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Dänemark 1987 - Schwarz-Weiss - 35 mm - 106 Min. - OmU STAB Regie: Lars von Trier In Zusammenarbeit mit dem Dänischen Filminstitut Darsteller
Lars / Dr.Mesmer: Lars Von Trier
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Wiederaufführung Kinostart: 12. Mai 2005
„Die drei Filme, die wir als Trilogie sehen, haben mehr oder
weniger die gleiche Geschichte. Ein Idealist begibt sich in eine gefährliche Umgebung und ist am Ende auch korrupt.“
Aus einem Interview mit Peter Kremski
(Filmbulletin, Winterthur/Schweiz, Heft 3/1991, http://www.filmbulletin.ch,
siehe auch: hier)
KURZINHALT
Erst als das neue Drehbuch fertig geschrieben ist, bemerken von Trier und Vørsel, dass die Epidemie aus ihrem Film schon längst keine Unterschiede mehr zwischen real und fiktional macht und sich inzwischen unaufhaltsam in beiden Welten ausbreitet. EPIDEMIC wird so neben dem Spiel zwischen den Welten auch zum Spiel mit den Genres: von Horror wird in den Autorenfilm gesprungen, vom Künstlerischen in reinen Splatter. Der Film-im-Film ist genau so experimentell wie schizophren, und gerade deshalb immer originell.
SYNOPSIS
Ein Titel und eine Idee für den neuen Film ist schnell gefunden: "Epidemic" erzählt die Geschichte von Dr. Mesmer (Lars von Trier), der mit Hilfe von Aspirin einen aussichtslosen Kampf gegen eine qualvolle und todbringende Pest bestreitet. Allein an der Umsetzung der Idee hapert es aber noch. Daraufhin werden Lars und Niels (Lars von Trier und Niels Vørsel spielen sich hier selbst) in EPIDEMIC fast dokumentarisch auf ihrer Suche nach Inspiration begleitet und begeben sich in die Pathologien von Krankenhäusern oder auf eine Ruhrgebietsreise, auf der das Geheimnis der Streifenzahnpasta gelöst wird und Udo Kier in Köln von den schrecklichen Erlebnissen seiner Mutter während eines Luftangriffs auf die Stadt im zweiten Weltkrieg erzählt. Währenddessen beginnt "Epidemic" als Film-im-Film langsam Gestalt anzunehmen. Wie ein Brandzeichen prangert der rote Schriftzug des Films im rechten oberen Bildrand, seit Vørsel die Überschrift und damit die ersten Buchstaben des neuen Drehbuchs in eine alte Schreibmaschine getippt hat. Gegen den Willen seiner Kollegen begibt sich Dr. Mesmer in die Epidemiezone und kämpft von Idealismus getrieben auf einsamer Spur gegen die Pest. Für seine Aufopferung haben die beiden Filmemacher aber nur ein müdes Lächeln übrig. Von Anfang an ist geplant, dass er eigentlich derjenige ist, der die Seuche verbreitet. "Ohne seinen Idealismus gäbe es gar kein Problem!", meint Lars dazu und genehmigt sich hämisch grinsend ein Bier. Nach fünf Tagen hat das Produktionsduo gerade mal zwölf Seiten auf Papier. Die Produzenten sind davon alles andere als begeistert, besteht ein normales Drehbuch doch aus mindestens 150 Seiten. Um das Buch "ins rechte Licht zu rücken", engagieren Lars und Niels einen Hypnotiseur, der eine Frau in den Film "Epidemic" transportieren soll. Das Experiment funktioniert prächtig, doch scheitern alle Versuche die Dame wieder in die Realität zurückzuholen. Entgeistert durchlebt sie, wie sich im Filmszenario von der Pest befallenen Menschen übergeben und zerfressene Körper in Massen von Wägen gekippt werden. Als EPIDEMIC zu seinem blutigen Ende kommt, müssen die beiden Filmemacher erkennen, dass auch sie Geschwüre auf ihrem Körper tragen. Ihr Film ist inzwischen aus seiner Welt herausgewachsen und ist weit kraftvoller als beabsichtigt: die Epidemie ist in der realen Welt angekommen und bringt auch dort unaufhaltsam Tod und Verderben.
ZUR ENTSTEHUNG DES FILMS
Wie sein Film-Alterego war auch von Trier selbst auf der Suche nach einem Finanzier für sein nächstes Projekt. Von Geldnöten geplagt und verärgert über die Schwierigkeiten Im schmalen Budget fand von Trier überraschend seinen künstlerischen Frieden, lag darin doch eine Chance sich selbst herauszufordern und durch die Situation auch als Künstler zu reifen. Der enge finanzielle Rahmen zwang ihn den Film anders anzugehen als ein "normales" Projekt. EPIDEMIC war für ihn sowohl Flucht aus dem "Apparat" wie auch vor seinem übertriebenen Perfektionismus. Frei von kommerziellen Gesichtspunkten musste sein Film kaum jemanden Rechenschaft ablegen: Improvisation, Experimente und Spontaneität sind so die prägenden Elemente von EPIDEMIC. Fast dokumentarisch dreht von Trier einen Film über sich und seine Arbeitsweise. Er gewährt dem Zuschauer einen tiefen Einblick in seine Arbeit und die seines Drehbuchschreibers Niels Vørsel, und trägt ihn gleichzeitig in die fiktionale Welt des entstehenden Films "Epidemic". Dieses Spiel mit offenen Karten führt so weit, dass von Trier und Vørsel auch in EPIDEMIC auf der Suche nach einem Geldgeber sind. Wie die beiden Filmemacher und ein Großteil der an der Produktion von EPIDEMIC beteiligten Leute spielt sich auch dieser (Claes Kastholm Hansen vom dänischen Filminstitut) selbst.
PRODUKTIONSNOTIZEN Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität in EPIDEMIC sind fließend. Von Trier gibt dem Zuschauer aber doch einige Möglichkeiten sich im Film und seinen beiden Welten zu Recht zu finden. Fein abgegrenzt sind die beiden Filmwelten durch die Verwendung von unterschiedlichen Formaten. So ist die Rahmenhandlung um das Produktionsduo Lars und Niels mit einer 16mm Kamera gedreht worden, während die Szenen von "Epidemic" in 35mm festgehalten sind. Hinter der Kamera der "Filmszenen" stand dabei kein geringerer als Henning Bendtsen, der für den von von Trier hochverehrten Carl Theodor Dreyer bei seinen beiden letzten Filmen "Das Wort (1954) und "Gertrud" (1964) die Kamera führte. Bei EUROPA arbeitet Von Trier wieder mit Bendsten zusammen. Während „Epidemic“ durch Bendstens hochinszenierte Bilderwelten glänzt und mit langsamen Kamerafahrten Atmosphäre erzeugt, wurde die Kamera in der dokumentarischen Rahmenhandlung zum Teil von den Schauspielern selbst geführt. Von Trier versuchte streng das richtige Leben und die Darstellung seiner Arbeitsweise deckungsgleich zu machen. Dementsprechend spielten sich die meistens Leute, die an der Produktion von EPIDEMIC beteiligt waren auch selbst, trugen dort ihre eigenen Klamotten und wurden in ihren eigenen Zimmer gefilmt. In der Rahmenhandlung gab es weder Make-up noch Studiobauten. Auf Grund dieser Rebellion gegen die konventionelle Art des Filmemachens gilt EPIDEMIC für viele als einer der ersten Dogma-Filme überhaupt.
LARS VON TRIER ÜBER EPIDEMIC „Hypnose und Film liegen nah beieinander. Das ganze Drumherum, wenn man im Kino ist, ist sehr ähnlich einer Situation, in der man hypnotisiert wird: das Licht, das langsam ausgeht, die Konzentration, alles, was stört, sollte außerhalb bleiben, in der Trance genau wie im Kino. Es liegt auf der Hand, eine Parallele zu ziehen. Speziell, wenn man einen Film mit einem Erzähler sieht, ist man sehr nah dran an der Technik des Hypnotisierens. Für mich selbst bedeutete der Film „Europa“ nur einen Schritt weiter, das Element des Hypnotisierens noch deutlicher zu verwenden, denn Hypnose ist das Thema in allen drei Filmen – nur in unterschiedlicher Weise. Die Idee des Films „Epidemic“ ist, dass die junge Frau das Filmskript gelesen hat, in Trance versetzt wird und von dem Film erzählen soll. Die Technik war, eine Person zu nehmen, die ein gutes Medium ist und leicht in Trance fällt, und sie einen Text über die Pest in London lesen zu lassen. Den hat sie auch zu Hause gelesen, und danach wurde sie über den Text befragt, aber unter Hypnose, so dass sie in die Gefühlsstrukturen des Textes eindringen konnte. Das war meine Idee von dem Film. Wir fingen an zu drehen. Der Hypnotiseur hat die junge Frau in Trance versetzt, was eineinhalb Minuten dauerte. Ich habe Nils Vørsel angeguckt und gesagt: Das glauben wir ja wohl nicht, die beiden haben sich abgesprochen. Aber zwei Minuten später fing sie dermaßen an zu weinen, dass ihr Kleid von den Tränen völlig durchnässt war. Ich habe mit vielen guten Schauspielern gearbeitet, die weinen können, wenn man sie darum bittet, aber sie brauchen eine lange Zeit, um das Gefühl aufzubauen. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Es war, als würde man einen Wasserhahn aufdrehen, so flossen die Tränen aus ihr heraus. Das hat richtig Angst gemacht. Und ich habe es gefilmt. Das Interessante war, fiction und non-fiction zusammenzubringen. Denn als die Frau hypnotisiert und in Trance gefilmt wurde, da war das fast die Dokumentation einer Hypnose. Fiction und non-fiction zusammen, das ist auch das Thema des ganzen Films. Ich würde sagen, im ersten Film „The Element of Crime“ war die Hypnose Bestandteil der Geschichte, in dem Sinne, dass die Story von jemandem erzählt wird, der sich in Trance befindet. Im zweiten Film „Epidemic“ haben wir dann tatsächlich Hypnose bei einer Darstellerin angewandt. Das war also ein anderer Umgang mit Hypnose. Und im dritten Teil „Europa“ ist die Hypnose sozusagen ein Service fürs Publikum. Sie soll helfen, das Publikum in die Atmosphäre des Films hineinzuziehen. Diese letzte Verwendung von Hypnose kann ich für jeden Film empfehlen. Wir nennen das Hypnovision – einen Film mit einer Induktion zu beginnen, um das Publikum in den Film hineinzuziehen. Meine Filme sind eine seltsame Mischung aus harter Disziplin und Logik einerseits und Gefühlen andererseits. Die Art und Weise, wie ich das Storyboard, das Drehmanuskript und die Bilder zusammenbastele, ist äußerst logisch. Ausgelöst wird das jedoch durch Gefühle, und Gefühle soll es auch wieder bewirken. Aber ich bin selbst nicht ganz damit zufrieden, dass meine Filme im Aufbau so logisch sind. Deswegen mag ich „Epidemic“ mehr als meine anderen Filme. Er erscheint mir mehr wie ein lebendiger Organismus. Die beiden anderen Filme sind ein bisschen zu geschlossen, zu logisch strukturiert. Ich möchte in Zukunft eigentlich mehr in Richtung auf offene Strukturen hinarbeiten.“
BIO- / FILMOGRAFIE LARS VON TRIER Lars von Trier ist ohne Zweifel der Regisseur, der am meisten zur Erneuerung des Dänischen Films beigetragen hat und der großen Einfluss auf die neue 1990er Generation hatte. Nicht zuletzt durch seine zentrale Rolle bei Dogma 95.
Nach EUROPA gründet Lars von Trier gemeinsam mit dem Produzenten Peter Aalbæk Jensen seine eigene Produktionsfirma Zentropa Entertainments.
Während der Produktion von THE KINGDOM I+II erkennt von Trier, dass der technische Stil für den Zuschauer weniger wichtig ist als die Geschichte und die Figuren. Diese Einsicht fließt auch später in das Dogma-Konzept ein. Die Dogma-Filme werden Triers erster großer populärer Erfolg. Bei der zweiten Trilogie, der Golden Heart-Trilogie, lässt er sich von einem Kinderbuch inspirieren. Das Märchen "Goldherz" handelt von einem naiven Mädchen, das viele Verluste und Rückschläge hinnehmen muss, seine Fröhlichkeit und seine Hilfsbereitschaft aber nicht verliert, obwohl es am Ende nur noch mit seinem "goldenen Herzen" dasteht. Die Golden Heart-Trilogie besteht aus:
BIO- / FILMOGRAFIE NIELS VØRSEL Geboren 1953 Im Gegensatz zu Lars von Trier war Niels Vørsel kein Absolvent der dänischen Filmhochschule, sondern hatte sich in der Kopenhagener Avantgarde-Szene als Autor von experimentellen Büchern und Radiohörspielen einen Namen gemacht. Zum ersten Mal tauchte er im Zusammenhang mit Lars von Trier als Statist in dessen Abschlussfilm IMAGES OF A RELIEF (1982) auf. Danach arbeitet Vørsel zusammen mit Lars von Trier an den Drehbüchern für die komplette EUROPA-Trilogie und ist in EPIDEMIC auch als Schauspieler seiner selbst zu sehen. 1995 arbeitete das Duo Von Trier/ Vørsel bei der TV-Serie „Geister“ - bis zum heutigen Zeitpunkt – das letzte Mal zusammen. FILMOGRAFIE NIELS VØRSEL (Drehbuch)
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