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AUF DER SICHEREN SEITE

Deutschland 2009, 80 Minuten

Buch und Regie
Silvia Kaiser
Aleksandra Kumorek

Kamera
Susanne Fuchs
Marcel Reategui

2nd Unit Kamera
Silvia Kaiser

Ton
Marc Witte
Felix Andriessens
Florian Jankowsky
Rainer Heinze

Schnitt
Bettina Blickwede
Chris Valentien

Rohschnitt
Lars Pienkoß

Schnittassistenz
Brigitte Schmidle
Christine Niehoff
Eduardo Delgado Lopez

Dramaturgische Beratung
Tamara Trampe

Farbkorrektur
Matthias Behrens

Filmausbelichtung
Thomas Wilk

Grafik
Birte Merle Jürgens

Sounddesign
Kirsten Kundhard

Tonmischung
Dominik Rätz

Musik Michael
Jakumeit, Klaus-D.Brennecke
Marian Lux

Produktionsleitung
Stefanie Brauer

Produktionsassistenz
Annina Tholl
Christian Peters

Filmgeschäftsführung
Margitta Scholten

Rechtsberatung
Christian Füllgraf

Übersetzung
Nicola Morris

Öffentlichkeitsarbeit
Lars Hoffmann der JVA Tegel

Produzenten
Silvia Kaiser
Aleksandra Kumorek

Co-Produzent
Dieter Fietzke

Redaktion
Jutta Krug (WDR)
Gudrun Hanke-El Ghomri (SWR)

Mitwirkende
Gaston
Gordon
Kai
Rainer
Sigmund
Silvio
Stefan
Thomas
Vasile

Sokratische Gesprächsleiter
Peter Brune
Horst Gronke

Eine Produktion der Gegenlicht Film+TV Produktion in Koproduktion mit Tschagga-Film In Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk und dem Südwestrundfunk. Gefördert von Medienboard Berlin-Brandenburg, Filmstiftung NRW, Deutscher Filmförderfonds, Defa-Stiftung.


DIE EROBERUNG DER INNEREN FREIHEIT
– Sokratische Gespräche unter Gefangenen

 

Kinostart: 27. Mai 2010


Trailer

 

Kurztext


Im Jahr 2000 ließ sich die Haftanstalt Berlin-Tegel auf ein weltweit einmaliges Experiment ein: Schwerverbrecher betreiben Philosophie. Ein Jahr lang begleiten die Filmemacherinnen Aleksandra Kumorek und Silvia Kaiser Langzeitinhaftierte, die mit Hilfe von sogenannten „Sokratischen Gesprächen“ beginnen, sich selbst und ihr eigenes Wertesystem zu hinterfragen. Ein schwieriges Unterfangen, denn diese EROBERUNG DER INNEREN FREIHEIT geschieht inmitten der gewalttätigen Atmosphäre des Gefängnisses - gegen innere und äußere Widerstände.

Synopsis


Wertesysteme bestimmen unseren Alltag – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Sie können Menschen zu Verbrechern machen. Sie können Menschen in den Krieg führen, sie Terroranschläge und Verbrechen begehen lassen. Die Diskussion von Wertesystemen hat in unserer Gesellschaft eine ungeheure Relevanz gewonnen, die ungebrochen anhält.

Vor mehr als 2000 Jahren erfand Sokrates eine Methode, sich des eigenen Wertesystems bewusst zu werden, die „Sokratischen Gespräche“. Einfache Fragen, bei denen die eigene Lebenserfahrung ins Allgemeine abstrahiert wird, decken das eigene Wertesystem auf. Einsicht aus erster Hand war Sokrates Devise.


Was passiert, wenn man Schwerverbrecher mit dieser Methode konfrontiert? Im Jahr 2000 ließ sich die Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel als einziges Gefängnis weltweit auf dieses Experiment ein. Viel erfolgreicher als Gespräche mit Sozialarbeitern und Psychologen führen die sokratischen Gespräche zu einer authentischen Veränderung. Entlarven die Glorifizierung von Verbrecherehre und Bandenmentalität. Führen zu einer Entdeckung der eigenen Bedürfnisse, Sorgen und Ängste.


Über ein Jahr lang beobachteten die Filmemacherinnen Silvia Kaiser und Aleksandra Kumorek Gaston (verurteilt wegen Auftragsmordes), Rainer (verteilt wegen Raumordes), Gordon und Stefan (verurteilt wegen Drogendelikten) und weitere Gefangene, die an den sokratischen Gesprächen teilnehmen. Ohne Voyeurismus, mit ruhigem Blick und – im wahrsten Sinne des Wortes – auf gleicher Augenhöhe erleben wir Menschen, die sich auf die Reise zu der ‚hässlichen’ Seite ihres Selbst begeben und diese Konfrontation aushalten müssen, ihre eigene Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit.


Zu welchen Veränderungen ist ein Mensch fähig? Wie weit ist es möglich, das eigene Wertesystem hinter sich zu lassen? Sind wir nur ein Spielball unserer Ansichten und Erfahrungen oder kann die Philosophie helfen, uns das Fundament der eigenen Persönlichkeit begreifbar zu machen? Ohne die Verbrechen der Gefangen zu relativieren, hinterfragt der Film die Motivationen von Straftätern, lässt sie kritisch über ihre Taten und Werte nachdenken und darüber wie man sich in Extremsituationen wie dem Knast die innere Freiheit bewahrt.

 

 

Wie sehen die Gefangenen die sokratischen Gespräche?

„Die Wahrheit ist nur zu Besuch, die Lüge ist immer bei uns.“ Vasilie, verurteilt wegen bewaffneten Raubüberfalls

„Ich fühle mich in zwei Hälften gespalten. Die eine will helfen und die andere, da bin ich der brutale Räuber.“ Rainer, verurteilt wegen Raubmordes

„Freiheit ist, über seine Gefühle sprechen zu können. Wir wollen hier doch immer nur harte Kerls sein.“ Gaston, verurteilt wegen Auftragsmordes

„Ich weiß nicht, ob ich jemals frei gewesen bin!“ Silvio, verurteilt wegen Betruges und Urkundenfälschung

Rainer (verurteilt wegen Raubmordes)
Die sokratische Gruppe ist für mich so ein kleines Sprungbrett. Ich lerne mich gewählter auszudrücken. Ich lerne mich dadurch selber kennen und kann die anderen besser verstehen, ich akzeptiere die Meinung von anderen und kann sie dadurch besser verstehen.

Gaston (verurteilt wegen Auftragsmordes)
Dieses In-die-Tiefe-Gehen gefällt mir sehr. Eigentlich mehr, als über irgendwelchen belanglosen Mist zu labern, den man eh nicht ändern kann. Bei den Enttäuschungen des Lebens war ich mehr so der Typ gewesen, ich hab alles in mich reingefressen: Mit keinem darüber reden. Du bist ein Mann, wegstecken! So war früher meine Denkstruktur. Und das hat sich durch diese Gespräche grundlegend geändert: Dass man eben doch über vieles reden kann und sich danach auch besser fühlt. Deswegen geh ich da auch nicht mehr raus.

Einen anderen Änderungsprozess fand ich auch noch, dass ich über viel mehr nachdenke, über Sachen, die man vorher als selbstverständlich angesehen hat. Wenn einer was erzählt oder so, lass ich ihn reden. Es ist mir wichtig, dass ich den anderen auch verstehen kann. Nachvollziehen kann, was den bewegt hat, was seine Motivationslage war. Ohne den zu verurteilen oder abwertend zu behandeln, das ist das ganz Wichtige dabei: Egal was der gemacht hat, ich darf mir da niemals vorher ein Urteil in so einem Gespräch erlauben, sondern erstmal den anderen, so wie er ist, nehmen und drüber nachdenken.

Silvio (verurteilt wegen Betruges und Urkundenfälschung)
Die sokratischen Gespräche sind so tiefgründig, ich kann da gar nicht sofort so viel erzählen, wie ich im Kopf habe. Vieles kommt auch erst danach. Wo eigentlich das Unterbewusste bei mir arbeitet. Wo dann nach Wochen bestimmte Sachen kommen, bestimmte Erkenntnisse. Eigentlich ist das hier wie eine Schule. Aber eine Schule über mich selbst. Eine Schule über das Leben. Nochmal reflektieren zu können: Was ist damals gewesen? Wie ist eigentlich die Situation wirklich draußen? Wie verhalten sich andere Leute? Das hier ist einfach eine Studie am Menschen selbst. Über das Zusammenleben. Wie funktioniert wirklich was? Was kann ich wirklich machen? Was kann ich erreichen? Was kann ich als Mensch? Du entscheidest selber über dein Leben. Kein anderer. Ich bin glücklich darüber, dass ich in den Knast gekommen bin, ich misse die Zeit überhaupt nicht!

Gordon (verurteilt wegen Kokainhandels)
Über so ernste Themen unterhält man sich nicht im normalen Alltag. Und schon gar nicht mit jedem. So wie in der Gruppe, würde man im normalen Vollzug nicht reden.

 

 

Die Gefangenen, die an den Sokratischen Gesprächen teilnehmen

Gaston, verurteilt zu lebenslanger Haft wegen Auftragsmordes. In Haft seit : 13.08.93, in Tegel seit : 04.08.97, Strafende noch offen, da lebenslänglich

Rainer, verurteit zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung wegen Raumordes. In Haft seit 23.09.1983, Strafende noch offen, da lebenslänglich

Gordon, verurteilt zu 10 Jahren Haft wegen Kokainhandels. In Haft seit : 06.07.04, in der JVA Tegel seit : 18.01.05, voraussichtliches Strafende : 14.07.12

Silvio, verurteilt zu 5 Jahren und 8 Monaten Haft wegen Betrugs und Urkundenfälschung. In Haft seit 07.04.04, in der JVA Tegel seit 26.11.04, voraussichtliches Strafende: 06.04.11

Sigmund, verurteilt zu lebenslanger Haft wegen Mordes. In Haft seit 05.07.00, in der JVA Tegel seit 08.04.02, Strafende noch offen, da lebenslänglich

Kai, verurteilt zu 10 Jahren Haft (möchte nicht über seine Tat sprechen), bereits entlassen

Stefan, verurteilt zu 9 Jahren Haft wegen Kokainschmuggels, bereits entlassen

Thomas, verurteilt zu 7 Jahren Haft wegen Autoschieberei, bereits entlassen

Vasilie, verurteilt zu 15 Jahren Haft wegen bewaffneten Raubüberfalls, bereits nach Rumänien abgeschoben

 

 

Die Sokratischen Gesprächsleiter Horst Gronke und Peter Brune

Dr. phil. Dipl.-Ing. Horst Gronke

Nach seiner Berufstätigkeit als Bauingenieur studierte Horst Gronke Philosophie, Sozialpsychologie und Literaturwissenschaft. Schon während des Studiums interessierte er sich für die Möglichkeiten, „Philosophie im Gespräch“ zu betreiben und konzentrierte sich auf die Bereiche Kommunikations- und Diskursphilosophie. Dadurch stieß er auf die moderne Form des Sokratischen Gesprächs, absolvierte die Ausbildung zum Sokratischen Gesprächsleiter und engagiert sich seither in der 1994 gegründeten Gesellschaft für sokratisches Philosophieren. Neben seiner Tätigkeit als Dozent für philosophische Gesprächsführung und Ethik an der Freien Universität Berlin und innerhalb der Ethikweiterbildung des Berliner Senats leitet er seit 2002 das Beratungsunternehmen pro argumentis, das die Methode der sokratischen Gesprächsführung zu Klärungsprozessen in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft sowie in pädagogischen und sozialen Kontexten einsetzt.

Jens Peter Brune, M.A. phil.

Nach dem Studium der Philosophie, der Geschichte und der Politikwissenschaft arbeitete Jens Peter Brune als freier Redakteur für verschiedene philosophische Verlage und als Dozent für praktische Philosophie, Kommunikationstheorie und Sokratik an verschiedenen Hochschulen. Das moderne Sokratische Gespräch lernte er 1995 über Horst Gronke an der Freien Universität Berlin kennen, absolvierte die Ausbildung zum Sokratischen Gesprächsleiter und ist seit 1999 Mitglied der Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren. Seither hat er Sokratische Gespräche im Rahmen der Hochschuldidaktik, der Personalentwicklung und in der allgemeinen Erwachsenenbildung geleitet. Im September 2008 hat er eine Dissertation über Jürgen Habermas’ Diskurstheorie des Rechts und der Demokratie an der Freien Universität Berlin eingereicht.

 

 

Die Gesprächsleiter über die Sokratischen Gespräche in der JVA-Tegel

1) Was macht das Besondere der sokratischen Gespräche bzw. der sokratischen Methode aus? Was unterscheidet sie z. B. von einer einfachen Diskussion?

Das sokratische Gespräch hat eine lange Geschichte. In Platons Sokratischen Dialogen tritt sein Lehrer Sokrates als philosophischer Gesprächsleiter auf, der seinen Gesprächspartnern dabei hilft, zu grundlegenden Einsichten über das Gute zu gelangen. In diesen Gesprächen geht es nicht darum, mit geschickter Rhetorik andere dazu zu überreden, die eigenen Ansichten zu akzeptieren. Es findet eine gemeinsame Untersuchung statt, um der Wahrheit in der Beantwortung wichtiger Lebensfragen näher zu kommen. Im gegenseitigen Miteinander und im Bezug zur persönlichen Erfahrung werden innere Einsichten gewonnen, die zu einer freien und selbstständigen Orientierung des eigenen Handelns und Verhaltens befähigen.

Die moderne Form des Sokratischen Gesprächs – sie wurde vor etwa 90 Jahren von dem Philosophen Leonard Nelson begründet uns seither ständig weiterentwickelt – legt besonderen Wert auf die Abgrenzung von den üblichen „Diskussionen“. In Diskussionen sind die Diskutierenden oft nur daran interessiert, zu gewinnen und ihre eigene Meinung durchzusetzen, indem sie ihren Gegnern möglichst viel an Redezeit abnehmen wollen, ihnen ins Wort fallen, sie lächerlich machen usw. (exemplarisch: Talkshows). Wir als moderne Sokratische Gesprächsleiter unterstützen jede einzelne Person in einer Gesprächsgruppe dabei, die eigenen Fragen, Vorstellungen, Überlegungen in das Gespräch einzubringen und gemeinsam mit den anderen Gesprächspartnern zu klären. Die innere Freiheit des Denkens und die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung der inneren Freiheit des jeweils anderen führen zu einer tiefen Verständigung.

2) Warum interessiert es Sie, die sokratischen Gespräche ausgerechnet im Gefängnis durchzuführen?

Wir setzen das sokratische Gespräch überall dort ein, wo sich Menschen einmal den Freiraum nehmen wollen, grundlegender darüber nachzudenken, was sie in ihrem Leben, sei es nun im privaten Raum oder im beruflichen Umfeld, eigentlich tun. Das sokratische Gespräch ist wie ein Moratorium, eine Auszeit, um die Perspektiven für das eigene Handeln neu zu überdenken. Solche Phasen halten wir nicht nur bei Organisationen und Teams für wichtig, sondern auch für den einzelnen Menschen.

Es mag merkwürdig klingen, aber gerade die Zeit im Knast, die 5, 10, 15 Jahre, die Gefangene dort zwangsweise zubringen müssen, eine Zeit, in der die Möglichkeiten zum aktiven Handeln extrem eingeschränkt sind, könnte als eine solche Auszeit genutzt werden. Darin besteht unser Angebot: diese Zeit nicht nur als verlorene Zeit zu betrachten, sondern sie fruchtbar für sich selbst zu gestalten, indem man über die Werte, Maßstäbe und Überzeugungen nachdenkt und kritisch hinterfragt, die einen im Innersten leiten.

Auch Sokrates war ja, nachdem er von der Athener Volksversammlung zum Tode verurteilt worden war, im Gefängnis eingesperrt. Statt Pläne zu schmieden, wie er seiner Gefangenschaft entfliehen könnte, hat er sich im philosophischen Gespräch mit seinen Getreuen darüber ausgetauscht, was zu den prägenden Grundwerten eines Menschen gehört. Und das kann jeder Mensch und dazu sollte jedem Menschen die Chance gegeben werden, was er auch getan hat und was er auch noch tun wird.

3) Inwieweit glauben Sie, haben die sokratischen Gespräche einen positiven Effekt auf dem Resozialisierungsprozess der Gefangenen?

Das kommt darauf an, was Sie mit „positiven Effekten“ meinen. Mit unseren Sokratischen Gesprächen, wo immer wir sie durchführen, versprechen wir im Grunde nichts. Philosophieren dient keinen erwünschten Effekten. Philosophieren ist wirklich „frei“. Wir wissen nicht, ob, und wenn ja, welche „positiven“ Effekte im Leben unserer Teilnehmer auftreten werden. Dadurch unterscheidet sich unser Angebot in der Tendenz von den anderen sozialpädagogischen und -therapeutischen Resozialisierungsangeboten im Gefängnis, vor allem von den „verordneten“ Angeboten.

Unsere Absicht ist es, einem der edelsten Grundbedürfnisse des Menschen zur Befriedigung zu verhelfen, dem Bedürfnis, sich mit seiner Vernunft über sich selbst Klarheit zu verschaffen, ohne hierbei von jemandem, der es besser zu wissen meint, auf den richtigen Weg geleitet zu werden. Das beginnt damit, sich die eigenen Fragen klarzumachen. Das sokratische Philosophieren dreht sich ja vor allem darum, die richtigen Fragen zu finden und zu lernen, darüber sinnvoll nachzudenken – und zwar so, dass die Ergebnisse dieses Nachdenkens Bedeutung für das eigene Handeln haben. Wir glauben, dass darin ein großer Wert liegt.

Die Effekte, die wir selbst als „positiv“ beurteilen, fallen gleichsam en passant ab. Unsere Teilnehmer fühlen sich ernst genommen. Ihre Gedanken zählen etwas. Sie erfahren, dass sie Vertrauen in ihre eigene Vernunft haben können, sie kriegen etwas raus – ganz und gar durch eigenes Nachdenken, z. B. darüber was wirkliche Freundschaft auszeichnet, was eine sinnvolle Arbeit ausmacht, wie sie sich selbst sehen, welche Risiken man im Leben eingehen sollte und welche nicht usw.

Wir glauben, wenn man sich auf das sokratische Gespräch einlässt und es aufrichtig betreibt, kann man nicht mehr vollends unmoralisch handeln. Unser Vorbild ist z. B. eine Frau wie Nora Walter, eine vor einigen Jahren gestorbene sokratische Leiterin, die in ihrer Jugend an in einer „Sokratischen Schule“ ausgebildet wurde und die einen Großteil ihres Lebens als Sokratische Leiterin tätig war. Wie andere aus ihrer Gruppe ist sie konsequent gegen die Nazis eingetreten und hat auch danach überall, wo sie tätig war, im Geiste des Humanismus gewirkt. Sokratische Gespräche, das ist unsere Erfahrung, bilden und stabilisieren das autonome moralische Urteils- und Handlungsvermögen.

4) Was lernen Sie für sich selbst von den Gefangenen? In Hinsicht auf die sokratischen Gespräche? Aber auch in Hinsicht auf ihre eigenen Wertmaßstäbe, auf Ihre eigene Sicht auf das Leben?

Es erscheint uns schwierig und vielleicht sogar anmaßend, von den eigenen Lernerfolgen zu sprechen. Man weiß ja nie ganz sicher, ob einen etwas weitergebracht oder zurückgeworfen hat. Das Sokratische „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ müssen auch wir eingestehen. Wir können aber zwei Eindrücke, die wir in den nun zehn Jahren, in denen wir sokratische Gespräche in der JVA Tegel durchführen, hervorheben. Das Erstaunlichste für uns ist vielleicht: Philosophische Gespräche, werden sie in einer angemessenen Form angeboten, können mit fast allen Menschen fruchtbar geführt werden. Der Bildungsstand spielt im Prinzip keine Rolle. In unseren Gesprächen im Gefängnis gehören häufig sogar die einfachen Männer, die keinen Hauptschulabschluss haben, zu den Stützen des Gesprächs. Sie bringen prägnante Erfahrungen ein, reden nicht um die Sache herum, bemühen sich, die Gedanken der anderen genau aufzufassen. In diesen Gesprächen gibt es eine schnörkellose Konkretheit des Denkens, die wir bei unseren Gesprächen in den Konferenzräumen der Organisationen „draußen“ allzu oft vermissen. Eine andere Sache, die uns eigentlich erst nach einigen Jahren zu Bewusstsein gekommen ist, trat gerade in der letzten Zeit deutlicher hervor: Für unsere Teilnehmer ist der Freiheitsraum nicht nur äußerlich durch die Gefängnismauern eingeschränkt, es gibt auch eine innere Begrenzung des Freiheitsraums im Bewusstsein. Die Fragen, die die Teilnehmer für das sokratische Gespräch bilden, zielen in aller Regel darauf ab, wie man sich im Leben behaupten kann, wie man das Leben bewältigt. Sie stellen selten Fragen, die sich auf die Bereiche der Selbstverwirklichung beziehen. Die Frage nach dem Glück etwa liegt ihnen zu fern, um überhaupt als bedeutsam zu erscheinen. Hier wird einem bewusst, wie froh eigentlich eine Lage stimmt, in der man die Werte des eigenen Lebens nicht nur auf das Überleben bezieht. Vielleicht erzielen wir eines Tages in unseren Gesprächen den Durchbruch zu Themen wie Glück, Liebe, Freude. Das wäre ein weiterer großer Schritt zur inneren Freiheit.

 

 

Lars Hoffmann, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der JVA-Tegel über die sokratischen Gespräche

Sokrates und Justizvollzug - kann das zusammenpassen? Diese und ähnliche Fragen stellten sich uns, als wir Ende 1999 erstmals das Angebot für eine „Sokratische Gesprächsgruppe" erhielten. Nachdem dann im Jahr 2000 erste Gespräche mit Gefangenen der Teilanstalt V stattgefunden haben und wir die gewonnenen Erfahrungen ausgewertet haben, war uns relativ schnell klar: Ja, Sokrates und Justizvollzug passen zusammen! Seit nunmehr neun Jahren finden in der JVA Tegel sokratische Gesprächsgruppen mit Gefangenen statt. Nach Anfängen in der Teilanstalt V kamen aufgrund des großen Interesses der Gefangenen in den folgenden Jahren weitere sokratische Gesprächsgruppen in anderen Teilanstalten der JVA Tegel hinzu. Die Sokratischen Gesprächsgruppen in der JVA Tegel haben sich somit zu einem „Erfolgsmodell" entwickelt, dass deutschlandweit einzigartig sein dürfte.

 

 

Fragen an die Filmemacherinnen

1) Was hat Sie an diesem Thema interessiert und warum haben Sie daraus einen Dokumentarfilm gemacht?

Silvia Kaiser: Was mich grundsätzlich stark interessiert ist, wenn sich Menschen selber hinterfragen und bereit sind, sich innerlich zu verändern. Äußere Veränderungen dagegen sind leicht. Die meisten Menschen glauben durch äußere Veränderungen ginge es ihnen besser. Das schürt ja auch der Kapitalismus. Dir wird es gut gehen, wenn Du ein Haus hast, ein Auto, eine Familie usw. Dabei bleibt man doch immer man selbst.
Die Schwerverbrecher sind darauf angewiesen sich innerlich zu verändern. Besonders die, die lebenslänglich bestraft sind. Ohne glaubhafte innerliche Veränderung kommen sie nicht mehr raus. Das wird ja im Film auch deutlich.

Aleksandra Kumorek: Es gibt viele Gefängnisfilme – einfach nur einen weiteren zu drehen, hätte mich nicht interessiert. Was mich reizte, war diese ungewöhnliche Perspektive: Der Blick des Knastes auf die Philosophie – der Blick der Philosophie auf den Knast. Da vereinigen sich zwei Elemente, die sonst nicht zusammen kommen und gängige Klischees werden aufgebrochen: Sowohl über Philosophie als auch über das Gefängnis.

2) Man fühlt sich in dem Film, auch in den Gesprächen, als Zuschauer mittendrin. Wie haben Sie das gemacht?

Aleksandra Kumorek: Das war am Anfang gar nicht einfach – wir haben viele Monate lang recherchiert. Wir haben auch selbst im Vorfeld an den sokratischen Gesprächen teilgenommen. Auf diese Weise haben nicht nur wir die Gefangenen kennen gelernt, sondern auch sie uns. Das war sehr wichtig. Mit der Zeit haben wir ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut und als wir dann mit der Kamera kamen, war unsere Anwesenheit so selbstverständlich, dass uns die Gefangenen als einen natürlichen Teil der Gespräche wahrgenommen haben.

Silvia Kaiser: Damit nichts verloren geht, haben wir die Gespräche mit zwei Kameras gedreht. Ich habe die zweite Kamera gemacht. Es sollten nicht zuviel fremde Leute am Drehort sein. Durch die zweite Kamera konnte man konnte man gut mit Schnitt – Gegenschnitt arbeiten. Auf diese Weise konnte man die Lebendigkeit der Gespräche sehr gut einfangen. Und weil die Gefangenen mit uns und den Philosophen so vertraut waren, haben sie in kein Blatt vor den Mund genommen.

3) Dieser Film handelt nur von Tätern. Wo bleiben die Opfer?

Silvia Kaiser: Wichtig war für uns, dass die Gefangenen sich selber erkennen und nicht dass wir sie beurteilen.

Aleksandra Kumorek: Ja, das stimmt, es ist ein Film in dem die Opfer nicht behandelt werden.
Denn die zentrale Frage war für uns, zu welchen Veränderungen und Erkenntnissen ist ein Mensch in der Lage – auch wenn er ein schweres Verbrechen begangen hat. Das ist das Revolutionäre an Sokrates Ansatz: Jeder Mensch ist zur Erkenntnis fähig - und somit auch zu einer Veränderung. Diese zutiefst menschliche Perspektive von Sokrates war für mich in diesem Film interessant. Wir haben beide zu keinem Zeitpunkt die Straftaten unserer Protagonisten verharmlost. Die Tatsache, dass fast alle unsere Protagonisten eine schwere Kindheit hatten, ist zwar eine Erklärung für ihre Taten, aber keine Rechtfertigung dafür. Sie alle hätten sich auch anderes entscheiden können. Und gerade in dieser Erkenntnis - dass man immer die Möglichkeit einer Wahl hat - darin liegt die innere Freiheit. Der Mensch ist kein Automat. Man kann nicht sagen: weil ich eine schwere Kindheit hatte, muss ich zum Verbrecher werden. Diese Erkenntnis haben die Protagonisten im Laufe der Gespräche erlangt. Wenn Gaston oder Gordon sagen: sie erkennen heute, dass sie sich für ihre Verbrechen entschieden haben, dann erkennen sie gleichzeitig auch, dass sie die Wahl hatten, sich anders zu entscheiden. Das ist ein wichtiger Schritt Richtung innere Freiheit.

4) Was hat Zuschauer davon, wenn er Schwerverbrechern bei ihrer Eroberung der inneren Freiheit zuschaut?

Silvia Kaiser: Es kommt darauf an, dass man sich selbst erkennt. Sokrates hatte recht.
Sich selbst zu erkennen und zu hinterfragen ist etwas, was auch dem Zuschauer außerhalb der Gefängnismauern auch schwer fällt und deshalb ist es spannend zu beobachten, wie es den Gefangenen, die es ja in einem sehr schwierigen Umfeld wie im Gefängnis versuchen, immerhin ein Stück weit gelingt.

Aleksandra Kumorek: Das Spannende an der Entwicklung der Gefangenen ist grade auch die Tatsache, dass sie im Knast passiert: also nicht nur gegen innere, sondern auch gegen äußere Widerstände. Und das ist etwas, das die meisten von uns kennen: wie kann ich mich – trotz eines z.B. schwierigen beruflichen oder familiären Umfeldes - entwickeln und verändern? Wie gehe ich mit meinen inneren Widerständen um? Ich will mich verändern und selbst erkennen – warum ist es trotzdem so schwer? Das sind universelle Fragen, sie gelten für alle Menschen, ob im Knast oder außerhalb.

 

 

Silvia Kaiser (Autorin / Regisseurin / Produzentin)

Geboren 1963 in Osnabrück. Silvia Kaiser studierte an der Filmhochschule in Dortmund bei Adolf Winckelmann und Claudia von Alemann, sowie Broadcasting in den USA. Sie drehte Kurzspielfilme und einen Musikclip für die Toten Hosen. Als freie Regisseurin und Fernsehjournalistin drehte sie zahlreiche Magazinbeiträge, Dokusoaps, Dokumentationen, u.a. für ZDF/37 Grad.

Filme Die Radtour Kurzspielfilm 16 mm, 7 min Kamera, Regie, Schnitt (gezeigt auf mehreren Kurzfilmfesten, gesendet beim WDR). normalerweise normal Kurzspielfilm 16 mm, 6 min Regie, Schnitt (Abschlußfilm Filmschule). Nahista Kurzspielfilm 16 mm, 7 min Regie, Schnitt Tagebuchfilme Hi 8 Video. Medienprodukt Girlie. Aufstieg und Fall einer Jugendbewegung Feature 20 min Digital Video Regie, Schnitt (Verkauf an 40 Landes- und Stadtbildstellen in Deutschland). Kind und Karriere in Ost und West 10 Jahresstudie 1997 - 2007 Kamera/Regie Topmanager in der Suppenküche, ARD, 30 min Regie (zusammen mit Aleksandra Kumorek) Mein fernes Kind , Sendedatum 02.August 2005 Dokumentation, 37 GRAD, ZDF, 30 min Regie, Produktion Bin 10, suche Arbeit, Sendedatum 07.11.2006 Dokumentation, 37 Grad ZDF, 30 min Regie, Produktion Mich gibt es nur mit Kind - Alleinerziehend auf Partnersuche Sendedatum 09.12.2008 Dokumentation, 37 Grad, ZDF, 30 min Die Eroberung der inneren Freiheit – Dokumentarfilm 85 min WDR/SWR, Medienboard Berlin Brandenburg/Filmstiftung NRW/ Deutscher Filmförderfonds (mit Aleksandra Kumorek)

 

 

Aleksandra Kumorek (Autorin / Regisseurin / Produzentin)

Geboren 1971 in Kattowitz/ Polen. Aleksandra Kumorek studierte Theater- und Filmwissenschaft und Germanistik an der FU Berlin und Filmregie an der Northern Media School in England. Beide Studien wurden mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgezeichnet. Sie absolvierte außerdem eine Ausbildung an der Drehbuchwerkstatt Rhein-Ruhr bei Dr. Möller-Naß. Sie drehte Dokumentationen und Kurzspielfilme und 2006 ihren ersten abendfüllenden Spielfilm „Die Überflüssigen“ für ZDF / Das kleine Fernsehspiel.

Filme (Auswahl)

Am Fluß – Kurzspielfilm 16mm 10 min Drehbuch, Regie, Produktion Sommerspiele – Kurzspielfilm 16mm 15 min Drehbuch, Regie, Produktion Auszeichnung: Beste Regie Jahrgang 2001 an der NMS Festivals u.a.: Chicago Children’s Film Festival, Giffoni Film Festival Nominierung: Royal Television Society Student Awards Verleih: Matthias-Film Top-Manager in der Suppenküche – Dokumentation 30 min, ARD (mit Silvia Kaiser) Insolvenz im Gotteshaus Dokumentation 30 min, RBB Die Überflüssigen – Spielfilm HD 79 min Drehbuch, Regie, Produktion ZDF / Das kleine Fernsehspiel Prix Genève Europe Writing Bursary 2005 Die Eroberung der inneren Freiheit – Dokumentarfilm 85 min WDR/SWR, Medienboard Berlin Brandenburg/Filmstiftung NRW/ Deutscher Filmförderfonds (mit S. Kaiser)

 

 

Susanne Fuchs (Kamera)

Geboren 1964 in Wuppertal. Susanne Fuchs studierte Kunstgeschichte und Germanistik an der Ruhruniversität Bochum, danach Tätigkeit als freie Malerin. Ausbildung an der Staatlichen Fachschule für Optik und Fototechnik Berlin, Fachrichtung : Kameraassistenz. Sie arbeitete als Kameraassistentin bei diversen Filmproduktionen, u.a.: „ Klassenfahrt “ von Henner Winckler; Kamera: Janne Busse; „ Marseille “ von Angela Schanelec; Kamera: Reinhold Vorschneider (2.Assistenz); „ Mein langsames Leben “ von Angela Schanelec; Kamera: Reinhold Vorschneider ; „ Schlesien – Der wilde Westen “ von Ute Badura; Kamera: Claus Deubel. „Die Eroberung der inneren Freiheit“ ist ihre erste Arbeit als Kamerafrau.

 

 

Marcel Reategui (Kamera)

Geboren 1971 in Heidelberg. Marcel Reategui studierte Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin und Kamera an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (Seminare u.a. bei Slawomir Idziak, Ciro Cappellari, Sophie Maintignieux, Andreas Dresen, Martin Kukula, David Slama, Ulrich Seidel, Michael Ballhaus). Hospitanz bei Michael Ballhaus: „Gangs of New York“ (in CineCitta, Rom). Marcel Reategui drehte als Kameramann u.a.: „Das große Rind und der Zorn Gottes“ (Dokumentarfilm); „Life`s a battle“ (Dokumentarfilm arte/ RBB); „Helbra“ (Kinodokumentarfilm); „Maison de France“ (Dokumentarfilm SWR), Richter Lebenslänglich (Dokumentarfilm SWR), „Die Boxerin“ (Kinospielfilm / 2nd Unit).

 

 

Bettina Blickwede (Schnitt)

Bettina Blickwede studierte Germanistik, Amerikanistik, Theater- und Filmwissenschaften. Sie hat eine langjährige Erfahrung als Cutterin u.a. bei den folgenden Filmen: „Letters“ (Regie: Andreas Honneth); „Die koreanische Hochzeitstruhe“ (Regie: Ulrike Ottinger); „Provinz, Metropole, Zentralfriedhof“, (Regie: Jens Wenkel, Reinhard Zapka); „Ich geh jetzt rein“ (Regie: Aysun Bademsoy); „Deep Play“ (Regie: Harun Farocki); „Ich kam mit Flügeln…“ (Regie: Bianka Bertram); „After Effects“ (Regie: Stephan Geene); „Ferien“ (Regie: Thomas Arslan); „Prater“ (Regie: Ulrike Ottinger); „Schwarze Schafe“ (eine Episode) (Regie: Oliver Rhys); „Die Hochzeitsfabrik“ (Regie: Aysun Bademsoy); „Aus der Ferne“ (Regie: Thomas Arslan); „Kommune der Seligkeit“ (Regie: Klaus Stanjek); „12 Stühle“ (Regie: Ulrike Ottinger); „10 Tage-Ein ganzes Leben“ (Regie: Tanja Hamilton) „Südostpassage“ (Regie: Ulrike Ottinger); „Ester“ (Regie: Ulrike Ottinger); „Ein schöner Tag“ (Regie: Thomas Arslan); „Die Durchmacher“ (Regie: Leander Haussmann); „Dealer“ (Regie: Thomas Arslan) ; „Deutsche Polizisten“ (Regie: Aysun Bademsoy); „Dreckfresser“ (Regie: Branwan Okpako)