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Fliegen und Engel
– Ilya & Emilia Kabakov und die Kunst der totalen Installation

 

Idee und Buch
Kerstin Stutterheim

Regie
Kerstin Stutterheim
Niels Bolbrinker

Kamera und Schnitt
Niels Bolbrinker

Ton
Manfred Herold
Christian Männer

Produzent
Thomas Tielsch

Redaktion
Reinhard Wulf

Produktionsleitung
Britta Erich
Sönke Held

Aufnahmeleitung
Dr. Iris Kronauer
Anna Thayenthal
Nina Bärmann

Aufnahmeleitung Assistenz
Jasper Stutterheim

Mischung
Kai Hoffmann

Colorist
Matthias Behrens

Übersetzung
Julia Gorr
Nina Bärmann

Sprecher
Otto Mellies
Birgit Würz
Hannelore Wüst
Klara Manzel
Matthias Ransberger

Musik
Ilya Kabakov
Vladimir Tarasov from program Atto III “Drumtheatre” (1986)

Grafik
Madeleine Dewald

Eine Produktion von FILMTANK in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk.

Gefördert von Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, BKM
DFFF – Deutscher Filmförderfonds
MEDIA Programm der Europäischen Union

Unterstützt durch Kamera Ludwig / Martin Ludwig, Sachtler Licht / Manfred Hedtke.


Fliegen und Engel
- Ilya & Emilia Kabakov und die Kunst der totalen Installation

Ein Dokumentarfilm von Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrinker

Kinostart: 13. Mai 2010


 

Kurztext


Ilya Kabakov zählt weltweit zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Gegenwart. Es gibt kaum ein wichtiges Museum der Gegenwartskunst, das nicht wenigstens eine Arbeit von Ilya Kabakov präsentiert. Seit Jahrzehnten schafft er – gemeinsam mit seiner Frau Emilia – in seinen Installationen eine phantastische Welt, die einen Kontrapunkt zur brutalen Realität und ihren vielen gescheiterten Utopien darstellt.

Vor allem Fliegen und Engel bevölkern das Werk von Kabakov. Dazu treten oft Nachbarn, die von einem unerhörten Knall aus dem Schlaf gerissen werden, ein Mann, der sich in eine Leinwand-Welt hineinbegeben kann, die Mutter, die von unvorstellbaren Lebensumständen erzählt. Fliegen stehen für die miserable, schmuddelige Alltagsrealität. Für die Vision eines besseren, humanen Lebens treffen wir auf Engel. All diese Geschichten sind zumeist in eine sanfte Ironie getaucht und erzählen von der lebensrettenden Kraft der Imagination.

Kabakov ist einer der letzten großen Utopisten, der mit desillusioniertem Blick auf das 20. Jahrhundert und dessen Trümmer schaut und dennoch auch in Zeiten der pessimistischen Stagnation mit menschlicher Wärme und einer ausgeprägten Einbildungskraft in der Lage ist, sich und damit uns andere Welten vorzustellen.

Der Film erzählt diese Geschichten, zu denen auch die Geschichte von Kabakov selbst gehört, und macht sich mit ihm und seinen Protagonisten auf den Weg in eine lichte Zukunft.

 

Inhalt


‚Ilya Kabakov ist einer der weltweit bedeutendsten bildenden Künstler der Gegenwart – Maler, Zeichner, Illustrator und Installationskünstler. Aufgewachsen in der Sowjetunion in der Zeit unter Stalin, hat er die historischen Phasen bis zu Gorbatschow mit mehr oder weniger starken Repressalien, voller gescheiterter Utopien und schwierigen bis schwierigsten Bedingungen für Künstler erlebt. In den 80er Jahren verließ er anlässlich seiner ersten Einzelausstellung im Westen das Land. Anfang der 90er Jahre hatte er in New York eine große Ausstellung – dort traf er seine Jugendliebe Emilia wieder – kurz darauf heirateten sie und seitdem leben und arbeiten sie zusammen in der Nähe von New York. In ihren Installationen und seinen zahlreichen Zeichnungen und Gemälden verarbeitet Kabakov traumatische Erlebnisse vom Leben in Armut und unter den Zwängen eines degenerierten politischen Systems. Mit hintergründigem jüdischem Witz schafft er in seinen Werken einen Kosmos von Gegenwelten, die die Erdenschwere des sozialistischen und postsozialistischen Lebens weit hinter sich lassen, aber auch die westliche Welt der Gegenwart reflektieren.


Der Film verknüpft die Kunsträume des Kabakovschen Universums mit Bildern aus dem Alltag, spürt der Wirklichkeit nach, aus der heraus die Arbeiten entwickelt wurden. Ilya und Emilia Kabakov geben in Interviews und Gesprächen einen Einblick in die Zusammenhänge von Biographie und künstlerischer Arbeit, verbinden so Privates und Politisches.

FLIEGEN UND ENGEL ist ein Film über die menschliche Phantasie und Erfindungsgabe, ein Film über die Möglichkeit, in Zeiten des Stillstands Visionen und Utopien zu entwickeln, die einem ermöglichen, seine Würde zu bewahren und auch schreckliche Zeiten zu überleben. Der Film konzentriert sich auf seine ‚totalen’ Installationen, zeigt aber auch jüngere Installationen, die auf diese Phase Bezug nehmen und sie in die Gegenwart weiter führen. FLIEGEN UND ENGEL ist kein faktisches Porträt des Künstlerpaares Kabakov, sondern die Darstellung und Montage Welten Kabakovs, in denen natürlich auch er selbst lebt.

Ein großer Teil der knapp 200 Installationen, die Kabakov in den letzten drei Jahrzehnten schuf, greift Ereignisse und Erlebnisse aus seiner eigenen Biographie auf. Die Erzählweise des Films folgt dem Vorgehen Kabakovs, kehrt dieses jedoch um: Der Film spürt in seinen Arbeiten auch seiner Biographie nach. Diese wird nicht bis ins Detail entwickelt, sondern entscheidend sind hier die Ereignisse, die für ihn von tieferer und weitreichender Wirkung waren und sich in seiner Kunst spiegeln: die Metamorphose eines Lebens in die Kunst.

 

 

Ilya Kabakov


Geboren wurde er als Ilya Jossifovitch Kabakov am 30. September 1933 in der ukrainischen Stadt Dnjepropetrowsk. Seine Mutter war Buchhalterin, sein Vater Schlosser. Als die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg kurz vor Dnjepropetrowsk stand, wurde sein Vater in die Sowjetische Armee rekrutiert, aus der er sehr schnell wieder desertierte. Ab diesem Zeitpunkt hatte Ilya nur noch seine Mutter, die für ihn sorgte. Seine Mutter, er, Cousinen und Tanten, wurden – da sie der jüdischen Minderheit angehörten – in allerletzter Minute nach Samarkand (Usbekistan) evakuiert. Dort ging Kabakov zunächst auf eine allgemeinbildende Schule. Er war anders als die anderen, hatte einen ukrainischen Akzent und war relativ klein, kurz gesagt: ein Fremder. Er wurde in die Grundschule der nach Samarkand ausgelagerten Leningrader Akademie der Bildenden Künste aufgenommen, in der ab der vierten Klasse bereits der Kunstunterricht mit normalem Schulunterricht gekoppelt war. Bei Kriegsende zog die Schule mit all ihren Schülern zunächst in die Nähe von Moskau, die Schüler lebten in einem zur Schule gehörenden Internat. Seine Mutter reiste mit und arbeitete in seiner Nähe. Hier – so sagt er – liegt die Basis dafür, dass er zwei gänzlich verschiedene Leben parallel leben lernte – ein offizielles, damit er von den anderen nicht allzu sehr bedrängt oder körperlich misshandelt wird, und sein eigenes, das vor allem in seinem Innenleben und seinen Zeichnungen existierte.


Er studierte dann – von 1951 bis 1957 – am Surikov-Institut. Die Zulassung an dieses Institut war einerseits folgerichtig – darauf bereitete das Kunstgymnasium, wie man hier sagen würde, vor – und dennoch war diese Zulassung nur durch einen glücklichen Zufall möglich: die Auswahlkommission hatte seinen Namen für russisch gehalten, und ihn auf Grund seiner eingereichten Arbeiten mit ausgezeichnet benotet, nicht ahnend, dass er jüdischer Herkunft war. In diesen Jahren wurden die Studenten vorrangig im Stil des sozialistischen Realismus unterwiesen. Kabakov spezialisierte sich dann auf Kinderbuchillustrationen. Er wurde ein gefragter Illustrator für Kinderbücher und Zeitschriften. In Moskau hatte er neben seiner Tätigkeit für die Kinderbuchverlage zunächst zusammen mit einem Freund für seine weniger offiziellen Arbeiten ein Kelleratelier, in dem man – wie er sagte – dem Schimmelpilz beim Wachsen zuschauen konnte. Hier entstanden die ersten Serien – wie die „DUSCHE“. Schon bald konnte er dank eines glücklichen Zufalls in einem nicht ganz legalen, aber geduldeten Dachatelier im Zentrum Moskaus arbeiten, in enger Nachbarschaft zu anderen inoffiziellen Künstlern. In diesem entstanden eine große Anzahl nonkonformistischer Werke, aber auch kleine Ausstellungen und vor allem traf man sich zu ausgiebigen Diskussionsrunden. Kabakov verknüpfte als einer der Ersten gewöhnliche Gebrauchsgegenstände mit Texten, die Alltagssituationen spiegelten – Erlebnisse in einer kommunalen Gemeinschaftswohnung, Straßengespräche und das Zusammentreffen mit Repräsentanten der Macht etc. Mit diesen Arbeiten stellte er dem sowjetischen Propagandabild des ausgerufenen Paradieses eine ironische Interpretation der Lebensrealität entgegen. Ab 1970 schuf er verschiedene Alben, in denen er Zeichnung, Comic und Literatur miteinander verband. Typische Verhaltensmuster werden personifiziert als Charaktere des sowjetischen Lebensalltags werden mit persönlichen Erfahrungen verbunden und in Geschichten umgesetzt. Diese Alben führte er performanceartig einem ausgewählten Publikum in seinem Atelier vor. Kabakov avancierte zum führenden Kopf des Moskauer Konzeptualismus und sein Atelier wurde zum Zentrum der inoffiziellen Kunstszene. Anfang der 80er Jahre begann er die ersten „Totalinstallationen“ zu entwickeln. Die erste war der „MANN, DER IN DEN KOSMOS FLOG“ – diese hatte er bereits in seinem Moskauer Atelier aufgebaut. Immer häufiger kamen auch ausländische Besucher, die sich für seine Arbeiten und die der anderen inoffiziellen Künstler interessierten, in sein Atelier. Die erste Serie, die dann „im Westen“ ausgestellt wurde, war „THE SHOWER“. Ab 1985 fanden die ersten Einzelausstellungen in der Galerie Dina Vierny (Paris) und der Kunsthalle Bern statt. Schon seit Mitte der 70er Jahre hegte Kabakov immer wieder Überlegungen, die Sowjetunion zu verlassen, blieb dann aber doch und verarbeitete in seinen Arbeiten die Fluchtträume. Aber nach einem Arbeits-Stipendium des Kunstvereins Graz kehrte er der in Auflösung begriffenen UdSSR den Rücken. Es folgten ein von Diena Vierny gestifteter Arbeitsaufenthalt in Paris und ein DAAD-Stipendium in Berlin. Aus einigen der Alben, wie zum Beispiel „?????? ????????“, sind anschließend umfangreiche Installationen entstanden. „TEN CHARAKTERS“ konnte er 1988 in der New Yorker Galerie Roland Feldman erstmals als raumgreifende Installation realisieren. Diese Ausstellung brachte den endgültigen Durchbruch für ihn als Künstler weltweit. Davon ganz abgesehen traf er hier auch seine Jugendliebe Emilia wieder, die mehr als 20 Jahre zuvor die Sowjetunion verlassen hatte. Nach dem Wiedersehen in New York haben Ilya & Emilia Kabakov geheiratet und arbeiten seitdem zusammen – bisher haben sie circa 500 Ausstellungen gemeinsam realisiert.

Emilia Kabakov ist Musikerin, sie studierte Klavier am Konservatorium Moskau. Bald darauf emigrierte sie mit ihren Eltern zunächst nach Israel, von dort ging sie in die USA, wo sie Kunsthändlerin wurde.

Die Kabakovs arbeiten aber nicht nur an Installationen, sie halten auch gemeinsam Vorlesungen zu dem Thema Installationen und haben dazu veröffentlicht; er zeichnet und malt bis heute. 2000 erhielt Ilya Kabakov den Ehrendoktor für Philosophie und Totale Installation der Universität Bern. Er ist Träger des Ordre des Arts et des Lettres, des Kunstpreises Aachens und vieler anderer Auszeichnungen.

Zu erwähnen wären als Beispiele die Installationen „DER ROTE PAVILLON“ auf der Biennale Venedig – auf der die seitdem regelmäßig ausstellen -, „DIE TOILETTE“ auf der documenta 1992, Ausstellungen unter anderem in den USA, Japan, Korea, Schweden, Finnland, Frankreich, Griechenland, der Schweiz, Russland und der BRD. Nahezu jedes Museum für Gegenwartskunst hat ein Werk Kabakovs in seiner Sammlung. Besonders vielfältig sind seine Arbeiten in der Bundesrepublik vertreten. Einen weiteren Höhepunkt der letzten Jahre stellte die Retrospektive seines Werkes auf der Moskauer Biennale of contemporary art 2008, kurz darauf erhielten Ilya und Emilia Kabakov den Premium Imperiale – den „Nobel-Preis für Künste“, wie ihn die FAZ bezeichnet. Gerade unlängst haben sie das Bühnenbild für die Uraufführung der Oper Die Tragödie des Teufels am Opernhaus München geschaffen, demnächst wird im Rahmen von Ruhr 2010 das Kabakovsche Atoll fertiggestellt.

 

VON DEN DREHARBEITEN

Bewachte Fliegen. Eine der letzten Drehphasen war die Retrospektive während der Moskauer Biennale für Gegenwartskunst / Moscow Biennale of Contemporary Art im September 2009. Hier sollte nun endlich die große Installation „DAS LEBEN DER FLIEGEN“, auf die ich seit Beginn der Dreharbeiten gehofft hatte, aufgebaut werden. Die Fliegen sind – wie schon aus dem Titel erkennbar – ein zentrales Motiv in Kabakovs Arbeiten und sollten daher ebenfalls zentral im Film eingebracht werden.

Gerade als ich mit der Recherche zu dem Projekt begonnen hatte, konnte ich sehen, mit welcher Präzision die große Fliegenskulptur gehangen wurde. Auf einem Arbeitstisch lagen mehrere hundert Plastikfliegen nach Größe und dem geplanten Teil der Fliege geordnet. In der Mitte des Raumes stand auf einer Alustehleiter ein recht groß gewachsener junger Mann – Kabakovs Assistent Igor - , der nach Anweisung eines kleinen grauhaarigen Mannes – Ilya Kabakov - die Nylonfäden, an denen die Fliegen hängen, an der Decke befestigte. Das war hochkonzentrierte Millimeterarbeit. Damals im Gropiusbau war nur ein Raum aus der komplexen und mehrere Räume umfassenden Installation ausgestellt – für mich war jedoch klar, dass diese unbedingt im Film einen wichtigen Bereich einnehmen sollte. Doch wie so viele der ‚totalen’ Installationen ist „DAS LEBEN DER FLIEGEN“ nicht permanent ausgestellt. Daher galt es auf eine Ausstellung während der Drehphase zu hoffen. Diese ergab sich mit der geplanten Retrospektive in Moskau, wo auch die von uns als zentrales erzählerisches Motiv geplante „TOILETTE“ wieder aufgebaut werden sollte.

Die Retrospektive in Moskau war seit Monaten geplant und vorbereitet worden, auch wenn es zwischendurch immer wieder auf der Kippe stand, ob die Finanzierung klappt und alles so wird wie geplant. Mindestens eines der geplanten Teile fand dann ja auch nicht den Weg in die Retrospektive. Aber nach Jahren der Begleitung der Kabakovs und somit – wenn auch aus der Ferne – einigen Erfahrungen mit Hoffnungen, Plänen und Verschiebungen von Ausstellungsvorhaben, hat uns das nicht mehr überrascht. Wir hatten in diesem Projekt gelernt, noch flexibler als es ja dem Genre sowieso grundsätzlich inne wohnt, auf Ereignisse und Wendungen zu reagieren. Jetzt jedoch schien es sicher, dass „DAS LEBEN DER FLIEGEN“ und „DIE TOILETTE“ in Moskau aufgebaut und ausgestellt werden.

Alles war arrangiert – wir hatten alle Moskau-Dreharbeiten gebündelt, jeweils einen festen Drehtag für die „Fliegen“ und einen für die „Toilette“ mit Emilia verabredet. Unser Team wurde durch eine engagierte und flexible junge Aufnahmeleiterin unterstützt, die fließend Russisch und deutsch sprach, wir hatten einen großartigen und einfallsreichen einheimischen Fahrer, der auch zupackte, wo eine helfende Hand gut tat. Am verabredeten Tag fuhren wir zum Ausstellungsort, einem ehemaligen Weinlager. Die Einfahrt endete an einer Schranke. Diese war bewacht von militärisch uniformierten und bewaffneten Sicherheitsleuten, es gab eine kleine Wache neben der Schranke. Zuversichtlich stellten wir uns dort vor, doch niemand schien über unser Kommen informiert. Weder nachfragen noch insistieren halfen. Ilya und Emilia waren noch nicht da, über das Telefon konnte ich sie auch nicht erreichen. Also hieß es Warten. Einige Zeit später dann endlich kamen die Beiden. Nach einem kurzen Gespräch und erneuter Klärung der Regeln durften wir auf das Gelände fahren und die Geräte ausladen. Doch in das Gebäude der „Fliegen“-Installation konnten wir noch nicht, Ilya musste erst noch einmal schauen, ob alles seiner Zufriedenheit entsprach. Jeder Gang hinaus und wieder hinein wurde von den wachsamen und sich ihrer Aufgabe ausgesprochen bewussten Sicherheitsleuten argwöhnisch beobachtet. Zum Wachwechsel mussten wir unsere Befugnis erneut nachweisen… Emilia erklärte die Situation damit, dass es Attentatsdrohungen gegen speziell diese Installation gab. Die Fliege als Motiv stellt ja eine Personifikation der alles beobachtenden und überall und immer anwesenden Macht dar. Die Fliege setzt sich überall drauf, sie ist mit dem Müll eng verbunden – dem tatsächlichen Müll, aber auch dem Sprachmüll und dem ideologischen Müll der Sowjetzeit. Wir selber hatten erst einen Tag zuvor ein entsprechendes Fliegen-Erlebnis: wir waren etwas außerhalb von Moskau drehen, auf der Suche nach Motiven, mit denen wir die in den Installationen verdichtete Realität sichtbar machen wollten. So drehten wir auch einen Mann, der in seiner Garage, in der er unglaublich viele Dinge aufbewahrte, werkelte. Wir hofften, damit einerseits diese Realität und auch die mir noch wohlbekannte Notwendigkeit, möglichst alle brauchbaren Teile aufzubewahren, weil man nie weiß, wann es wieder was geben wird, zeigen zu können; implizit verweist diese Sequenz auch auf die Installation „DER MANN, DER NIE ETWAS WEGWARF“ (Sammlung Museet for Samtidskunst, Oslo).

Diese Garage war Teil eines riesigen Areals mit aneinandergereihten Garagen vor einem Fabrikgelände. Dies war die ehemalige Kamerafabrik. Einer der Garagennachbarn dieses Mannes fragte uns sofort nach unserem Vorhaben und einer Drehgenehmigung, die wir zumindest für alle öffentlichen Orte im Raum Moskau hatten. Scheinbar beruhigt verschwand dieser Mann umgehend. Einige Zeit später fuhren zwei Lada vor und mehrere Männer fragten erneut nach Anlass und Papieren. Wir wurden aufgefordert, mitzukommen – die Angelegenheit konnte glücklicherweise geklärt werden. Nach einigen Tagen, in denen wir regelmäßig angehalten wurden, schien der FSB unserem Projekt gegenüber eine positiven Haltung eingenommen zu haben. So konnten wir auch während der Dreharbeiten selber noch einmal gut nachvollziehen, was Ilya mit dem Motiv der Fliege erzählen wollte und haben dies als Motiv in unserem Film entsprechend umgesetzt. Zu der Problematik der Fliegen-Analogie kommt außerdem, dass Ilya als einer der wenigen maßgeblichen Vertreter der russischen Konzeptkunst immer noch im Ausland lebt und nicht nach Moskau zurückgekehrt ist. Diese Tatsache sorgte im Zusammenhang mit der Retrospektive ebenfalls für eine angespannte und seinem Werk gegenüber sehr besondere Stimmung. „DAS LEBEN DER FLIEGEN“ ist eine kostbare und somit hochversicherte Installation (in Privatbesitz) und so sah Emilia sich gezwungen, eine Sicherheitsfirma bis zur Eröffnung zu engagieren. Ab der Eröffnung trägt der Veranstalter die Verantwortung.

Da wir noch vor der Eröffnung kamen, wurden wir nachdrücklich gebeten, nicht in Schuhen durch die Ausstellung zu gehen. Allerdings war es schon ziemlich kalt und der Boden in dem ehemaligen Weinlager eisig. Also flitzte unsere Aufnahmeleiterin Nina nochmal los und besorgte für uns warme russische Hauslatschen vom nächsten Markt. Nun endlich war es möglich, die Installation zu drehen – auch wenn leider alles fertig aufgebaut war und es uns wieder einmal nicht gestattet wurde, einen Eindruck von der hochkonzentrierten und gleichzeitig unaufgeregten Arbeit des Künstlers zu drehen, wie ich sie im Gropiusbau hatte beobachten dürfen. Ilya Kabakov ist ein ausgesprochen scheuer und zurückhaltender, gleichzeitig auf Perfektion bedachter Künstler. Und die zusätzlich angespannte Stimmung dort zog neben der immensen logistischen Herausforderung, mehrere sehr komplexe Installationen an zwei Ausstellungsorten Moskaus für drei aufeinanderfolgende Eröffnungstage aufzubauen, auch an ihm.

Doch zumindest am nächsten Tag der Dreharbeiten in Moskau hatten wir Glück, denn da ergab sich eine für die Kabakovs ärgerliche Situation, die uns die Gelegenheit gab, sie wie schon in ihrem Atelier oder auf der Biennale in Venedig noch einmal gemeinsam und aktiv eine Installation aufbauend zu filmen. Diese Situation zeigte auch endlich einmal, dass sie tatsächlich als Künstlerpaar operieren und Emilia nicht nur die Frau für die Außenkontakte und das Organisatorische oder die das Publikum und die Kritiker vorausdenkende Partnerin ist, sondern mit Konzeption und Umsetzung der Installationen ebenso vertraut und daran beteiligt ist wie Ilya. Mit der „TOILETTE“ war es ebenfalls möglich, das Prinzip der Verknüpfung biographischer Bezüge mit einer künstlerischen Darstellung des Erinnerten aufzugreifen und mit den Mitteln des Films weiter zu führen.

 

 

Kerstin Stutterheim – Autorin und Regisseurin

Dr. Kerstin Stutterheim, Dokumentarfilmerin sowie Film- und Theaterwissenschaftlerin; Mitglied der Deutschen Filmakademie. Studium der Theaterwissenschaft und Promotion am Institut für Theaterwissenschaft und kulturelle Kommunikation der Humboldt-Universität Berlin. Freie Filmemacherin, Autorin und Dramaturgin von 1992 bis 2001. Von 2001 bis 2006 Professorin für Film/Video und Medientheorie an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, Fachbereich Gestaltung. Seit 2006 Professorin für AV-Mediendramaturgie und -Ästhetik an der HFF Potsdam-Babelsberg "Konrad Wolf“.

Niels Bolbrinker - Regisseur , Kameramann, Cutter

Geboren 1951 in Hamburg. Freier Kameramann und Filmemacher, diverse Lehraufträge zur Bildgestaltung, Fotoprojekte. Studium der Fotografie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und an der Fachschule für Optik und Fototechnik in Westberlin, Abteilung Filmtechnik. Kameraassistent bei dem Bauhausschüler und Kulturfilmregisseur Alfred Ehrhardt in Hamburg. Kameramann vieler Fernsehdokumentationen, Kinodokumentarfilme und Kinderfilme; Zusammenarbeit mit Elke Baur, Rolf Schübel, Trevor Peters, Thomas Tielsch, Roswitha Ziegler und anderen Regisseuren. 1978 Mitbegründer der Wendländischen Filmkooperative. Kameramann u.a. für Nachruf auf eine Bestie, Neubau – VW in Dresden, Tanz mit der Zeit, Die Frau mit den 5 Elefanten.

Filmographie Niels Bolbrinker (Auswahl):

1977 Tue recht und scheue niemand, 50min, (Bundesfilmpreis/Kurzfilm 1977)

1986 Zwischenzeit, 123 min, (Preis der Filmkritik 1986).

1990 Schuß Gegenschuß, 95min, (mit Thomas Tielsch), WDR

1992 Das Ende des blauen Montag, 80min, ZDF

2004 Fluten, 78 min, ZDF/arte (Nominierung Baden-Württembergischer Dokumentarfilmpreis)

2008 Die Natur vor uns, 82min, RUV

Niels Bolbrinker und Kerstin Stutterheim arbeiten seit 1992 überwiegend gemeinsam an Filmprojekten.

Gemeinsame Filmographie:

1993 „Die Wäscherei“, 64 min, ZDF/Kleines Fernsehspiel; Grimme-Preis- Nominierung; 1993 „Laufen lernen“ , 14 min, ZDF/arte

1994 „Das industrielle Gartenreich“ , 98 min

1995 „Politische Landschaft“, 15 min

1995 „ORiginal WOlfen Aus der Geschichte einer Filmfabrik“, 89 min, MDR/ORB

1996/97 „Mythos, Macht und Mörder“, 90 min

1998 „bauhaus – mythos der moderne“, 117 min arte, MDR/ORB

2000 „Industrielles Gartenreich“, 30 min ; „Piesteritz – eine Gartenstadt des 20. Jahrhunderts“, 15 min, für „Urban 21“ und Expo 2000/ Korrespondenzstandort Sachsen Anhalt.

2001 It don’t mean a thing if it ain’t got that swing, 90 min, NDR;

2003 Die Thuranos - Leben auf dem Drahtseil, 90 min, arte/NDR/WDR;

2004 Africafestival 45 min, BR/arte

1998/2009 bauhaus – modell & mythos, 103 min

2009 Fliegen und Engel. Ilya & Emilia Kabakov und die Kunst der 'totalen' Installation, 90 min, WDR/3sat