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Nostalgia de la Luz

Buch und Regie: Patricio Guzmán

Kamera und Fotografie: Katell Djian

Ton: Freddy González

Regieassistenz: Cristóbal Vicent und Nicolás Lasnibat

Produktionsleitung Chile: Verónica Rosselot

Schnitt: Patricio Guzmán und Emmanuelle Joly

Schnittberatung: Ewa Lenkiewicz

Tonschnitt: Damien Defays und Jean-Jacques Quinet

Musik: J. Miguel Miranda und J. Miguel Tobar

Künstlerische Beratung: Renate Sachse

Redaktion WDR: Jutta Krug

Koproduzentin Deutschland: Meike Martens

Koproduzent Chile: Cristóbal Vicente

Produzentin: Renate Sachse

Eine Koproduktion von Atacama Productions S.A.R.L, Blinker Filmproduktion GmbH, Cronomedia Ltda., WDR

mit Unterstützung durch Fonds Sud Cinéma Ministère de la Culture et de la Communication CNC Ministère des Affaires Etrangères et Européennes France Brouillon d'un rêve de la Scam Région Île de France Sundance Documentary Fund und Television Española TVE


Nostalgia de la Luz
– Nostalgie des Lichts

Ein Film von Patricio Guzmán

Kinostart: 23. Dezember 2010


Trailer

Stadt  Kino  Termin  Info   
Aachen   Apollo  19.09.2011     
Bochum  Deutsches Bergbau-Museum  26.01.2012     
Bonn  Brotfabrik  9.-14.09.2011     
Dortmund  Kino im U  23.02. + 26.02.2012     
Erftstadt  VHS  13.09.2011     
Freiburg  Kommunales Kino  11.02. + 12.02.2012     
Hannover  Kommunales Kino  12.-14.12.+15.12.2011  Schulkino   
Leverkusen  Kommunales Kino  21.09.2011    

 

Synopsis

NOSTALGIA DE LA LUZ ist ein essayistischer Dokumentarfilm, dessen Themenspektrum sich im Laufe des Filmes als eine sehr poetische Parabel zwischen der Astronomie und der Geschichte Chiles der letzten 50 Jahre entwickelt. Seine Stärke und Faszination gewinnt der Film vor allem aus den Texten des Autors und aus den phantastischen Bildern der Wüste und des Sternenhimmels in Chile.


In der unendlichen Weite der Atacama Wüste im Norden Chiles sind sechs internationale astronomische Observatorien in Betrieb. Diese gigantischen Beobachtungsstationen des Weltraums, der Sterne und ferner Galaxien sind auf dem modernsten technischen Stand und verfügen über die heutzutage umfangreichste Forschungskapazität. Die Wissenschaftler suchen in der ältesten Vorzeit die jüngsten Lichter des Universums, um mehr über die Zukunft der Erdmenschen zu erfahren.


Nur einen Steinwurf von ihnen entfernt graben die Familien der Opfer Pinochets mit ihren bloßen Händen die Erde in den Massengräbern um. Sie sind auf der Suche der Körper ihrer « Verschwundenen ». Sie brauchen die Spuren einer noch ungeklärten Vergangenheit, um für sich und ihre Kinder eine Zukunft zu erfinden.

In Santiago, der Hauptstadt, sucht die Regierung ebenfalls, sie sucht Reichtum und wirtschaftlichen Erfolg. Sie hat sich mit Herz und Seele dieser Aufgabe verschrieben und hofft den Erfolg in der materiellen Entwicklung des Landes zu finden. Die Vergangenheit Chiles vergisst sie dabei völlig. Diese drei Suchaktionen sind der Dreh- und Angelpunkt des Dokumentarfilms NOSTALGIA DE LA LUZ.

 

 

Die Protagonisten

Victoria & Violeta: Zwei Frauen auf der Suche nach ihren Lieben Ihre Angehörigen wurden von Pinochets Junta umgebracht und anschließend im Wüstensand verscharrt. Bisher hat man nur vereinzelte Knochen ihrer Gebeine gefunden. Seit nunmehr 28 Jahren graben die beiden Frauen mit ihren Schaufeln in der Wüste; sie haben die Suche nie aufgegeben und werden weitersuchen bis zu ihrem letzten Atemzug. Sie sind würdevoll und schön.

Lautaro: Der erfahrene Archäologe Er kennt die Wüste wie seine Westentasche. Er hat Augen wie ein Luchs und ein Gespür dafür, was sich in der Erde verbirgt. Er hat Jahrtausende alte Mumien aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt, er kennt ihre Sprache. Tief berührt vom Schicksal der Vermissten, hat er seine Erfahrungen an die betroffenen Frauen weitergegeben. Er hat ihnen gezeigt, wie sie jedes einzelne Sandkorn beobachten müssen, um herauszufinden, ob unter der Oberfläche ein Leichnam begraben liegt.

Gaspar: Der junge Astronom Gaspar wurde nach dem Putsch geboren. Während der Diktatur studierte er in Santiago Astronomie. Die Liebe zu den Sternen und zur Mathematik hat ihn sein Großvater gelehrt ("Ohne Mathematik gelangst du nicht zu den Sternen, das ist ein wissenschaftliches Gesetz"). Neben seinen Himmelsbeobachtungen analysiert er mit offenen Augen die jüngste Geschichte seines Landes. Er liebt Menschen und Gestirne.

Miguel: Der Gedächtnisarchitekt Miguel hat fünf Konzentrationslager überlebt. Er hat sich den Grundriss aller fünf Lager ins Gedächtnis eingebrannt, und sobald es ihm möglich war, ins Exil zu gehen, hat er aus dem Kopf von jedem Lager präzise Zeichnungen angefertigt, damit kein Chilene je wird sagen können: "Davon hab ich nichts gewusst".

Luís: Der Hobbyastronom Die Sterne zu lesen hat er im Konzentrationslager gelernt. Er ist ein einfacher Mann, der die große Gabe besitzt, aus wenigen Dingen astronomische Instrumente zu bauen. Er führt einen stillen Kampf gegen das Vergessen.

Valentina: Die Tochter der Sterne Obwohl ihre Eltern zu den Desaparecidos gehören, wirkt Valentina von allen Charakteren des Films am unbekümmertsten. Erfrischend heiter blickt sie auf die Ereignisse, die ihr Leben geprägt haben. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf und lernte von ihnen, den Himmel zu beobachten. Die Astronomie hat ihr geholfen, mit dem Verschwinden ihrer Eltern ihren Frieden zu machen.

 

 

Kommentar des Regisseurs

Die Atacamawüste


Die Wüste ist ein unendlicher, zeitloser Raum aus Salz und Wind. Ein Stück Mars auf der Erde. Nichts bewegt sich dort. Und doch trägt dieser Landstrich zahlreiche geheimnisvolle Spuren der Vergangenheit: zweitausend Jahre alte Dorfruinen, gestrandete Waggons, die von den Minenarbeitern des 19. Jahrhunderts zurückgelassen wurden. Und dann gibt es da noch die riesigen Kuppelbauten, die an abgestürzte Raumschiffe erinnern und in denen die Astronomen ihrer Arbeit nachgehen. Überall findet man menschliche Relikte. Wenn die Nacht hereinbricht, leuchtet die Milchstraße so hell, dass sie Schatten auf den Boden wirft.

Die unsichtbare Gegenwart


Für einen Astronomen ist die einzige Zeit, die wirklich zählt, die, die aus der Vergangenheit kommt. Das Licht der Sterne braucht hunderttausende von Jahren, um zu uns zu gelangen. Deswegen blicken Astronomen stets zurück. Dasselbe gilt für Historiker, Archäologen, Geologen, Paläontologen und für die Frauen, die nach ihren vermissten Angehörigen suchen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie beschäftigen sich mit der Vergangenheit, um die Gegenwart und die Zukunft besser zu verstehen. Weil wir nicht wissen, was morgen sein wird, kann uns nur die Vergangenheit erleuchten.

Unsichtbare Erinnerung


Die Erinnerung erhält uns am Leben, ähnlich wie die Wärme der Sonne. Ohne die Erinnerung wären wir Menschen nichts als tote Hüllen, ohne Geschichte und ohne Zukunft. Nach 18 Jahren Diktatur übt sich Chile wieder in Demokratie. Doch um welchen Preis? Viele haben ihre Freunde verloren, ihre Verwandten, Häuser, Schulen und Universitäten. Andere haben ihre Erinnerung verloren, vielleicht für immer.

 

 

Kurzbiografie Patricio Guzmán


Patricio Guzmán wurde 1941 in Santiago de Chile geboren. Während seines Studiums an der Filmhochschule in Madrid spezialisierte er sich auf den Bereich Dokumentation. Seine Filme werden regelmäßig auf internationalen Festivals gezeigt und mit Preisen ausgezeichnet. 1973 drehte Guzmán La Batalla de Chile (Die Schlacht um Chile), eine fünfstündige Trilogie über den Aufstieg und Fall Salvador Allendes, die das amerikanische Filmmagazin Cineaste als "einen der zehn besten politischen Filme der Welt" bezeichnete. Nach dem Militärputsch wurde Guzmán verhaftet und zwei Wochen im Fußballstadion von Santiago festgehalten, wo er mehrfach mit vorgetäuschten Exekutionen gefoltert wurde. Noch im selben Jahr verließ er das Land und emigrierte zunächst nach Kuba, später nach Spanien und Frankreich, wo er weitere Filme drehte: En nombre de Dios (Im Namen Gottes) (über die Rolle der katholischen Kirche unter Diktator Pinochet), La Cruz del Sur (Das Kreuz des Südens) (über die Volksreligion in Lateinamerika), Barriers of Solitude (Barrieren der Einsamkeit) (über das historische Gedächtnis eines kleinen mexikanischen Dorfs), Chile, la Memoria Obstinada (Chile, das unbeugsame Gedächtnis) (über politische Amnesie in Chile), El Caso Pinochet (Der Fall Pinochet) (über den Prozess gegen Pinochet in London und Santiago), Madrid (eine Reise ins Herz der Stadt), Salvador Allende (ein persönliches Porträt) und 2005 Mon Jules Verne (Mein Jules Verne). Zwischen 2006 und 2010 arbeitete er an Nostalgia de la Luz und realisierte insgesamt fünf Kurzfilme zu den Themen Astronomie und historisches Gedächtnis. Guzmán ist Direktor des Internationalen Dokumentarfilm-Festivals in Santiago de Chile (FIDOCS), das er 1997 gegründet hat.

Filmografie Patricio Guzmán

Salvador Allende Offizielle Auswahl Filmfestspiele Cannes 2004

El Caso Pinochet Internationale Kritikerwoche, Filmfestspiele Cannes 2001 Großer Preis, Dokumentarfilmfestival Marseille 2001 Golden Gate Award, San Francisco Film Festival 2002

Chile, la Memoria Obstinada Großer Preis, Filmfestival Florenz 1997 Großer Preis, Filmfestival Tel Aviv 1999 Großer Preis, Yorkton Film Festival 1998 Golden Spire, San Francisco Film Festival 1998 Bester Dokumentarfilm, Hot Docs Festival 1998 Silberne Taube, Leipziger Festival für Dokumentarfilm 1999

La Cruz del Sur Großer Preis, Dokumentarfilmfestival Marseille 1992 Großer Preis, Internationales Filmfestival Amiens 1992 1. Preis Kategorie Zeitgeschichte, Filmfestival Valladolid 1992 Spirit of Freedom Award, Filmfestival Jerusalem 1994

La Batalla de Chile Großer Preis, Filmfestival Grenoble 1975-1976 Großer Preis, Filmfestival Benalmádena 1976 Großer Preis, Filmfest Brüssel 1977 Jurypreis, Leipziger Festival für Dokumentarfilm 1977 Großer Preis, Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films 1979 Director's Fortnight, Filmfestspiele Cannes 1975-1976 Filmforum Berlinale 1975-1976-1979

 

 

Gespräch zwischen Frederick Wiseman und Patricio Guzmán

Frederick Wiseman ist eine Schlüsselfigur des Dokumentarkinos. Seit vierzig Jahren beleuchtet und hinterfragt der Regisseur in rund dreißig Filmen die Grundwerte der amerikanischen Gesellschaft. Als ein langjähriger Freund von Patricio Guzmán, dessen Werk und Wirken er von Anfang an verfolgt hat, spricht er mit seinem jüngeren Kollegen über dessen Film Nostalgia de la Luz.

Wiseman: Ich will den Film nicht erklären. Wir können uns gern über das Thema des Films unterhalten, aber ohne Erklärungen zu geben.

Guzmán: Wir könnten über die Wüste sprechen.

Wiseman: Oder über die Frauen, denen du so großen Respekt entgegenbringst. Der Film besitzt einige sehr starke Metaphern. Ich weiß, dass du nicht gerne darüber sprichst, aber du hast mehrere Metaphern verwendet, sowohl für die Wüste als auch für die Frauen. Die Frauen suchen den Wüstenboden ab und die Astronomen den Himmel.

Guzmán: Was interessiert dich mehr, die Archäologie oder die Astronomie?

Wiseman: Am meisten interessieren mich die Metaphern. Die Beziehung zwischen den Astronomen und den Frauen in deinem Film.

Guzmán: Diese Metaphern haben ihren Ursprung in der geographischen Symmetrie dieses Landstrichs, den ich sehr liebe. Zur Regierungszeit von Allende war ich häufiger dort, aber seitdem nie wieder. Dennoch waren mir dieser Ort und seine ungewöhnlichen Kontraste in lebhafter Erinnerung. Zum einen die jüngeren, noch aktiven Minen und zum anderen die längst aufgegebenen Bergwerke des 19. Jahrhunderts, deren Überreste noch immer dort sind. Noch zu Allendes Zeiten verwendeten die Bergleute uralte Dampfmaschinen und fertigten die Ersatzteile für notwendige Reparaturen selber an. Am erstaunlichsten fand ich allerdings die Mumien: Erst stolperst du unvermittelt über Industriefragmente, die dich ins letzte Jahrhundert entführen, und dann stößt du ein paar Meter weiter auf eine antike Mumie und befindest dich plötzlich in der Zeit von Christoph Columbus. Die alten Maschinen versetzen dich zurück ins Industriezeitalter; die Mumien führen dich noch viel tiefer in die Vergangenheit und die Teleskope noch weiter – in eine Zeit Millionen von Lichtjahren entfernt! Daher glaube ich, dass die Essenz des Films aus einer Reihe von Metaphern herrührt, die schon lange vor meiner Ankunft in der Wüste existiert haben. Die Metaphern waren schon da, ich habe sie lediglich mit der Kamera eingefangen.

Wiseman: Das sehe ich anders. Du bist derjenige, der die Metaphern erkannt hat. Du hast sie zum Leben erweckt und ihnen eine Sprache gegeben.

Guzmán: Mag sein. Doch erst die Frauen haben mich dazu inspiriert. Als ich in der Zeitung darüber las, dass sie am Fuße der Observatorien eigenhändig im Wüstenboden gruben, stand mein Entschluss fest, diesen Film zu machen und dafür eine ganz direkte und unverblümte Sprache zu verwenden.

Wiseman: Dennoch hast du dich dagegen entschieden, einen rein beobachtenden Film zu machen.

Guzmán: Die Wahrheit ist, ich wollte keine "Beschreibung der Wüste" abliefern. Ich suchte nach neuen Elementen, die ich verwenden könnte, um einmal mehr über die Vergangenheit zu sprechen. Und so konzentrierte ich mich zunächst auf die Observatorien. Schon als Jugendlicher hat mich die Astronomie fasziniert. Die Sterne waren meine Leidenschaft. Leider war ich eine ziemliche Niete in Mathe und hätte mich nie getraut, ein solches Fach zu studieren. Doch in den Fünfzigern und Sechzigern habe ich jedes Buch über Astronomie verschlungen, das ich in die Finger bekam. Eine argentinische Zeitschrift ("Más Allá") veröffentlichte damals eine Liste mit den Standardwerken. Das Allerspannendste aber war damals für mich ein Besuch in der Sternwarte von Santiago. Ich hatte uns am Telefon mit der ganzen Klasse angekündigt und als wir schließlich nur zu dritt auftauchten, fragte der Chefastronom entsprechend erstaunt: "Was ist mit den anderen passiert?". Ich flunkerte ihn an, wir hätten am nächsten Tag eine Prüfung … Diese Nacht ist mir bis heute unvergessen. Wir beobachteten den Mond und einen funkelnden Sternenhaufen namens Herschels Schmuckkästchen. Das Teleskop damals war dasselbe, das zu Beginn des Films zu sehen ist, das deutsche "Hayde"-Teleskop, Baujahr 1910.

Wiseman: Du wagst dich auch ins Reich der Archäologie vor.

Guzmán: Meine erste Freundin war Archäologin. Sie forschte am Naturhistorischen Museum in Santiago, der Heimat des Walskeletts, das ebenfalls im Film zu sehen ist. Von ihr habe ich gelernt, wie man Fossilien und Steine, die man in der Wüste findet, klassifiziert. Sie arbeitete damals bei Ausgrabungen ganz in der Nähe unseres Drehorts. Am meisten faszinierte mich jedoch ihre Geschichte über eine Mumie, die sie bei Ausgrabungen zusammen mit Gustave Le Paige gefunden hatte, das war ein älterer belgischer Priester und zu der Zeit in Chile die Lichtgestalt im Bereich Ethnologie und Archäologie. Vielleicht lag es daran, dass diese Erinnerungen in mir so lebendig waren, dass mir das Filmen so mühelos erschien. Es war wie eine Reise zurück in schöne Jugendtage. Und die Metaphern, von denen du vorhin gesprochen hast, sind mir erst ins Auge gestochen, als ich anfing zu drehen. Sie stehen nicht im Drehbuch. Jedenfalls nicht explizit. Vielleicht hatten wir deswegen so große Probleme, die Finanzierung zu sichern.

Wiseman: Das kann ich mir vorstellen.

Guzmán: Vier Jahre habe ich für die Realisierung dieses Projekts gekämpft. Zwischenzeitlich wollte ich schon aufgeben, doch das Thema besaß so eine Kraft, dass ich es unmöglich fallenlassen konnte. Vor mir lag ein dichtes Gewirr aus Fäden, die alle in verschiedene Richtungen verliefen und jede Menge Fragen aufwarfen, die an mir nagten. Der Film zeigt ganz unterschiedliche Perspektiven: Er ist metaphysisch, mystisch oder spirituell, astronomisch, ethnographisch und politisch … Wie soll man erklären, dass menschliche Knochen dasselbe sind wie bestimmte Asteroide? Oder dass das Kalzium, aus dem unser Skelett besteht, das gleiche Kalzium ist, das man in Sternen findet? Dass sich ein Stern, der zum Zeitpunkt unseres Todes geboren wird, aus unseren Atomen bildet? Wie soll man darüber sprechen, dass Chile das weltweit größte astronomische Forschungszentrum beheimatet, während 60 Prozent der von der Diktatur verübten Morde noch immer nicht aufgeklärt sind? Dass chilenische Astronomen Sterne beobachten, die Millionen von Lichtjahren entfernt sind, während die Kinder in ihren Schulbüchern nichts über die Ereignisse in ihrem Land erfahren, die gerade mal 30 Jahre zurückliegen? Wie erklärt man, dass unzählige Leichen, die das Militär verscharrt hat, wieder ausgegraben und ins Meer geworfen wurden? Wie zeigt man, dass die Suche einer Frau, die mit bloßen Händen in der Erde wühlt, der Arbeit der Astronomen gleicht …?

Wiseman: Was du sagst, gefällt mir, weil es den Film in keiner Weise erklärt.

Guzmán: Ich möchte ihn auch gar nicht erklären, sondern vielmehr hinterfragen. Ich stelle mir immer viele Fragen. Und mit diesem Film wollte ich Türen aufstoßen, ähnlich einem Wissenschaftler, der Fragen nach dem Ursprung des Lebens stellt. Ich bin davon überzeugt, dass die Wissenschaft noch ein gewaltiges Themenfeld für künftige Dokumentarfilme bereithält. Leider werden gegenwärtig bestimmte Ideen, Analogien oder Konzepte von der Dokumentarfilmindustrie abgelehnt. Ungewöhnliche, atypische, innovative Ideen sind derzeit offenbar nicht erwünscht. Wir arbeiten in einer Branche, die immer intoleranter wird und uns dazu treibt, Stereotypen zu erschaffen. Sie zieht uns förmlich in ein Schwarzes Loch.

Wiseman: Auch die chilenische Gesellschaft versinkt immer mehr in einen Zustand der fast totalen Finsternis, denn während das Land an seinem Image als Wirtschaftswundernation feilt, erfahren wir nichts über die Sorgen der einfachen Leute.

Guzmán: Vor acht Jahren ist es zwei chilenischen Astronomen gelungen, den endgültigen Beweis für ein Schwarzes Loch im Zentrum der Milchstraße zu erbringen. Ein Schwarzes Loch, das jede Nacht am Himmel über Chile vorüberzieht.

Wiseman: Noch eine Metapher.

Guzmán: Die Wüste ist voll davon! Ohne dich in fragwürdiges Gelände führen zu wollen, aber viele Menschen haben UFOs in der Wüste beobachtet, darunter auch Piloten, die von fliegenden Untertassen verfolgt wurden. Aber das soll jetzt nicht unser Thema sein. Ich möchte dir eine Geschichte erzählen, die ebenfalls eine Metapher darstellt. Einer der Archäologen, die ich während der Filmarbeiten getroffen habe, wollte sich mitten in der Wüste eine Hütte bauen, um näher bei seinen Ausgrabungen zu sein. Also fingen die Arbeiter an, den Boden auszuheben. Doch schon in der ersten Woche stießen sie auf etwas Merkwürdiges, das aus der Erde ragte. Sie riefen den Archäologen herbei, dem klar wurde, dass sie die Hütte genau über einem Grab errichten wollten. Als sie weitergruben, legten sie eine Mumie frei, mit Schmuck behängt und mit einer Axt quer über der Brust. Es musste eine wichtige Persönlichkeit, ein Anführer gewesen sein. Da unterbrach der Archäologe die Arbeiten und ging fort, um nachzudenken. Eines Nachmittags trat er zu der Mumie hin und sagte: "Wir müssen eine Übereinkunft treffen. Dein wahres Zuhause wird von nun an das Museum sein, in das wir dich bringen werden, um deine Familie, dein Volk und deine Kultur zu erforschen. Dann ist dieser Ort frei für meine Hütte." Eine Woche später willigte die Mumie ein und wurde im Museum das wichtigste Untersuchungsobjekt einer bis dato unbekannten Kultur. Der Archäologe hingegen setzte sein Zwiegespräch mit der Mumie fort, denn manchmal, wenn er in seiner Hütte saß, schlug die Tür auf und zu, obgleich sich draußen kein Lüftchen regte.

Wiseman: Was für eine wunderbare Geschichte!

Paris, 22. März 2010

 

 

Chile – Daten und Fakten Astronomie, Politik, Menschenrechte

1962 Eine Gruppe amerikanischer und europäischer Wissenschaftler erkundet die Atacamawüste als möglichen Standort für astronomische Observatorien.

1967 Die erste Sternwarte wird auf dem Cerro Tololo eingeweiht. Wenig später sehen Astronomen von hier aus zum ersten Mal die Antlia-Galaxie, eine Entdeckung, die es später ermöglichen wird, das Alter des Universums zu berechnen.

1969 Bau des zweiten Observatoriums La Silla. Erste Forschungen über Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: "Gibt es auch anderswo Leben im Universum?". In Santiago de Chile tritt Salvador Allende mit einem radikalen Programm bei den Präsidentschaftswahlen an.

1970 Allende wird mit 36 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Er verstaatlicht die Kupfer- und Salpeterminen sowie andere Bergwerke in der Wüste. In Stockholm erhält Pablo Neruda den Nobelpreis für Literatur. Ein drittes Observatorium namens Las Campanas wird in der Atacamawüste in Betrieb genommen.

1972 Die Volksfrontregierung spaltet die chilenische Gesellschaft in Befürworter und Gegner von Allendes Reformen. Das Land steht am Rande eines Bürgerkriegs. Nixon und Kissinger versuchen von den USA aus, die chilenische Wirtschaft zu schwächen und Chile zu destabilisieren.

1973 Bei den Parlamentswahlen erreicht Allendes Koalition einen Stimmenanteil von 43,4 Prozent. Es kommt zu einem Putsch durch die Rechte und das Militär. Allende stirbt im Regierungspalast. Mit Unterstützung der USA ergreift Augusto Pinochet die Macht und führt das Land in den folgenden 18 Jahren mit eiserner Faust. Im Oktober 1973 lässt er 75 Regimegegner in der Atacamawüste hinrichten (in Calama und anderen Dörfern).

1976 Weit entfernt von den politischen Ereignissen wird im Tololo-Observatorium das größte Teleskop der südlichen Hemisphäre installiert.

1979 Die Frauen von Calama organisieren heimlich die Suche nach den Leichnamen ihrer Angehörigen.

1980 Die Militärregierung setzt eine neue Verfassung in Kraft und führt neoliberale Wirtschaftsreformen durch. Es kommt zu massiven Protesten in der Bevölkerung. Die vorläufige Bilanz der Diktatur: 3.000 Tote und Vermisste, 35.000 Folteropfer, 800 Geheimgefängnisse und ein Repressionsapparat mit 3.500 Polizisten, die für die Verfolgung von Regimegegnern verantwortlich sind. Eine Million Chilenen leben im Exil.

1986 Pinochet entgeht nur knapp einem Attentat, das von einer linken Widerstandsgruppe organisiert wird. Der Halleysche Komet erscheint am Himmel über Chile. Die US-Raumfähre Challenger explodiert Sekunden nach dem Start.

1987 Die Frauen von Calama gehen mit ihrer Suche an die Öffentlichkeit. Ein Archäologenteam zeigt ihnen, wie sie graben müssen. Die Frauen werden nicht aufgeben, bis sie die sterblichen Überreste der Vermissten gefunden haben. Erst dann können sie um sie trauern.

1988 Pinochet erlebt eine Niederlage bei einer Volksabstimmung, die ihn eigentlich im Amt bestätigen sollte. Zwei Jahre später muss er die Regierungsgeschäfte abgeben, bleibt jedoch Senator auf Lebenszeit und Oberbefehlshaber des Heeres.

1990 Der Christdemokrat Patricio Aylwin wird der erste demokratisch gewählte Präsident nach Pinochet. In der Nähe von Calama wird ein Massengrab mit den Gebeinen von 26 der Verschwundenen entdeckt. In der Hafenstadt Pisagua werden 19 weitere Skelette geborgen. Das Weltraumteleskop Hubble wird ins All gebracht.

1998 Auf dem Cerro Paranal wird das Very Large Telescope (VLT) installiert. Es verfügt über eine radioaktive Uhr, mit deren Hilfe zum ersten Mal das Alter von Sternen gemessen werden kann. Die Astronomen entdecken den ältesten Stern der Welt 13.200 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Zur gleichen Zeit wird Pinochet aufgrund eines internationalen Haftbefehls in London festgenommen. Die Anklage lautet auf Genozid, Terrorismus und Folter. Unterdessen werden nahe der Wüstenstadt La Serena 15 weitere Leichen exhumiert.

1999 Pinochet kehrt nach 500 Tagen Haft in Großbritannien in die chilenische Hauptstadt zurück.

2002 In der Atacamawüste wird auf dem Cerro Pachón das Gemini-Observatorium eröffnet. Im Paranal-Observatorium entstehen die ersten Bilder eines extrasolaren Planeten.

2003 Im La Silla-Observatorium werden mit dem Spektrografen HARPS 20 extrasolare Planeten entdeckt (so genannte Exoplaneten). Die Suche nach Himmelskörpern mit außerirdischem Leben wird verstärkt.

2004 Die Frauen von Calama enthüllen ein Denkmal für die 26 ermordeten Gefangenen. Doch solange nicht die Leichen aller Vermissten geborgen sind, werden sie keine Ruhe finden.

2006 Die Sozialistin Michelle Bachelet wird die erste Präsidentin Chiles. In den USA werden 25 auf Pinochet laufende Bankkonten entdeckt, mit einer Einlage von insgesamt 28 Millionen Dollar, gestohlene Gelder aus der chilenischen Staatskasse. Pinochet stirbt in Santiago, ohne dass ihm der Prozess gemacht wurde.

2007 Im La Silla-Observatorium wird ein Exoplanet gesichtet, der der Erde ähnelt: Gliese 581. Möglicherweise gibt es dort Wasser in flüssiger Form, die Voraussetzung für Leben.

2008 Die Leichen von drei weiteren Vermissten werden unweit von Almagro in der Atacamawüste gefunden. Eine kleine Gruppe von Frauen setzt die Suche fort. Die Observatorien Paranal und La Silla bestätigen die Existenz eines Schwarzen Lochs inmitten der Milchstraße. Nacht für Nacht zieht dieses Schwarze Loch über die chilenische Wüste.

2010 Der Kandidat der konservativen Partei Sebastián Piñera gewinnt die Präsidentschaftswahlen. Eines der stärksten Erdbeben seit Menschengedenken (8,8 auf der Richterskala) verwüstet den Süden Chiles.