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HAPPINESS IS A WARM GUN
Thomas Imbach

Schweiz / Deutschland 2001, 92 Minuten, 35 mm, Farbe, Deutsch
SPIELFILM

Das Glück der warmen Pistole. Ein Phantasma.

Happiness is a warm gun yeah eh
happine-e-ess is a warm gun
when I hold you in my arms
and I feel my finger on your trigger …

Was für ein Glück nur könnte das sein, das sich wie eine warme Pistole anfühlt? Diese Frage habe ich mir oft gestellt, als ich jung war und Beatles hörte, aber ich konnte mir darauf keinen Reim machen, und irgendwann vergass ich, darüber nachzudenken. Bis eben jetzt, wo mir dieses rätselhafte Glück wieder begegnet ist, im Titel von Thomas Imbach's neuem Film - und sofort war sie wieder da, die alte Frage, und ich war gespannt, ob mir der Film eine Antwort geben würde. Und, um es gleich vorwegzunehmen: das tut er tatsächlich, und dies auf ebenso überraschende wie überzeugende Art: Das Glück der warmen Pistole, das scheint jenes - im wörtlichen Sinn - wahnsinnige Glück zu sein, das nur im Jenseits, in der Überschreitung zu haben ist, in der Explosion, im Blow up des (eigenen) Körpers. Die Psychoanalyse hat dieses unmögliche, weil im Grunde nicht oder eben nur im Wahnsinn einlösbare Glück "la jouissance féminine" genannt, wohlwissend, dass das Unbewusste dieses Glück den Frauen andichtet, die es realiter genauso wenig zu realisieren vermögen wie die Männer. So ist es denn - um eine meiner Lieblingsstellen aus der zeitgenössischen Literatur zu zitieren - nicht zufällig die Frau in Nicholson Bakers wunderbar-heiteren Telefonsex-Novelle, deren erotische Phantasie darin kulminiert, schwebend in die Düsen eines Flugzeuges eingesogen und hinten als Blutnebel wieder ausgespuckt zu werden. Und genauso schön wie diese literarische Phantasie ist es, wenn Petra am Ende von Imbachs Film mit leuchtenden Augen erzählt, wie ihr die Kugel in den Kopf eingedrungen ist, wie sich die Wärme langsam ausgebreitet hat und sie abheben liess...

Aber beginnen wir am Anfang: Ausgangspunkt von Thomas Imbachs neuem Film HAPPINESS IS A WARM GUN (nach WELL DONE und GHETTO) ist ein Ereignis, das vor knapp zehn Jahren Schlagzeilen machte und (zumindest die deutschsprachige) Welt erschütterte: Gert Bastian, Ex-Bundeswehr-General, hat seine Lebenspartnerin, die grüne Pazifistin Petra Kelly im Schlaf erschossen und danach sich selbst getötet. Warum? War es die Reaktion auf eine innere Krise des Paares? Oder die Antwort auf die politische Isolierung der beiden innerhalb der Grünen Partei? War es Hass oder war es Liebe? War es Mord oder ging der Tat ein gemeinsamer Entscheid voraus? Es gab Thesen und Spekulationen, aber keine befriedigenden Antworten, weil befriedigend in diesem Fall nur eines sein könnte: ein Abschiedsbrief, ein Tagebucheintrag, irgendein Zeugnis, das uns irgendetwas erklärt hätte.

Was Imbach mit diesem dramatischen Stoff macht, ist verblüffend: Der Film setzt dort ein, wo das Leben der realen Figuren endet - und markiert so das nun Folgende von Anbeginn an als Fiktion. Der Film gibt damit gar nicht erst vor, den realen Tod der realen Personen ergründen zu wollen. Der Tod - der Moment des Todes, der Schuss, mit dem der Film einsetzt - eröffnet einen phantasmatischen Raum, einen Unort zwischen Leben und Tod: Petra und Gert finden sich im Transitraum eines modernen Flughafens wieder und richten sich in dieser artifiziellen Zwischenwelt ein, versuchen an die Vergangenheit - ihre politische Tätigkeit - anzuknüpfen, während sich in ihren Gesprächen das Geschehene bruchstückhaft zusammensetzt. ("Ich bin nicht tot, ich sitze hier vor Ihnen, leibhaftig. - Warum sollte Gert mich umbringen? - Was heisst denn hier, du bist tot? Du bist zynisch, du bist anders - was ist mir dir passiert?") Der Film konzentriert sich ganz auf diese beiden Figuren und lotet in einer assoziativ verknüpften Abfolge von Bildern und Szenen die explosive Dynamik zwischen zwei starken, exaltierten, nervösen, verletzlichen und verletzenden Menschen aus. Atemlos sehen wir zu, wie zwei Menschen, Mann und Frau, sich suchen und fliehen, sich quälen und lieben - und entgegen allen Wahrscheinlichkeiten unbeirrbar an der Möglichkeit festhalten, doch noch glücklich zu sein, doch noch irgendeine Form von Zukunft zu haben, und sei dies auch nur, indem ein naiver Kleinmädchen-Traum in Erfüllung geht. "Einmal im Leben etwas mit pietätvoller Feierlichkeit zu vollziehen" (Petra) - einmal im Leben eine Prinzessin mit Gänseblümchen im Haar zu sein. Einmal im Bett zusammen frühstücken ...

Die Symbiose von Petra und Gert wird im Film immer wieder durch die Begegnung Petras mit Figuren aus ihrem früheren Leben aufgebrochen: Sie trifft Tashi, ihren tibetanischen Liebhaber, in einem Hotelzimmer im Flughafen (und Tashi schmiert ihr liebevoll die eklige Plastilin-Wunde an der Schläfe weg, die uns den ganzen Film hindurch an den Schuss erinnert). Ihre über alles geliebte Omi findet Petra nach einem Schwächeanfall auf dem Fussboden des Transits und ermöglicht ihr ein paar Momente ausgelassener Unbeschwertheit. Petra macht auf ihrer Odyssee durch den Flughafen aber auch neue Bekanntschaften: die Ausschaffungshäftlinge, die sie im Gefängnis besucht und dabei mit ihren Lebensgeschichten konfrontiert wird. Einen davon - Serge - trifft sie noch zwei weitere Male und es scheint, als ob sich zwischen den beiden eine herzliche Freundschaft entwickelte.

In den Szenen mit Serge zeigt sich eine Besonderheit von Imbachs Film ganz besonders deutlich: das unauflösliche Ineinanderverwobensein von Fiktivem und Realem, die Einmischung der Figuren in das Hier und Jetzt des realen Schauplatzes. Denn Serge und die anderen Ausschaffungshäftlinge sind ganz und gar real - genauso wie das Flughafenpersonal, von der Polizistin über den Seelsorger bis hin zu der Notfallcrew, die Petra versorgen, nachdem sie zusammengebrochen ist. Dieses Oszillieren zwischen den Realitäten verleiht den beiden Figuren Petra und Gert ein Höchstmass an Authentizität, das auch dann nicht gebrochen wird, wenn sie der realen Petra Kelly und dem realen Gert Bastian gegenübergestellt werden. Im Gegenteil: In einer ungemein stimmigen Inszenierung sehen wir Petra und Gert in einem Fernsehstudio sitzen, hinter ihnen auf riesigen Monitoren die Archivbilder von Kelly und Bastian im Bundestag, zusammen mit Altkanzler Kohl, Erich Honecker, Lady Diana oder dem Dalai Lama. In dieser synchronen Gegenüberstellung wird denn auch deutlich, wie kongenial die beiden Schauspieler (Linda Olsansky und Herbert Fritsch) ihre Figuren verkörpern, wie nahe sie ihnen nicht nur im Äusseren, sondern vor allem auch im Ausdruck kommen - und dies, obwohl oder gerade weil ihr Spiel einen Hang zum Witz und zur Ironie hat, welche die Besessenheit, die symbiotische Verstrickung von Kelly und Bastian bricht und zugleich pointiert.

Dass die Found Footage-Bilder sich so bruchlos in die gespielten Szenen einfügen, hat aber noch einen weiteren Grund: Sie haben ganz offensichtlich nicht die Funktion, auf eine historische Realität, auf ein filmisches Ausserhalb zu verweisen. Wie in den traumhaft-irrealen Sequenzen - Fahrten durch blühende Kirschbäume; Petra, nackt, in einer hyperrealistischen, moosigen Böschung versinkend; Petra und Gert an einer Gletscher-Felswand wie in einem Stummfilm, immer wieder von neuem abstürzend - geht es in diesem Film letztlich um eines: Bilder für eine innere Realität zu finden. Diese innere Realität ist vor allem ein Zustand der Spannung, der Gespanntheit, der Intensität, die sich auf den Zuschauer überträgt und ihn unter Draht setzt. Es ist die Spannung des Fingers am Abzug. Es ist das Loch, das an Petras Schläfe klafft und uns durch den ganzen Film hindurch begleitet, uns permanent mit unseren eigenen, zutiefst beunruhigenden Phantasien konfrontiert. Nur: Was haben diese Phantasien mit dem realen Tod von Kelly und Bastian zu tun?

Eine, die gleich nach dem Tod reagierte, war Alice Schwarzer. Ihr Fazit: "Frauen sind vogelfrei. Auch noch im 20. Jahrhundert." Imbach macht genau das Gegenteil: Er befreit den tragischen Tod von Kelly und Bastian von solchen ideologischen Vereinnahmungen und gibt ihnen damit ihre Würde zurück. Das Loch an Petras Kopf macht sie nicht zum Opfer von Gert. Beide sind sie im Grunde genommen das Opfer ihrer eigenen Suche nach Intensität und Glück. Das Schöne an Imbachs Film ist, dass er dieses Glück, das Kelly und Bastian weder im Tod noch im Leben finden konnten, dort einholt und spürbar macht, wo es auch seinen einzigen möglichen Ort hat: in der filmischen Phantasie, in der Kunst.

(Petra:) ... und die Kugel, die schaffte es innerhalb kürzester Zeit, mit einer ganz warmen Empfindung, alles wegzudrängen, also sie machte sich Platz in mir und das war wahrscheinlich der Moment, wo ich kurz abgehoben bin. Ich hatte lange oben gewartet auf Gert.

(Gert:) Ich habe gemerkt, dass du an mir gezogen hast. Du hast mir auch geholfen ja, ich habe gespürt, wie du an mir ziehst und wie du mich da in diese andere Dimension rüberziehst.

Monika Gsell