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REVISION

D 2012 – 106 Min

Buch Merle Kröger Philip Scheffner

Regie Philip Scheffner

Kamera Bernd Meiners

Ton Pascal Capitolin Volker Zeigermann

Produktionsleitung Marcie K. Jost

Sound Design Volker Zeigermann Simon Bastian

Kinomischung Pierre Brand

Bildmastering Matthias Behrens

Online Studio Bild wave-line GmbH

Online Studio Ton Zeigermann-Schmahl GbR

Redaktion ZDF/arte Doris Hepp

Koproduzenten Marcie K. Jost Meike Martens Peter Zorn

Produzentin Merle Kröger

Eine Produktion von pong

in Koproduktion mit Blinker Filmproduktion Worklights Media Production

sowie mit ZDF in Zusammenarbeit mit arte

Entwicklung gefördert durch FFA DEFA Stiftung

Produktion gefördert durch Medienboard Berlin Brandenburg Mitteldeutsche Medienförderung Filmförderung Hamburg Schleswig Holstein Film- und Medienstiftung NRW Deutscher FilmFörderFonds

Weltpremiere 62. Internationale Filmfestspiele Berlin 2012 42. Internationales Forum des Jungen Films 2012

Internationale Premiere Hot Docs –International Documentary Festival, Toronto 2012

Weitere Festivals Dokumentarfilmwoche Hamburg 2012 GoEast Filmfestival, Wiesbaden 2012, Auszeichnung: Dokumentarfilmpreis "Erinnerung und Zukunft" Dok Fest München, 2012, Auszeichnung: Fritz-Gerlich-Filmpreis


Revision

Ein Film von Philip Scheffner

Kinostart: 13. September 2012


Trailer

Fürth  Babylon   ab 15.11.2012     
Halle  Lux  am 20.10.2012  Filmkunsttage Sachsen-Anhalt   
Hamburg  3001 Kino  14.09.2012  Regisseur zu Gast   
Hamburg  3001 Kino  ab 13.09.2012     
Hamburg  Abaton  14.09.2012  Regisseur zu Gast   
Hamburg  Abaton  ab 13.09.2012     
Hamburg  Antifa-Cafe  am 04.01.2013     
Hamburg  Lichtmess  am 22.11.2012     
Hannover  Kino im Künstlerhaus  13.09.-19.09.2012     
Jameln  Kulturverein Plattenlaase  am 31.01. - 03.02.2013     
Karlsruhe  Kinemathek  28.09.2012  Regisseur zu Gast, Tag des Flüchtlings   
Karlsruhe  Kinemathek  "29.9.   12.10."     
Kiel  Kommunales Kino  13.-15.09.2012     
Köln  Filmpalette  11.09.2012  Preview, Regisseur zu Gast   
Köln  Filmpalette  21.10.2012  Veranstaltung in Kooperation mit dem Literaturhaus, Gäste: Merle Kröger und Philip Scheffner   
Köln  Filmpalette  ab 13.09.2012     
Leipzig  Cineding  27.09.-3.10.2012     
Leipzig  Cinematheque  am 23.01.2013     
Leipzig  Schaubühne  20.09.-26.09.2012     
Ludwigslust  Luna  am 18.10. - 24.10.2012     
Magdeburg  Studiokino  am 20.10.2012  Filmkunsttage Sachsen-Anhalt   
Mannheim  Cinema Quadrat  am 17.12 - 18.12.2012     
München  Werkstatt  13.09.-19.09.2012     
Münster  Cinema  20.09.2012  Regisseur zu Gast   
Münster  Cinema  ab 20.09.2012     
Nürnberg  Filmhaus  ab 13.09.2012     
Oldenburg  Cine K  ab 10.12.2012     
Pforzheim  Kommunales Kino  am 01.11. - 8.11.2012     
Potsdam  Thalia  13.09.2012  Regisseur zu Gast   
Potsdam  Thalia  20.09.-26.09.2012     
Rostock  Wundervoll  20.08.+21.08.2012  20.08. Preview, Regisseur zu Gast   
Tübingen  Arsenal  22.07.-25.07.2012  2 Termine, Europe´s Finest   
Tübingen  Arsenal  ab 13.09.2012     
Weimar  Lichthaus  ab 13.09.2012     
Wien  Crossing Europe  22.04. - 29.04.2013  mit englischen Untertiteln   
Wiesbaden  Murnau Filmtheater  am 08.03.2013     
Zürich  Arena 9  am 26.09. + 29.09.2012  8. Zurich Film Festival  

 

Kurztext


Ein Dokumentarfilm wird zur filmischen REVISION. Er rekonstruiert die Umstände, die 1992 zum Tod zweier Männer auf einem Feld nahe der deutsch-polnischen Grenze führten. Mit zunehmend beklemmender Dichte webt Scheffner ein Netz aus Landschaft und Erinnerung, Zeugenaussagen, Akten und Ermittlungen.

 

 

SYNOPSIS


Am 29. Juni 1992 entdeckt ein Bauer zwei Körper in einem Getreidefeld in Mecklenburg-Vorpommern. Ermittlungen ergeben, dass es sich bei den Toten um rumänische Staatsbürger handelt. Sie werden bei dem Versuch, die europäische Außengrenze zu überschreiten, von Jägern erschossen. Diese geben an, die Menschen mit Wildschweinen verwechselt zu haben. Vier Jahre später beginnt der Prozess. Welcher der Jäger den tödlichen Schuss abgegeben hat, lässt sich nie beweisen. Das Urteil: Freispruch. dpa meldet: „Aus Rumänien ist niemand zur Urteilsverkündung angereist.“


In den Akten stehen die Namen und Adressen von Grigore Velcu und Eudache Calderar. Ihre Familien wussten nicht, dass jemals ein Prozess stattgefunden hat.

Mit REVISION wird ein juristisch abgeschlossener Kriminalfall einer filmischen Revision unterzogen, die Orte, Personen und Erinnerungen miteinander verknüpft und ein fragiles Geflecht aus Versionen und Perspektiven einer „europäischen Geschichte“ ergibt.

 

 

KATALOGTEXT FORUM

NACHHALL
Hätte es sie bereits zur Tatzeit – 3 Uhr 45 am Morgen des 29. Juni 1992 – gegeben, dann wären wohl die Windmühlen zu den wichtigsten Zeugen geworden. Hören wir jedoch genau hin, lässt sich dennoch eine bezeugende Resonanz der Befindlichkeit des Tatorts und seiner Geschichten in den Bewegungen der Mühlen erkennen: mal langsam, zäh und daher fast still, mal energetisch angetrieben und eindringlich laut rotierend.


Revision fesselt unsere Aufmerksamkeit wie ein Kriminalroman, den wir nicht mehr beiseitelegen können. Mit scheinbarer Leichtigkeit und einer präzise durchdachten Erzählstruktur führt der Film uns eine Fülle an Materialien und Aussagen vor. Dabei fokussiert und verdichtet sich einerseits unser Blick auf das zu ermittelnde Tötungsdelikt, gleichzeitig aber eröffnet sich eine immense Tragweite politischer Verantwortlichkeiten, derer sich zu erinnern heute wie gestern und morgen unerlässlich ist.
Revision verlässt das Kriminologische und das Dokumentarische und schafft einen tribunalartigen Verhandlungsraum als filmformales und politisches Ereignis. Indem der Film genau mit und an den Grenzen dieser Repräsentations- und Erzählformen arbeitet, gelingt es ihm, gleichzeitig die Mechanismen auch dieser Form der alternativen Gerichtsbarkeit zu verhandeln, ohne dabei den Fokus auf das Eigentliche in der Reflektion zu verlieren.


Die Familien der beiden Getöteten Eudache Calderar und Grigore Velcu – zwei Väter und Ehemänner auf dem Weg von Rumänien nach Deutschland – waren für die Verhandlungen der verantwortlichen deutschen Justiz nicht relevant, ebenso wenig wie es eine genaue Untersuchung des Tatorts war: ein Getreidefeld nahe Nadrensee, gelegen in Deutschland an der polnischen Grenze und daher 1992 an der Grenze der Europäischen Union. Calderar und Velcu sind zwei der 14.687 Einwanderer, die zwischen 1988 und 2009 an der Grenze der EU starben – so die in der Presse berichteten Zahlen der NGO Fortress Europe.
Eigentlich tut der Filmemacher zusammen mit seinem Team nur genau das, was aus verschiedensten Gründen unterlassen worden ist: Er recherchiert gründlichst, befragt alle auffindbaren Zeugen, rekonstruiert die Koordinaten der Tat am Tatort bis in jedes ersichtliche Detail, und vor allem sucht er die unmittelbar Betroffenen auf, nämlich die Familien und Nachbarn der Toten. Neben dieser Verantwortlichkeit erkennt er jedoch als grundlegendes Problem der Repräsentation, dass es in diesem Fall und seiner bisherigen Geschichtsschreibung keinen politischen und keinen rechtlichen Raum, das heißt keinen Subjektstatus für die Ermordeten und ihre Angehörigen und entsprechend keinen eigentlichen filmästhetischen Raum gibt, innerhalb dessen die vorhanden Lücken einfach geschlossen werden könnten.


Der Film muss genau diesen politischen Raum erst schaffen, um nachhaltig eine andere Narration dieses Falles – ebenso wie verwandter Fälle – zu fordern. Er tut dies, indem er das Zuhören explizit zur filmischen und politischen Methode macht.
Zuhören wird Raum, Zwischenraum, innerhalb und vor dem Bild. Zuhören wird zu neuem filmischem Ort und politischem Raum, wird Prozess der Konstitution von Zeugenschaft. Zuhören wird zum Anhören der eigenen Aussage, zum gemeinsamen Hören und Kommentieren innerhalb der Familie, zum gemeinsamen Hören zwischen Zeugen, Filmemacher und Zuschauer. Wir, als Zuschauer, hören und sehen beim Zuhören zu. Die Zeugen konstituieren sich dabei durch ihre eigene Anhörung und nicht durch die des Filmemachers oder des Zuschauers, die ansonsten wie Richter agieren würden.


Die Anrufung der Familienmitglieder als Opfer ohne “Rechte auf Rechte” wird übergangen, indem ihre Aussagen nicht als sogenanntes “rohes Beweismaterial” gesammelt und präsentiert werden, sondern indem der Film sich die Mediatisierung von Verhältnissen konstruktiv zu eigen macht. Diese Methode wird auch für diejenigen verfolgt, deren Position im System es ihnen bereits erlaubt, Forderungen zu artikulieren oder Möglichkeiten des Systems zu verschweigen. So wird jede Stimme zur filmisch materiellen, zur akustischen, zur emotionalen, zur inhaltlichen, zur körperlichen und veräußerten, zur ästhetischen und zur politischen Erfahrung. Zugleich sind die Zeugenaussagen fehlendes Beweisstück, Material zur Rekonstruktion und Revision der Geschichte, Facetten des Sich-Mitteilens, Filmaufnahme, Initiation von nie geführten Gesprächen und Verhandlungen und Beispiel verschiedenster Texturen von Erinnerungen.


Neben den Erinnerungen an das “Schöne im Leben” hören wir auch, wer sich nicht erinnern muss und wer sich manchmal nicht erinnern kann, weil das zu große Kopfschmerzen bereitet. Alle Zeugen, deren Perspektiven in dieses nachhaltige filmische Tribunal geladen sind, finden sich an einem anderen Anfang der Geschichte zweier Schüsse mit fatalen Folgen wieder. Diese Pluralität, Mediation und Reflektion führt weg von der Repräsentation einer vorhandenen Justiz und schafft gerade so die Möglichkeit, in der Stille nach dem Film eigene Anfänge in dieser und ähnlichen Geschichten zu finden, weiter zu fragen, zu denken, zu agieren, zu hören – und dem intensiven Nachhall von Revision ein Stück zu folgen.

Nicole Wolf, Januar 2012

 

 

DIRECTOR’S STATEMENT                            


Der Film beginnt  mit dem Ende einer Geschichte: Laut einer Statistik der NGO „Fortress Europe“ wird in der Presse zwischen 1988 und August 2009 über mindestens 14.687 Menschen berichtet, die entlang der europäischen Grenzen starben. Ihr Tod macht sie in Form einer Nachricht zu einem Teil europäischer Geschichte – und entzieht ihnen gleichzeitig das Recht auf eine eigene Stimme in der Geschichtsschreibung. Sie erscheinen als stumme Zeugen eines europäischen Sicherheitsdiskurses, der sich vor allem um sich selbst dreht – und diese Toten billigend in Kauf nimmt.
REVISION ist ein Versuch, die offenen Enden einer solchen Nachricht aufzunehmen und die filmischen Möglichkeiten auszuloten, ihre Protagonisten als Akteure einer Geschichte zu verstehen. Einer Geschichte mit vielen Anfängen.
Wo und wann beginnt diese Geschichte?
Am 29.06.1992 auf einem Getreidefeld nahe der deutsch-polnischen Grenze? Zur gleichen Zeit in einem Asylbewerberheim in Rostock? Ein paar Monate vorher in Rumänien? 19 Jahre später, wenn die Familien der Getöteten davon erfahren, dass die Angeklagten frei gesprochen wurden? Mit der Titelsequenz des Films?
Der Film rekonstruiert biografische und politische Perspektiven der Erzählung, die gleichzeitig die Bedingungen und Konventionen meiner eigenen, filmischen Narration als Teil eines politischen Gesamtzusammenhangs thematisieren und in Frage stellen.
Auf der formalen Ebene war die Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Aussage“ wichtig: Dieser Begriff bildet die Schnittmenge zwischen einem juristischen Ermittlungsverfahren bzw. einem Prozess und der Arbeit des dokumentarischen Filmemachers. Interessanterweise ist das juristische Verfahren, das in REVISION eine Rolle spielt, genau an diesem Punkt gescheitert: Der Tathergang ließ sich anhand der Aussagen nie eindeutig rekonstruieren.
Juristisch wird ein Zeuge als eine Person bezeichnet, die über „wahrgenommene Tatsachen berichten soll“. Die reine Wahrnehmung allein reicht nicht aus – sie muss gegenüber einer anderen Person oder einer Institution „berichtet“ bzw. „bezeugt“ werden. Damit eine Person zu einem Zeugen werden kann, bedarf sie immer eines Gegenübers – eines Zuhörers, der wiederum als Zeuge der eigentlichen Zeugenaussage fungiert. Die Auseinandersetzung mit diesem komplexen Spannungsverhältnis zwischen Sprechendem und Zuhörendem spielt im Film eine zentrale Rolle. Die Akteure erscheinen in unterschiedlichen Rollen: Ein Zeuge versucht sich zu erinnern – er beginnt zu sprechen. In einer weiteren Einstellung hört er seiner eigenen Erzählung zu – er kann die Erzählung anhalten, kommentieren oder berichtigen. Im Moment des Zuhörens wird er Zeuge seiner eigenen Aussage und stellt damit eine Verbindung zum Betrachter her. Dieser erlebt die REVISION des Gesagten.
Im Laufe der Dreharbeiten habe ich das gefilmte Zuhören als einen sehr aktiven Prozess erlebt. Es gibt der Person vor der Kamera ein Mittel der Kontrolle und verändert die Machtverhältnisse im Raum. Der Moment des Dokumentarischen, die scheinbare Authentizität, die entsteht wenn jemand vergisst, dass die Kamera läuft, wird bereits im Moment der Aufnahme gebrochen.

 

 

Philip Scheffner im Interview mit Deutschlandradio Kultur anlässlich der Berlinale-Premiere

Regisseur: Unwissen der Familien war „absolut unerträglich“
In seinem Film „Revision“ beleuchtet Regisseur Philip Scheffner den ungeklärten Tod zweier Männer
Das Gespräch führte Dieter Kassel
1992 wurden zwei Männer unweit der deutsch-polnischen Grenze erschossen - angeblich hatten die Jäger sie für Wildschweine gehalten. 20 Jahre nach dem Vorfall hat Philip Scheffner einen Film darüber gedreht - und erstmals die Familien mit der Wahrheit hinter dem Tod ihrer Angehörigen informiert.

Dieter Kassel: Am frühen Morgen des 29. Juni 1992 wurden Grigore Velcu und Eudache Calderar auf einem Feld in Mecklenburg-Vorpommern in unmittelbarer Nähe der deutsch-polnischen Grenze erschossen. Angeblich hatten zwei Jäger die beiden in der Morgendämmerung mit Wildschweinen verwechselt. Der Frage, was an diesem Morgen wirklich passiert ist, wieso die Ermittlungen anschließend so verliefen, wie sie verliefen, vor allem aber der Frage, wer diese Männer eigentlich waren und warum sie zu diesem Zeitpunkt unterwegs waren, geht der Film "Revision" nach. In der Reihe "Forum" auf den Berliner Filmfestspielen war "Revision" jetzt zum ersten Mal zu sehen, und in unserem Berlinale-Studio begrüße ich dazu jetzt den Regisseur des Films, Philip Scheffner. Guten Tag, Herr Scheffner!

Philip Scheffner: Guten Tag!

Kassel: Damals, 1992, stand in den Zeitungen, die überhaupt darüber berichtet haben, so sinngemäß: Zwei tote Männer auf einem Feld - Jagdunfall! Wieso hat diese Meldung irgendwann Ihre Aufmerksamkeit erregt?

Scheffner: Die Aufmerksamkeit wurde bei uns auch verzögert erregt sozusagen, wir haben das erste Mal davon 1996 erfahren, also vier Jahre später. Bei einer Recherche für einen anderen Film hat uns ein Mitarbeiter, ein Soziologe, von der Forschungsstelle "Flucht und Migration" in Berlin, Helmut Dietrich, hat uns darüber erzählt, dass zwei Menschen in einem Feld erschossen wurden. Und ich glaube, was uns damals sehr bewegt hat, ist einfach erst mal dieses Bild, also ein großes Kornfeld, in dem zwei Männer liegen. Und das haben wir so mit uns rumgetragen seit 20 Jahren und haben immer wieder darüber nachgedacht, darüber mehr rauszufinden, zu recherchieren, sind ein bisschen zurückgeschreckt vor der wahrscheinlich sehr aufwendigen Recherche. Und irgendwann vor zwei Jahren haben dann Merle Kröger und ich gesagt, so, jetzt versuchen wir's einfach. Und daraus ist dann dieser Film entstanden.

Kassel: Ein großer Teil dieses Films lässt Menschen in Rumänien zu Wort kommen, die Familie der beiden toten Freunde. Die zu finden, war das dann am Ende wirklich, wie Sie gerade gesagt haben, so eine aufwendige Recherche?
Scheffner: Nein, das war das Überraschende, dass es überhaupt nicht aufwendig war, da wir ein Vorgespräch hatten mit dem Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stralsund, der uns einzelne Informationen aus den immer noch existierenden Gerichtsakten gegeben hat und unter anderem eben auch die Namen und Adressen, damaligen Adressen, der Angehörigen in Rumänien. Und wir haben eigentlich in unserer Recherche nichts anderes gemacht, als einfach zu diesen Adressen zu fahren, und die lebten dort immer noch und waren natürlich sehr überrascht und auch schockiert nach 20 Jahren, dass da Filmemacher auftauchen und mit ihnen sprechen wollen, vor allem weil sie eben von dem Gerichtsverfahren damals keinerlei Kenntnis hatten.

Kassel: Das war das, was mich an dem Film auch sehr erstaunt hat: Sie haben den Menschen in Rumänien, Freunden, Familienangehörigen Dinge erzählt, die die noch nicht wussten, 20 Jahre oder in dem Fall 19 Jahre ungefähr nach diesem Geschehnis.

Scheffner: Nein, die wussten gar nichts. Das ist halt so ein bisschen unterschiedlich, weil die Angehörigen von einem der getöteten, von Grigore Velcu aus der Stadt Craiova, waren damals Asylbewerber im Asylbewerberheim Gelbensande bei Rostock, das heißt, sie waren in Deutschland, sie haben mitbekommen, dass ihr Vater an der Grenze erschossen wurde - Vater, Ehemann -, und sind dann mit der Leiche zurück nach Rumänien gegangen.

Das heißt, die haben gehört, dass da etwas passiert ist, zu diesem Zeitpunkt, was genau passiert ist, wusste keiner, haben dann aber über den weiteren Verlauf, über das zehn Jahre dauernde Verfahren und den letztendlichen Freispruch der Angeklagten nie etwas erfahren. Die andere Familie aus Alba Iulia, da ist nur der Vater/Ehemann nach Deutschland gegangen, die Familie selber ist in Rumänien geblieben, war nie in Deutschland. Bei denen war es so, dass die eigentlich auf den Anruf gewartet haben, dass ihr Vater gut angekommen ist in Deutschland, aber dann einen Anruf bekommen haben, dass sie doch bitte die Leiche am Flughafen Bukarest abholen sollten. Und seitdem haben sie nie wieder irgendeine Form von Informationen bekommen.

Kassel: Wie haben die auf die Informationen, die Sie ihnen geben konnten, reagiert?

Scheffner: Natürlich war es schockierend für sie teilweise auch, weil wir ihnen Informationen gegeben haben, die auch natürlich sehr schmerzlich waren, und auch für uns war es eine eigentlich absolut unerträgliche Situation, da hinzukommen nach 20 Jahren, da wir das ja auch nicht wussten - wir wussten ja nicht, dass sie nichts wissen sozusagen - und damit auf einmal konfrontiert zu sein, dass wir letztendlich die Arbeit der deutschen Behörden machen müssen.

Kassel: Was Sie immer gemacht haben, sowohl bei diesen Gesprächen in Rumänien als auch bei den deutschsprachigen in Mecklenburg-Vorpommern, ist eine Technik, die - ich sag's mal ganz ehrlich - die mich am Anfang des Films ein bisschen irritiert hat. Man muss sich als Zuschauer daran gewöhnen. Alle Gespräche, die man im Film sieht, beginnen damit, dass die jeweiligen Gesprächspartner sich Dinge anhören, die sie schon gesagt haben. Das heißt, Sie haben die mit Aufzeichnungen konfrontiert von eigenen Aussagen, da passiert oft gar nicht so viel. Viele nicken nur und sagen, so war's, manche ergänzen das. Das ist eine etwas merkwürdige Technik gerade auch für einen Film. Warum haben Sie das so gemacht?

Scheffner: Die Irritation, die am Anfang entsteht, die Sie beschreiben, das kann ich gut nachvollziehen, aber ich finde die sehr interessant und produktiv eigentlich, weil sich ganz am Anfang sozusagen schon eine der Grundfragen des Films stellt, nämlich: Wer spricht da eigentlich oder wessen Stimme hören wir da eigentlich, wer erzählt eigentlich die Geschichte? Das, finde ich, ist eine ganz zentrale Frage, weil je nach dem, aus welcher Perspektive diese Geschichte erzählt wird, die Geschichte ganz anders beginnt, ganz anders endet und auch eine ganz andere politische Dimension entwickelt.

Wir wollten, dass die Menschen, mit denen wir sprechen, das höchste Maß an Kontrolle über das haben, was sie sagen. Wir wollten, dass eine Art von filmischem Raum entsteht, der zwischen uns hinter der Kamera, zwischen den Menschen vor der Kamera, aber letztendlich natürlich auch für die Menschen im Zuschauerraum eine Ebene entwickelt, indem wir das Gleiche tun, nämlich etwas zuhören, also dadurch auch die Machtverhältnisse, die in so einem Interview, in so einer Interviewsituation entstehen, zum Wanken bringen.

Kassel: Wir reden heute im Deutschlandradio Kultur mit Philip Scheffner, er ist der Regisseur des Films "Revision", in dem dem Tod von Grigore Velcu und Eudache Calderar nachgegangen wird. Jetzt haben wir - und ich finde zu Recht, weil Sie da auch in dem Film einen Schwerpunkt setzen - sehr viel über die beiden Toten und ihre Angehörigen gesprochen, jetzt reden wir mal über die Deutschen, mit denen Sie geredet haben für den Film und mit denen Sie versucht haben zu klären, was und wie wirklich passiert ist. Wie offen waren die denn, als Sie ankamen? Man muss dazu sagen, mit den beiden Jägern, die geschossen haben an diesem Morgen, haben Sie nicht gesprochen. Der eine wollte gar nicht mit Ihnen kommunizieren, der andere hat seinen Rechtsanwalt vorgeschickt immerhin.

Scheffner: Immerhin, ja, finde ich auch.

Kassel: Aber gut, er konnte dann immer bei den kritischen Fragen sagen, ich weiß es nicht, darüber habe ich mit meinem Mandanten nicht gesprochen. Aber wie viele habe ich denn in dem Film gesehen, wie viele haben Ihnen sonst noch abgesagt?

Scheffner: Abgesagt haben vor allem Leute, die es nicht ertragen haben, noch mal über das Ganze zu sprechen - das fand ich ganz interessant. Also es waren weniger jetzt offizielle Menschen, die uns abgesagt haben, sondern zum Beispiel Teile der örtlichen Bevölkerung, die damals auf dem Feld waren, die sehr schockiert von dem waren, was sie da gesehen haben im Feld, und die einfach gesagt haben, ich will darüber nicht noch mal reden, das verfolgt mich, das Bild dieser beiden Leichen im Feld und ich will's nicht noch mal erzählen.

Wir haben einen der Richter einmal angesprochen - es waren ja mehrere Richter an diesem zehnjährigen Prozess beteiligt -, der wollte nicht mit uns sprechen vor der Kamera. Er hat dann off camera mit uns gesprochen und uns dadurch auch so ein paar Informationen oder Hinweise gegeben. Aber ansonsten muss man sagen, haben uns wenig Leute abgesagt. Es war interessant, dass man - man macht einen Anruf und sagt, ja, wir machen einen Film zu einem Ereignis, das 20 Jahre her ist, und erstaunlicherweise konnten sich wirklich alle an dieses Ereignis erinnern.

Kassel: Was wir, glaube ich, noch gar nicht gesagt haben: Dieser Prozess endete mit einem Freispruch für die beiden Jäger.

Scheffner: Genau.

Kassel: Was das Ganze schon auch ist - es gibt ja minutenlange Sequenzen in dem Film, wo Sie zusammen mit Ihrem Kameramann nachstellen, wie wohl die Sichtverhältnisse waren an diesem Tag 1992 - was es ja auch ist, ist der Versuch rauszufinden, was ist wirklich passiert. Für mich - und vielleicht war das auch Ihre Absicht oder einfach Ihre Kenntnis - bleibt die Frage, war es nun tatsächlich ein Jagdunfall, aber am Ende unbeantwortet.

Scheffner: Ich glaube, wir können das nicht klären. Das Gericht und die Staatsanwaltschaft hat es zehn Jahre lang versucht und sind damit, mit dieser Art des Versuches einer Aufarbeitung komplett gescheitert, und ich glaube auch nicht, dass wir das leisten können. Aber das finde ich eher auch ganz interessant, weil man sagen kann, eben diese juristische Form oder kriminalistische Form der Aufarbeitung oder der Beweisführung ist gescheitert, und was kann denn nun eigentlich eine filmische Form als Ergänzung oder als andere Form des Umgangs damit leisten. Und das war auch mehr unser Schwerpunkt. Also es gibt viele Fragen im Film, die aufgeworfen werden, die wir auch tatsächlich nicht klären können. Ich weiß nicht, wer geschossen hat, es gibt Vermutungen, wer geschossen hat von den beiden Jägern, Vermutungen, die auch von Ermittlungsseite geteilt werden, aber eben nicht bewiesen werden konnten.

Kassel: Eine Frage, die Sie auch nicht beantworten können, muss ich - zumindest ist das ein Gefühl von mir - trotzdem stellen: In dem Film kommt in einem Fernsehbeitrag aus dem Jahr 1995 - im ZDF, glaube ich, war es - der Satz vor: Man stelle sich vor, es hätten nicht zwei Deutsche zwei Roma erschossen, sondern zwei Roma zwei Deutsche, dann wäre alles ganz anders abgelaufen. Wäre es?

Scheffner: Da bin ich mir absolut sicher, ja. Der erste Punkt wäre einfach, dass dann die Angehörigen der Opfer in Deutschland gelebt hätten, sie hätten damit mehr über dieses Verfahren erfahren, sie hätten damals eine Nebenklage machen können, die Druck ausgeübt hätte auf das Verfahren, sie hätten damals aufgrund des Wissens über dieses Verfahren eine Entschädigungsklage anstrengen können. All das hätte Druck aufgebaut und hätte auch vor allem ganz reale ökonomische Entschädigungen als Ergebnis gehabt sehr wahrscheinlich, nach den Aussagen, die wir kennen. All das ist ja nicht passiert.

Das heißt, es wurden zwei Menschen erschossen, deren Namen in der deutschen Presse nie genannt wurde, bis auf einen "Stern"-Artikel von 1994, glaube ich, und dem von Ihnen angesprochenen Fernsehbeitrag in "Kennzeichen D". Die Leute wurden bezeichnet als polnische Menschenhändler, als Schlepper, als Schleuser, also mit dem ganzen Vokabular, was Menschen eben nicht zu Menschen macht, sondern letztendlich die Opfer zu Tätern macht. Und das wäre, glaube ich, bei der Umdrehung dieser Situation schon sehr, sehr anders gewesen. Und es spiegelt natürlich auch eine gewisse politische Situation wider, eine Situation, wo Menschen keine Lobby haben und wo Menschen letztendlich verschwinden, sowohl aus der deutschen Geschichtsschreibung als auch ganz real, weil sie werden abgeschoben nach Rumänien und sind dann eben auch weg.

Kassel: Der Film "Revision" über den Tod von Grigore Velcu und Eudache Calderar ist auf der Berlinale noch mehrmals zu sehen, unter anderem morgen um 19 Uhr 30, am Freitagnachmittag und dann noch mal am Publikumstag, am Sonntag, und er kommt voraussichtlich im Spätsommer dann auch regulär ins Kino. Mit dem Regisseur des Films, Philip Scheffner, haben wir gesprochen. Herr Scheffner, vielen Dank!

Scheffner: Danke schön!