zu Rosa. Roman (2002) und Heldenfriedhof. Roman (2006)
»Harlans Prosa ist auf ähnlichem Niveau wie Claude Simon und W. G. Sebald.«
»Rosa rückt den verkümmerten Maßstab dessen, was Kunst zu leisten vermag, zurecht.«
»Große Gratulation zu einem erstaunlichen Buch, das mich fasziniert hat wie kein zweites deutsches der letzten Jahrzehnte.«
»In seiner schneidenden Kälte und bitteren Konsequenz ist dieses radikale Buch einzigartig.«
»Wer sich Heldenfriedhof stellt, schärft seinen Sinn für die Macht des Erinnerns.«
»Wie Lanzmanns Shoa ein Werk, hinter das das Wissen der Zeit nicht zurückkann.«
Kontakt: Eichborn Berlin, |