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CREDITS

USA 2002 - 35 mm - Farbe - 85 Min.

Buch und Regie Kirby Dick, Amy Ziering Kofman
Produktion Jane Doe Films
Produzentin Amy Ziering Kofman
Co-Produzent Gil Kofman
Musik Ryuichi Sakamoto
Kamera Kirsten Johnson
Ton Mark Z. Danielewski, Pascal Depres, Benoit Hillebrandt
Schnitt Kirby Dick, Matt Clarke


DERRIDA

Ein Film von Kirby Dick und Amy Ziering Kofman

Kinostart: 6. November 2003

 

Textskript zum Film

Jacques Derrida: Ich unterscheide zwischen Zukunft und "Avenir", der zukünftigen Zeit. Zukunft ist das, was morgen, später, im nächsten Jahrhundert sein wird, das, was absehbar ist, was geschehen wird. Es gibt also eine vorprogrammierte, vorhersehbare Zukunft, die festgelegt, vorgeschrieben, d.h. irgendwie geplant und absehbar ist. Ich bevorzuge das Wort "Avenir", das Kommende, die zukünftige Zeit, denn es bezieht sich auf jemanden oder etwas das kommt und das in seiner Ankunft nicht vorhersehbar ist. Für mich ist das die wahre Zukunft. Das Unvorhersehbare. Das oder der Andere kommt, ohne dass ich es oder ihn erwarte. Wenn es also eine wahre Zukunft jenseits der Zukunft gibt, dann ist es die zukünftige Zeit im Sinne des Kommens des Anderen, und zwar dann, wenn ich es nicht vorhersehen kann.

Marguerite Derrida (Derridas Ehefrau): Jackie?
Jacques Derrida: Ja.
Marguerite Derrida: Hast du deine Schlüssel? Hast du die Schlüssel?
Jacques Derrida: Ja.
Marguerite Derrida: Nur, falls es spät wird.

Erste TV-Sprecherin: Dieses Jahrhundert hat uns große Philosophen beschert, darunter Husserl und Bergson, Wittgenstein und Heidegger, Ricoeur und Levinas. Man sollte annehmen, damit seien alle genannt. Wer sonst kann sich mit ihnen messen? Und doch wäre die Liste der großen Denker unvollständig ohne Jacques Derrida.

Jacques Derrida: Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht begrüßt. Das ist etwas schwierig.

Zweite TV-Sprecherin: Guten Abend. Heute geht es um den französischen Philosophen Jacques Derrida, Begründer des so genannten Dekonstruktivismus, der als einer der innovativsten zeitgenössischen Philosophen gilt.

Jacques Derrida: Okay, ich hab die Schüssel. Sie fahren mir am besten hinterher. Ich fahre direkt auf den Parkplatz und frage den Salonbesitzer, wo Sie parken können.

Zweite TV-Sprecherin: Der in El Biar, Algerien, geborene Jacques Derrida ist auf allen Kontinenten bekannt. Seine Denkweise ist wie ein Blitzschlag, er gleicht einem Bergarbeiter, der die Träger des Gerüsts sprengt, das tief unten im Bergwerk den Stollen trägt.

Kirby Dick: Ich habe die Theorie, dass Amerikaner nur existieren, wenn sie gefilmt werden oder glauben gefilmt zu werden. Es bedingt ihr Dasein.
Jacques Derrida: Das zeigt, wie amerikanisiert ich schon bin. Vorsicht - sie sieht alles und ist doch vollkommen blind. Wie der Philosoph, der in den Brunnen fällt, während er die Sterne betrachtet.

Jacques Derrida: Ich habe diese Leute Tag und Nacht um mich. Wo ich auch bin, seit zwei Wochen verfolgen sie mich ununterbrochen.
Universitätsmitarbeiterin: Gewöhnt man sich daran?
Jacques Derrida: Manchmal vergesse ich es.

Jacques Derrida: Vergessen Sie nicht die Beispiele von Biografien, deren Autoren in akademischen Kreisen anerkannt sind. Sie investieren diese Autorität in ein Buch, das manchmal Jahrhunderte nach dem Tod des Autoren die "Wahrheit" repräsentiert. Angenommen jemand, der sich für Biografien interessiert, schreibt über das Leben und Werk von Heidegger. Das Buch ist gut dokumentiert und scheinbar verlässlich. Es ist die einzige Biografie und erscheint zudem bei einem guten Verlag. Und so wird dieses Bild von Heidegger, das Bild vom Leben Heideggers, fixiert und festgemacht, und zwar für Jahrhunderte. Deshalb denke ich, dass manchmal eine Person, die einen philosophischen Text liest, das kann ein winziger Absatz sein, und ihn auf eine Art interpretiert, die innovativ und äußerst aufschlussreich ist, ein besserer Biograf ist, als der, der alle Einzelheiten kennt.

Jacques Derrida: Das ist mein blaues Jackett.
Amy Ziering Kofman: Das ist gut.
Jacques Derrida: Aber es passt nicht, denn das ist schwarz, nicht blau, und das geht eigentlich nicht.
Amy Ziering Kofman: Ich weiß, aber die untere Hälfte sieht man gar nicht. Darf ich mal sehen?

Jacques Derrida: Sie wissen ja, die traditionelle Philosophie schließt die Biografie aus, sieht sie als außerhalb der Philosophie stehend. Sie erinnern sich sicher an Heideggers Bemerkung zu Aristoteles. Heidegger wurde einmal Folgendes gefragt: Wie sah das Leben des Aristoteles aus?" Wie kann man die Frage beantworten, wie Aristoteles' Leben aussah? Die Antwort ist ganz einfach. Aristoteles war ein Philosoph. Die Frage ist schnell beantwortet: "Er wurde geboren, er dachte, und er starb." Alles andere sind Anekdoten.

Amy Ziering Kofman: Das Grab seiner Mutter wurde geschändet. Seine Eltern lesen seine Bücher nicht. Er schreit: "Mami, ich hab Angst." - Bis er irgendwann auf einem Sofa in ihrer Nähe schlafen darf. Eine Gesichtshälfte ist drei Wochen lang gelähmt, so dass sein Auge unaufhörlich offen bleibt, ohne zu blinzeln. Der Vater schreibt kurz vor seinem Krebstod seine eigene Todesanzeige. Er wird von der Schule verwiesen, weil er Jude ist. Er erfährt, dass er einen geheimen Namen hat: Eli, nach dem jüdischen Propheten Elijah. Er steht nicht auf seiner Geburtsurkunde. Er fällt durch die erste Aufnahmeprüfung an der Universität. Mit fünfzehn schreibt er einen Roman über den Diebstahl eines Tagebuchs und wie Erpressung es zurückbrachte. Er gibt vor, Hebräisch zu lernen, um es zu lesen, ohne es zu verstehen. In Prag wird er verhaftet und 24 Stunden festgehalten, weil er Drogen geschmuggelt hat, die man ihm untergeschoben hat. Er bekommt ein R-Gespräch, die Person stellt sich vor als: Martini Heidegger. Er lehnt es ab, in einem Film von Marguerite Duras mitzuspielen. Als Jugendlicher träumt er von einer Karriere als Fußballspieler. Seine Söhne werden nicht beschnitten, was seine Eltern ihm übel nehmen. Er schläft schlecht und hat einen Nervenzusammenbruch, weil er zu viele Schlaftabletten und Amphetamine nimmt. Sein älterer Bruder lebt nur sieben Tage, er stirbt ein Jahr vor seiner Geburt.

Jacques Derrida: Klassische Philosophen lehnen die Autobiografie für gewöhnlich ab, weil sie denken, es sei unanständig. Der Philosoph solle nicht von sich als empirischem Wesen sprechen. Diese Unhöflichkeit, oder Höflichkeit, ist selbst eine Philosophie. Um mit diesem klassischen philosophischen Axiom zu brechen demgemäß ein Philosoph sich nicht selbst darstellen darf oder die Autobiografie nicht zulassen darf, müssen wir bis zu einem gewissen Grad unanständig sein.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Wir betrachten die Biografie eines "Philosophen" nicht mehr als ein Korpus empirischer Zwischenfälle, die einen mit einem Namen ließen, der sich seinerseits einer philosophischen Lektüre, der einzig legitimen, darböte. Weder die Lektüre philosophischer Systeme, noch die externen empirischen haben die 'dynamis' dieser Randung zwischen Werk und Leben hinterfragt, zwischen dem System und dem "Subjekt" des Systems. Diese Randung ist weder aktiv noch passiv, weder innen noch außen. Vor allem ist sie keine schmale Linie, kein unsichtbarer oder 'unteilbarer' Strich zwischen dem Gehege der Philosopheme einerseits und andererseits dem Leben eines Autors.
(Otobiografien, 1982, in: Nietzsche – Politik des Eigennamens)

Erste Studentin: Ihnen zuzuhören, hat mir geholfen, Ihre Texte zu verstehen.
Jacques Derrida: Danke.
Erste Studentin: Ich wollte Sie einfach kennen lernen.
Zweite Studentin: Ich habe gerade einen Ihrer Romane gelesen und wollte Sie reden hören, um ihn besser zu verstehen.
Student: Ich habe angefangen mich mit negativer Theologie zu beschäftigen und frage mich, ob es da eine Verbindung gibt zwischen ...

Amy Ziering Kofman: Bekannt sind Sie für die Dekonstruktion. Können Sie erklären, wo diese Idee herkommt?
Jacques Derrida: Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich eine Bemerkung vorausschicken, und zwar über den künstlichen Charakter dieser Situation. Ich weiß nicht, wer sich das, was Sie hier filmen, ansehen wird, aber mir liegt daran, zu betonen und nicht zu leugnen, dass hier gewisse technische Bedingungen herrschen. Ich möchte keine Natürlichkeit vortäuschen, die nicht existiert.
Damit bin ich schon bei der Antwort auf Ihre Frage, denn ein wesentliches Merkmal der Dekonstruktion besteht darin, nichts als natürlich darzustellen, was nicht auch natürlich ist, nicht so zu tun, als ob das, was durch Geschichte, Technologie, Institutionen und Gesellschaft geprägt wurde, natürlich sei.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Die Bedingung einer Dekonstruktion kann "im Werk" am Werk sein, und zwar 'im' zu dekonstruierenden System. Sie kann 'bereits' darin vorgefunden werden und an der Arbeit sein, nicht im Zentrum, sondern in einem exzentrischen Zentrum, an einer Ecke, deren Exzentrizität die Konzentration des Systems sichert. Sie hat einen Anteil an der Konstruktion dessen, was sie zu dekonstruieren droht. Von daher könnte man zu folgendem Schluss kommen: Dekonstruktion ist keine 'nachträgliche' Operation von außen, die sich eines schönen Tages ereignet. Sie ist immer schon am Werk im Werk. Wenn die dislokative Kraft der Dekonstruktion sich 'immer schon' in der Architektur des Werkes verortet findet, so käme es, um dekonstruieren zu können, nur noch darauf an, das Gedächtnis ins Werk zu setzen. Da ich eine Schlussfolgerung weder akzeptieren noch zurückweisen kann, wenn sie in diesen Begriffen formuliert wird, lassen wir diese Frage einstweilen in der Schwebe.
(Mémoires. Für Paul de Man, 1986)

Jacques Derrida: Ich schulde Ihnen eine Erklärung, d.h. ich möchte vielmehr Ihre Erlaubnis einholen für das, was Sie zu meiner Linken sehen. Dieser filmische Apparat dort wird einige Aufnahmen machen. Und ich hoffe, dass dies ebenso unbemerkt vonstatten gehen wird, wie das bei verschiedenen anderen Aufzeichnungsgeräten der Fall ist, die Sie gelernt haben zu ignorieren. Aufzeichnungsgeräte, insbesondere Videokameras waren bereits Thema dieses Seminars. Die Frage der Zeugenaussage war immer wieder Thema, als wir uns mit dem Urteil im Rodney-King-Fall beschäftigt haben. Dies ist übrigens ein kalifornisches Kamerateam. Im Fall Rodney King haben wir uns gefragt, was mit den gesammelten Zeugenaussagen passiert, wenn man vom klassischen Begriff der Zeugenaussage ausgeht, der den Einsatz von Aufzeichnungsgeräten ausschließt. In einer Art Feldversuch werden wir hier also versuchen, kurzzeitig in Gegenwart dieses Archivierungsapparates zu arbeiten.

Agnes hat mich gestern angerufen.
Es ging um das Treffen.
Nicht?
Ja.
Klingt nicht schlecht.
Ja.

Jacques Derrida: Das nennt man also cinéma vérité? Alles, was man sieht, ist falsch. Na ja, fast alles. Das bin ich eigentlich gar nicht. Ich bin nie so angezogen.
Amy Ziering Kofman: Ach ja?
Jacques Derrida: Nein, denn wenn ich allein zu Hause bin, vormittags, ziehe ich mich nicht an, sondern bleibe in Pyjama und Bademantel.
Amy Ziering Kofman: Den ganzen Tag?
Jacques Derrida: Bis ich aus dem Haus gehe. Wenn ich hier bleibe, ziehe ich mich nicht an.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Wer adressiert sich an Sie? Sowie dies kein Autor, kein Erzähler oder "deus ex machina" ist, ist es ein "ich", das sowohl dem Schauspiel zugehört als auch dem Publikum und das, ein wenig wie "Sie", seine eigene unaufhörliche und gewaltsamen Wiedereinschreibung in die arithmetische Maschinerie durchlebt; ein "ich", das als reiner Ort der Passage der Substitution preisgegeben und keine singuläre und unvertretbare Existenz mehr ist, kein Subjekt, kein "Leben", sondern nur zwischen Leben und Tod, Realität und Fiktion, eine Funktion oder ein Phantom.
(Dissemination, 1972)

Jacques Derrida: Lassen Sie mich nachdenken. Ich möchte an das anschließen, worüber wir vorhin gesprochen haben: das Sehen und Fühlen. Sehen und Sprechen, Sehen und Fühlen. Ich möchte hier nicht meine Gedanken über das Sehen vertiefen, das habe ich an anderer Stelle bereits ausgiebig getan. Ich habe ausführlich über das Auge und das Sehen geschrieben. Was mich an den Augen interessiert, ist, dass sie den Teil des Körpers bilden, der nicht altert. Oder anders ausgedrückt: Wenn man nach seiner Kindheit sucht und dabei alle Anzeichen körperlichen Verfalls mit einbezieht, sei es der Rückgang der Muskulatur, das Ergrauen des Haars, Veränderungen in Gewicht und Größe, So findet man die Kindheit nur in den Augen wieder. Und das Bewegende daran ist, dass auch ein Mann meines Alters in die Augen seiner Kindheit blickt. Es gibt eine Menge Literatur darüber. Hegel sagt von den Augen, sie seien die äußere Manifestation der Seele. Durch die Augen wird die Seele, das Innere, nach außen offenbar. Ich übersetze das so: Der Blick kennt kein Alter. Die Augen bleiben ein Leben lang gleich. Etwas Ähnliches gilt für ein anderes Körperteil, nämlich für die Hände. In meinem neuen Buch über das Fühlen ist viel von den Händen die Rede. Mich interessieren die Hände von Philosophen, z.B. Heidegger, oder die von Kant und Husserl. Mich interessieren ihre Hände und was sie über die Hände sagen und das Privileg, das sie diesem Körperteil einräumen. Ganz abgesehen von ihrer evolutionsgeschichtlichen Bedeutung, schließlich vollzieht sich die so genannte Hominisation des Tiers über die der Hand. Ich meine nicht, dass die Hand an sich gleich bleibt. Die Hand verändert sich im Laufe des Lebens. Dennoch dienen sowohl die Augen als auch die Hände als Wiedererkennungszeichen. Die Zeichen, an denen man den Anderen erkennt. Paradoxerweise sind es bei uns selbst die Körperteile, die wir am seltensten betrachten. Womit wir wieder beim Narzissmus sind. Wir können uns in einem Spiegel betrachten und uns ein recht gutes Bild von unserem Körper machen. Aber es ist schwierig, den eigenen Blick festzuhalten oder sich ein Bild der eigenen Hände zu machen, wie sie sich bewegen und gestikulieren. Das ist schwierig. Und genau diese, wie soll ich sagen, diese Gestikulation, die Gestik der Hände wird vom Anderen besser gesehen oder erkannt als von mir. Das meine ich damit.

Amy Ziering Kofman: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sich so sehen?
Jacques Derrida: Dieses Portrait von mir? Ich habe ihr eben schon gesagt, dass ich sehr besorgt war. Wie Sie wissen, habe ich ein etwas gestörtes Verhältnis zu meinem Bild. Und als ich hier herein gekommen bin, hatte ich Angst. Aber ohne es dadurch ästhetisch zu bewerten, akzeptiere ich es.
Amy Ziering Kofman: Ist das ein komisches Gefühl?
Jacques Derrida: Das auf jeden Fall. Aber es gibt komische Dinge, die man akzeptieren kann. Trotzdem ist es komisch, es ist irgendwie unheimlich. Aber ich habe nicht das Verlangen, es zu zerstören, wie ich das oft bei Fotos oder Bildern habe. Sie hat mir damit ein sehr schönes Geschenk gemacht. Ein Geschenk für den kleinen Narziss. Oder besser, den alten Narziss.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Es gibt weder den Narzissmus noch den Nicht-Narzißmus; es gibt mehr oder weniger verständnisvolle, freigiebige, offene und ausgedehnte Narzißmen, und was man als Nicht-Narzißmus bezeichnet, ist nur die Ökonomie eines viel einladenderen und gastfreundlicheren Narzißmus, der offen gegenüber der Erfahrung des Anderen als Anderem ist. Ich glaube, ohne die Bewegung der narzisstischen Wiederaneignung wäre die Beziehung zum anderen vollkommen zerstört, sie wäre von vorneherein zerstört. Die Beziehung zum anderen muß, selbst wenn sie asymmetrisch bleibt, offen und ohne mögliche Wiederaneignung, eine Bewegung der Wiederaneignung in das Selbstbildnis skizzieren, damit Liebe möglich ist. Liebe ist narzißtisch.
(Auslassungspunkte, 1992)

Amy Ziering Kofman: Wie haben Sie sich kennen gelernt?
Lichttechniker: Einen Moment.
Jacques Derrida: Wie soll man dabei eine Frage beantworten? Erst muss das Licht neu eingestellt werden, und dann unterbrechen Sie mich erneut. Ich kann das nicht. Sie meinen, dass Sie die Kamera nie vergessen? Sobald es mir gelingt, gibt es Probleme, und ich werde unterbrochen, damit der ... wie heißt das noch? Protektor?
Amy Ziering Kofman: Reflektor.
Jacques Derrida: Man macht sich Gedanken über die Antwort, und der Reflektor unterbricht die Reflexion. Das macht es schwierig. Könnten Sie die Frage wiederholen?
Amy Ziering Kofman: Wie haben Sie sich kennen gelernt?
Jacques Derrida: Sollen wir es Ihnen erzählen?
Marguerite Derrida: Ja, erzähl ruhig.
Jacques Derrida: Ich werde Ihnen nicht alles erzählen. Ich werde an der Oberfläche bleiben. Ich habe zusammen mit Marguerites Bruder studiert. 1952 waren wir beide an der Ecole Normale Supérieur. Da war es fast klar, dass wir uns kennen lernen würden. Und im Winter unseres ersten gemeinsamen Jahres an dieser Schule waren ihr Bruder und ich mit Freunden im Wintersport, Ski laufen. Da habe ich Marguerite kennen gelernt. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, aber das war 1953. Danach haben wir uns lange nicht gesehen. Irgendwann war ich dann bei ihrer Familie zum Essen eingeladen, und so hat alles angefangen.
Amy Ziering Kofman: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Zusammentreffen mit Jacques?
Marguerite Derrida: Das war im Schnee.
Amy Ziering Kofman: Sie erinnern sich noch an dieses erste Mal?
Marguerite Derrida: Ja.
Jacques Derrida: Es scheint sie zu wundern, dass wir uns noch daran erinnern.
Amy Ziering Kofman: Und wo genau war das?
Jacques Derrida: In einem Dorf in der Haute Savoie. Ich war damals dort, und sie kamen dahin. Sie betreten da einen Bereich, wie soll ich mich ausdrücken, wo Sie aus uns nicht viel herausbekommen werden. Ich will damit nur sagen, dass es schwierig ist, vor der Kamera darüber zu reden. Wir können Ihnen Fakten nennen: Wir haben uns 1953 kennen gelernt. Wir haben 1957 in den USA geheiratet. Das sind Fakten.
Amy Ziering Kofman: Ja, ich weiß.
Jacques Derrida: Reine Fakten.
Amy Ziering Kofman: Na gut, aber warum? Okay, Sie haben Ihre Prinzipien, und Sie haben bereits gesagt, dass Sie nur die Fakten preisgeben. Aber warum haben Sie beschlossen, uns nur die Fakten mitzuteilen?
Jacques Derrida: Weil das alles nicht so einfach ist.

Amy Ziering Kofman: Ich würde gern auf die Frage der Anekdote zurückkommen. Sie haben bereits Heideggers Ansicht über das Leben Aristoteles' zitiert: "Aristoteles wurde geboren, er dachte und er starb." Und bei unserem Gespräch über Sie und Marguerite sagten Sie: "Ich kann Ihnen die Fakten nennen, mehr nicht." Könnten Sie dazu etwas sagen?
Jacques Derrida: Auch wenn ich natürlich nicht ganz mit Heidegger übereinstimme, dass sich das Leben eines Philosophen zusammenfassen lässt als: seine Geburt, sein Tod und seine Gedanken. Und ich kann auch Gründe dafür nennen, warum ich anderer Meinung bin. Nichtsdestotrotz fühle ich mich ihm in dieser Frage sehr nahe. Ich verstehe, was er sagen will, und gebe ihm in gewisser Weise Recht. Wenn die Geschichten des Lebens, die kleinen Details, die Anekdoten, der Alltag, wenn das wegfallen müsste, bliebe auch für mich als wichtigste Frage übrig, was eine Person denkt und was sie darüber schreibt. Als ich eben gesagt habe, sie würden aus uns nicht viel herausbekommen, war das nicht nur, weil ich wollte, dass das unser Geheimnis bleibt, sondern weil es schwer ist, so etwas vor der Kamera zu erzählen. Selbst das, was ich preisgebe und was sehr vertraulich ist, gebe ich nicht preis, indem ich es einfach erzähle. Manchmal mache ich eine Andeutung in Bezug auf Daten oder Ereignisse, aber ansonsten geschieht das nicht in erzählender Form. Die Narration hat mir schon immer Probleme bereitet. In meinem Buch über Paul de Man habe ich geschrieben, dass ich keine Geschichten erzählen kann. Ich könnte es gern, habe aber immer das Gefühl, das die Erzählung dem, was ich erzählen möchte, nicht gerecht wird. Also lasse ich es bleiben.

Aus dem Monitor: Könnten Sie die Frage wiederholen? - Wie haben Sie sich kennen gelernt? - Sollen wir es Ihnen erzählen? - Ja, erzähl ruhig. - Aber ich werde nicht alles erzählen. Ich werde an der Oberfläche bleiben.
Amy Ziering Kofman: Fanden Sie es komisch, etwas zu sehen, was Sie vergessen hatten?
Jacques Derrida: Ja, ich hatte z.B. schon vergessen, wie Sie uns nach unserer ersten Begegnung gefragt haben. Ich mag diese Szene, und zwar, weil wir nichts sagen. Wir denken beide an das Gleiche, aber sagen es nicht. Das fand ich sehr bewegend. Das hat mir gut gefallen. Aus dem einfachen Grund, dass wir nichts sagen. Wir sind kurz davor, etwas zu erzählen. Aber wer genau hinschaut, merkt, dass wir an einer Grenze bleiben, wo Vertrauen unmöglich ist.
Amy Ziering Kofman: Was fällt Ihnen zum Thema Liebe ein?
Jacques Derrida: Zu welchem Thema? Liebe oder Tod?
Amy Ziering Kofman: Liebe. Über den Tod haben wir genug gehört.
Jacques Derrida: Liebe?
Amy Ziering Kofman: Liebe.
Jacques Derrida: Dazu kann ich nichts sagen. Stellen Sie mir wenigstens eine Frage. Ich kann nicht einfach so über das Thema Liebe reden. Es wäre mir lieber, Sie würden eine Frage stellen. Ich kann unmöglich Allgemeinplätze über die Liebe abgeben. Unmöglich! Oder wollten Sie, dass ich öffentlich zugebe, dass ich über die Liebe im Allgemeinen nichts zu sagen habe.
Amy Ziering Kofman: Könnten Sie uns dann erklären, warum dieses Thema die Philosophie seit Jahrhunderten beschäftigt?
Jacques Derrida: Die Liebe ist doch ein wichtiges philosophisches Thema. Das dürfen Sie mich wirklich nicht fragen.
Amy Ziering Kofman: Warum haben Philosophen sich damit beschäftigt?
Jacques Derrida: So hat die Philosophie im Grunde angefangen. Nein, nein, ich kann das nicht, mein Kopf ist da vollkommen leer. Auch bei der Frage, warum Philosophen viel von der Liebe sprechen, ist mein Kopf leer oder voller Klischees.
Amy Ziering Kofman: Plato interessierte sich sehr dafür. Können Sie dazu etwas sagen?
Jacques Derrida: Ich weiche etwas vom Thema ab und stelle zunächst eine Frage: Was ist der Unterschied zwischen dem "Wer" und dem "Was"? Handelt es sich bei der Liebe um die Liebe zu einer Person? Oder handelt es sich um die Liebe zu etwas? Nehmen wir einmal an, ich liebe eine Person. Liebe ich diese Person für ihre absolute Einzigartigkeit? "Ich liebe dich, weil du Du bist." Oder liebe ich ihre Eigenschaften: Schönheit, Intelligenz ... Liebt man eine Person oder etwas an einer Person? Der Unterschied zwischen dem "Wer" und dem "Was" trifft mitten ins Herz und teilt es. Man sagt, die Liebe sei eine Herzensregung. Regt sich mein Herz, weil ich eine Person liebe in ihrer absoluten Einzigartigkeit, oder liebe ich die Art, wie diese Person sich gibt? Man sagt, Liebe beginnt mit Verführung. Man fühlt sich angezogen, weil die andere Person so oder so ist. Umgekehrt wird die Liebe enttäuscht, oder sie stirbt, wenn man sich eingestehen muss, dass diese Person unsere Liebe nicht verdient. Auf jeden Fall war diese Person nicht so, so oder so. Wenn die Liebe stirbt, wird also deutlich: Man hat die Person nicht um ihrer selbst willen geliebt, sondern weil sie so, so oder so war. Man hat also etwas geliebt, nicht eine Person. Im Hinblick auf die Liebe heißt das so viel wie: Die Liebe spaltet sich in das "Wer" und das "Was". Die Frage des Seins, um zur Philosophie zurückzukommen, die erste Frage der Philosophie lautete: "Was ist das Sein?" Die Philosophie beginnt mit der Frage nach dem Dasein. Und diese Frage teilt sich auch hier in das "Wer" und das "Was". Ist das Sein jemand oder etwas. Das ist jetzt etwas abstrakt, aber ich glaube,dass alle, die lieben, die anfangen zu lieben oder aufhören zu lieben, sich in diesem Dilemma befinden. Man möchte der Person treu sein, in ihrer Einzigartigkeit. Aber man merkt: Diese Person ist nicht diejenige welche. Ihre Eigenschaften und ihr Bild entsprechen nicht dem, was man zu lieben glaubte. Das heißt, die Treue wird bedroht von diesem Unterschied zwischen dem "Wer" und dem "Was".

Jacques Derrida: Und, was halten Sie von meiner ...
Amy Ziering Kofman: Wie ich Ihre Familie finde?
Jacques Derrida: Ja.
Amy Ziering Kofman: Sehr nett und warmherzig.
Jacques Derrida: Sie finden sie nett?
Amy Ziering Kofman: Ja. Sehr. Sie sind aber ganz anders als Sie.
Jacques Derrida: Ja, auch untereinander.
Amy Ziering Kofman: Stimmt.
Jacques Derrida: Meine Schwester liebe ich sehr. Sie ist sehr nett.
Amy Ziering Kofman: Ja.
Jacques Derrida: Ihr Mann ist auch in Ordnung.
Amy Ziering Kofman: Ja, sie waren sehr gastfreundlich.
Jacques Derrida: Ihr Mann ist sehr nett. Mit meiner Schwester habe ich mich mein ganzes Leben lang noch nie gestritten, auch nicht über Kleinigkeiten. Es gab niemals Ärger zwischen meiner Schwester und mir, es gab nicht den geringsten, wie sagt man noch gleich?
Amy Ziering Kofman: Streit.
Jacques Derrida: Ja, diese üblichen Streitigkeiten. Absoluter Friede.
Amy Ziering Kofman: Bis auf das eine Mal, als Sie ihre Wiege angezündet haben.
Jacques Derrida: Das war aber auch das erste und letzte Mal ... Das wissen Sie noch?

Jacques Derrida: Jetzt werden die Leute, die diesen Film sehen, denken: "Der ist ja ein Chips-Fanatiker. So geht das jeden Tag. Er verkehrt in prächtigen Häusern und trinkt jeden Tag Champagner." Bedienen Sie sich einfach, wenn Sie mal eine Hand frei haben. Auf unser aller Gesundheit!

Jacques Derrida: Wir vergleichen gerade zwei chirurgische Eingriffe.
René Major (Freund Derridas): Wissen Sie, so kriegt man ihn dazu, über seinen Körper zu sprechen.
Jacques Derrida: Über welchen Teil? Ich habe viel über die Nierensteine meiner Mutter geschrieben. Das kann ich gern erzählen: Als meine Mutter 47 war, fand man bei einer Untersuchung per Zufall heraus, dass der Grund für ihre Verdauungsbeschwerden ein enormes steinartiges Gebilde in ihrer Niere war. Man operierte sie, um den Stein zu entfernen. Aber sie bekamen ihn nicht heraus, weil er zu groß war. Und sie waren schließlich gezwungen, die Niere zu entfernen. Meine Mutter wurde 90 Jahre alt mit nur einer Niere. Und diesen gigantischen Stein hat sie all die Jahre aufbewahrt.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Ich schreibe in dem Augenblick, da meine Mutter mich nicht mehr erkennt und da sie, die noch, ein wenig, sprechen oder artikulieren kann, mich nicht mehr bei meinem Namen ruft, ich habe für sie und daher zu ihren Lebzeiten keinen Namen mehr, das ist es, was geschieht, und wenn sie mir denn überhaupt noch zu antworten scheint, so antwortet sie wohl einem, der ohne ihr Wissen zufällig ich bin, wenn Wissen hier noch eine Bedeutung hat. Wie neulich in Nizza, als ich sie fragte, ob sie Schmerzen habe, "ja". Und wo? Es war der 5. Februar 1989. Sie besaß die Verwegenheit, mir in einer Rhetorik, die nicht ihre gewesen sein konnte, und von der sie, ach, nichts wissen, auch nichts gewußt haben wird, auf meine Frage zu entgegnen: "Ich habe Schmerzen in meiner Mutter", als spräche sie für mich, zugleich an mich gerichtet und an meiner Stelle. Ich bleibe für einen Augenblick bei einem Schuldgefühl oder einem Eingeständnis, das ich dem Leser schulde, in Wahrheit aber meiner Mutter selbst, denn der Leser wird glauben, daß ich für meine Mutter, vielleicht sogar für eine Tote schreibe. Würde ich für meine Mutter schreiben, dann für eine Lebende, die ihren Sohn nicht mehr erkennt, und ich paraphrasiere hier für die, welche mich nicht mehr erkennen, gesetzt, dass ich es nicht tue, um nicht mehr erkannt zu werden oder, das ist nur eine andere Formulierung, eine andere Version desselben, damit man mich schließlich zu erkennen glaube.
(Zirkumfession, 1992)

Radiosprecher: Der Militär-Chef der pro-iranischen Hezbollah wurde heute Morgen getötet, als ein israelischer Hubschrauber bei einem Angriff im Süd-Libanon das Auto des Hezbollah-Chefs zerstörte. Israel startete daraufhin eine Offensive gegen verschiedene Positionen der Hezbollah im Libanon.
In Ruanda geht der Flüchtlingsstrom ununterbrochen weiter. Mehr als 45.000 Menschen sind unterwegs nach Tansania.

Jacques Derrida: Meine schmerzlichste Erfahrung mit Rassismus war der Antisemitismus. Antisemitismus hatte es in Algerien zwar schon immer gegeben, er wurde aber im Krieg schlimmer, d.h. um 1940, damals war ich zehn. Damals wurde der Antisemitismus offizielle französische Politik. Und alle jüdischen Kinder und Lehrer wurden der Schulen verwiesen, genauso wie die meisten jüdischen Angestellten und Beamten. Auch ich musste mit zehn Jahren die Schule verlassen. Mein Bruder und meine Schwester auch. Keiner erklärte uns warum. Irgendwann kam der Schulaufseher und schickte mich nach Hause. Das Schmerzlichste daran war komischerweise nicht einmal der administrative Akt des Schulverweises. Schlimmer war es, wenn sie auf der Straße "dreckiger Jude" riefen. Diese grausame Erfahrung machten wir jeden Tag. Wir wurden verfolgt, und zwar von den anderen Kindern, nicht von den Erwachsenen, sondern von Freunden und Schulkameraden. Von ihnen wurden wir als "dreckige Juden" beschimpft. Für mich war das eine sehr "lehrreiche" Erfahrung und eine sehr schmerzliche, die natürlich dazu geführt hat, dass ich heute noch empfindlich auf Rassismus und Antisemitismus reagiere. Ich habe ein sehr feines Gespür für jede Art von Anitsemitismus, selbst wenn er gut kaschiert wird oder wenn er einen Deckmantel trägt. Ich bin da sehr wachsam.
Diese Situation hatte etwas Paradoxes, das habe ich schon oft erzählt. In dem Moment, da ich aus der Schule ausgeschlossen wurde und im Grunde auch aus der französisch-christlichen Gemeinschaft, fühlte ich mich auch in der jüdischen Gemeinde unglücklich und eingesperrt. Meine Eltern schickten mich auf eine jüdische Schule. Es gab ja genug jüdische Lehrer, um eine neue, gute Schule zu eröffnen. Aber mir hat es dort überhaupt nicht gefallen. Und so kam es bei mir gleichzeitig zu einer Ablehnung dieser Solidarität innerhalb der jüdischen Gemeinde. Für mich war das eine wichtige Zeit und eine sehr prägende Erfahrung: einerseits dieses Ausgeschlossen-Sein und der Antisemitismus, andererseits mein eigenes Unbehagen innerhalb der jüdischen Gemeinde.

Reiseführer (auf Robben Island, Südafrika): Wir nähern uns jetzt dem Hochsicherheitsgefängnis. Das ist die Zelle Nummer 5. Dort hat Präsident Mandela 18 Jahre zugebracht.
Jacques Derrida: Wie viele?
Reiseführer: 18 Jahre.
Jacques Derrida: Da war er eingesperrt. Das war seine Zelle?
Reiseführer: Ja. Wie Sie sehen, gibt es weder fließendes Wasser noch eine Toilette. Als Toilette diente ein Eimer.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Sobald es Eines gibt, gibt es Mord, Verletzung, Traumatisierung. 'Das Eine hütet sich vor dem anderen.' Es schützt 'sich' gegen das andere, enthält aber in sich selbst, in der Bewegung dieser eifersüchtigen Gewalt, sie auf diese Weise wahrend, die Alterität oder Differenz zu sich selbst, die es zu Einem macht. Das Eine als das Andere. Zugleich, in derselben Zeit, in einer selben aus den Fugen gegangenen Zeit, vergißt das Eine, sich an sich selbst zu erinnern, es wahrt und tilgt das Archiv dieser Ungerechtigkeit, die es ist. Dieser Gewalt, die es macht. 'Das Eine tut sich Gewalt an.' Es verletzt und vergewaltigt sich. Es wird das, was es ist: die Gewalt selbst. Selbstbestimmung als Gewalt.
(Dem Archiv verschrieben, 1995)

Texttafel: Im August 1998 sprach Derrida an mehreren südafrikanischen Universitäten. Als Vortragsthema wählte er die Vergebung.

Jacques Derrida: Wir werden uns mehr als einmal mit einer Vorfrage konfrontiert sehen. Diese Frage lautet: "Wer oder Was?" Vergibt man einer Person, die etwas Falsches gemacht hat? Oder vergibt man ihr das, was sie falsch gemacht hat? Einer Person, die nicht zu verwechseln ist mit dem Vergehen an sich und dem Zeitpunkt dieses Vergehens, noch mit der damaligen Verletzung. Die Frage ist: "Wer oder was?" Vergeben wir einer Person? Oder vergeben wir einer Person eine Sache?
Moderator: Okay, noch eine allerletzte Frage. Da gibt es eine dringende Frage.
Studentin: Sie sprechen als Weißer zu einem weißen Publikum, das zu den ehemaligen Unterdrückern in Südafrika gehört. Und Sie erzählen uns etwas von bedingungsloser Vergebung. Vielleicht meinen Sie das mit der "reinen" Vergebung ja ironisch. Und vielleicht ist "reine" Vergebung ja etwas schier Unmögliches. Aber wir sitzen hier als potentielle Objekte der Vergebung. Denn wir alle, Sie eingeschlossen, sind in gewissem Sinne schuldig. Glauben Sie nicht, dass Sie eine ideologische Funktion erfüllen, wenn Sie sagen, wir sollen nicht bereuen oder um Vergebung bitten, weil wir dann die "reine", bedingungslose Vergebung zerstören? Gleichzeitig erzählen Sie den Unterdrückten, sie sollen vergeben, ohne Reue zu erwarten.
Jacques Derrida: Punkt eins: Ich nehme Ironie ernst. Ich nehme das Problem der Ironie sehr ernst. Wir brauchen Ironie, sie ist ein wichtiges Mittel, um gängige Vorstellungen zu hinterfragen. Das geht nicht ohne Ironie. Von daher war etwas Ironie im Spiel.
In diesem Kontext hier verstehe und teile ich natürlich Ihre Sorge. Aber ich möchte eine ganz klare Trennung machen zwischen dem "reinen" Begriff der Vergebung und dem Gedanken der Versöhnung und dem der Entschuldigung und dem derzeitigen Prozess. Denn sobald man den Begriff Vergebung mit allen damit verbundenen Begrifflichkeiten vermischt, die in diesen Prozess mit einfließen, Versöhnung, Reue und so weiter, dann wird dieser Prozess auf obskure Weise christianisiert. Man bringt Verwirrung und Unklarheit in eine Sache, die so klar sein sollte, wie möglich. Wenn ich von "reiner" Vergebung spreche, ist die Geste eine andere.
Ich werde versuchen, das zu erklären und zu zeigen, dass "reine" Vergebung als Idee ein Ding der Unmöglichkeit sein muss. Sonst dürfte man nur das verzeihen, was unverzeihlich ist, denn Verzeihliches ist schnell verziehen. Man muss das Unverzeihliche verzeihen und somit das Unmögliche tun. Ich unterscheide hier bewusst zwischen Versöhnung und Vergebung. Wird Vergebung nur mit dem Ziel der Versöhnung erbeten oder gewährt, also mit einer Zweckbestimmtheit, dann ist es keine Vergebung. Wenn ich nur vergebe, weil ich etwas ändern will oder, damit die Wunden geheilt werden können. Wenn ich vergebe, weil ich therapeutische Absichten verfolge oder psychoanalytische, oder sogar ökologische, weil ich möchte, dass eine Gesellschaft gesund wird. All das ist keine "reine" Vergebung, sondern Berechnung. In vielen Fällen ist das notwendig und durchaus gerechtfertigt. Aber für mich ist das dann keine "reine" Vergebung. Es ist ein Prozess der Trauerarbeit, der Aussöhnung, es kann eine Art notwendige therapeutische Maßnahme sein.
Ich begrüße es durchaus, dass diese Aussöhnungsprozesse heute vielerorts stattfinden, sei es in der Politik oder anderswo. Aber ich, als Philosoph, der seine Worte sehr genau wählt, dem daran gelegen ist, was er sagt auch zu verstehen und die Implikationen seiner Worte einschätzen zu können, ich würde in diesem Fall nicht von reiner Vergebung sprechen.

Techniker: Noch fünf Sekunden ...
Fernsehmoderatorin: Ich sage Ihnen, welches Beispiel mir dabei einfällt: Das ist "Seinfeld", Amerikas beliebteste Sitcom. Kennen Sie die amerikanische Sitcom "Seinfeld"? Jerry Seinfeld, ein amerikanischer Klassiker, eine Sitcom über ein paar Leute, die unter einem Dach leben. Alles ist ironisch zu verstehen oder als Parodie. Dem Schicksal eines Küchenschranks wird genauso viel Inbrunst gewidmet wie z.B. der Frage, ob man an Gott glaubt. Können Sie darin etwas erkennen?
Jacques Derrida: Dekonstruktion, wie ich sie verstehe, produziert keine Sitcoms. Und wenn eine Sitcom so oder so funktioniert, und die Zuschauer glauben, das sei Dekonstruktion, kann ich ihnen nur raten: Lest! Guckt euch keine Sitcoms an, macht eure Hausaufgaben und lest.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Improvisation ist nicht einfach. Sie ist das Schwierigste überhaupt. Selbst wenn man vor einer Kamera oder einem Mikrofon improvisiert, so gleicht man einem Bauchredner oder überlässt es einem anderen, die Schemata oder Sprache wiederzugeben, die bereits da sind. Viele Vorschriften sind in unseren Köpfen, unserer Kultur vorgeschrieben. Alle Namen sind bereits vorprogrammiert. Allein die Namen hindern uns daran, jemals richtig zu improvisieren. Man kann nicht alles sagen, was man will. Man ist im Grunde verpflichtet, den stereotypen Diskurs zu reproduzieren. Und deshalb glaube ich an die Improvisation. Und ich kämpfe dafür. Aber immer in dem Glauben, dass sie unmöglich ist. Und da, wo improvisiert wird, kann ich mich selbst nicht sehen. Ich bin mir selbst gegenüber blind. Und es ist das, was ich sehe. Nein, ich werde es nicht sehen. Die anderen werden es sehen. Derjenige, der hier improvisiert wird, nein, ich werde ihn niemals sehen.
(Unveröffentlichtes Interview, 1982)

Jacques Derrida: Ich werde versuchen, Ihre Frage zu Echo und Narziss zu beantworten, und möchte das Bild als Ausgangspunkt nehmen, denn in der Geschichte von Echo und Narziss geht es um das Bild, um das Verhältnis zwischen Spiegelbild und Stimme, zwischen Licht und Wort, zwischen Spiegelung und Spiegel. Und genau das passiert jetzt hier: ein Spiegel, Worte, eine Kamera, ich antworte und wiederhole mich. Ich bin Echo und Narziss in einer Person. Und dabei geschieht etwas Außerordentliches. Diese Szene habe ich in vielen Seminaren untersucht. Was mir daran so gefällt, ist der Moment, wo Echo Narziss in die Enge treibt. Echo wird von der eifersüchtigen Göttin dazu verdammt, niemals für sich selbst sprechen zu dürfen, sondern immer das Satzende des Anderen wiederholen zu müssen. Aber Echo schafft es in ihrer unendlichen und liebenden Schlauheit, die letzten Silben der Worte von Narziss auf ganz eigene Art zu sagen, d.h. sie wiederholt sie auf eine Art und Weise, die sie zu ihren Worten werden lässt. Sie eignet sich die Worte an, indem sie seine wiederholt, und zeigt so ihre Liebe. In der Wiederholung antwortet sie ihm. Sie spricht die Worte nach und tritt in einen Dialog. Durch eine außergewöhnliche List spricht sie am Ende für sich selbst. Aber Reden birgt immer auch eine gewisse Verblendung, denn Reden ist nicht gleich Sehen, das Wort ist in gewissem Sinne blind. Im Grunde ist Echo trotz ihres Scharfsinns blind, weil sie Narziss blindlings nach- und somit entspricht. Eine typische Liebesgeschichte. Und auch Narziss ist blind, denn er merkt, dass er nur sich selbst sieht, sein eigenes Spiegelbild. Und nur sich selbst zu sehen, ist eine Form von Verblendung. Er kann nichts anderes sehen, und deshalb weint Narziss. Er weint und stirbt gewissermaßen an seiner eigenen Verblendung. Wir haben also zwei Verblendungen und zwei Blinde, die sich lieben. Wie können zwei Blinde sich lieben, das ist hier die Frage?

Amy Ziering Kofman: Was ist das für ein Raum?
Jacques Derrida: Das ist mein neues Arbeitszimmer.
Amy Ziering Kofman: Haben Sie die Bücher von Anne Rice gelesen?
Jacques Derrida: Die habe ich geschenkt bekommen. Nein, die habe ich nie gelesen. Ich habe damals im Unterricht Vampirismus behandelt. In einer Vorlesung über Kannibalismus ging es irgendwann um Vampirismus, da hat sie mir jemand geschenkt. Ich weiß nicht mal mehr, wer das war. Aber ich habe sie nie gelesen. Ich habe das nicht alles gelesen.
Amy Ziering Kofman: Aber das meiste.
Jacques Derrida: Nein. Drei oder vier vielleicht. Aber die dafür sehr gründlich.
Früher war das das Zimmer meines Sohnes Pierre. Das Spielzeug hier ist für unsere Enkelin Vera, wenn sie zu Besuch kommt. Das kennen Sie sicher. Hier schläft sie.
Amy Ziering Kofman: Wie schön.
Jacques Derrida: Ansonsten dient es auch als Arbeitszimmer.

Kirby Dick: Welchen Philosophen könnten Sie sich als Ihre Mutter vorstellen?
Jacques Derrida: Ist das sein persönlicher Stil? Darauf habe ich keine Antwort parat. Geben Sie mir etwas Zeit. Meine Mutter. Gute Frage. In der Tat eine sehr gute Frage. Eine sehr interessante Frage und ich will versuchen, Ihnen zu erklären, warum ich keinen Philosophen als Mutter haben könnte. Meine Mutter könnte kein Philosoph sein. Oder, ein Philosoph könnte nicht meine Mutter sein. Das ist sehr wichtig, weil es sehr viel aussagt: z.B. wie ich mir einen Philosophen vorstelle und auch, warum ich die Philosophie dekonstruiere. Weil der Philosoph für mich männlich ist. Die gesamte Dekonstruktion des Phallogozentrismus ist im Grunde die Dekonstruktion dessen, was man Philosophie nennt, und was von jeher an eine männliche Figur geknüpft ist. Der Philosoph ist also ein Vater, keine Mutter. Von daher wäre der Philosoph, der meine Mutter sein könnte, ein post-dekonstruktivistischer Philosoph, d.h. ich oder mein Sohn. Und meine Mutter als Philosoph wäre dann beispielsweise meine Enkelin. Ein weiblicher Philosoph, der die Dekonstruktion bestätigt hätte und somit eine Frau wäre, die denkt, nicht philosophiert. Ich unterscheide stets zwischen Denken und Philosophie. Eine denkende Mutter: Das ist im Grunde genau das, was ich möchte. Das versuche ich zu erschaffen, das möchte ich zum Leben erwecken.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Ob die Philosophie seit gestern tot sei, seit Hegel oder Marx, Nietzsche oder Heidegger, und die Philosophie müsste noch dem Sinn ihres Todes nachirren, oder ob sie immer schon aus diesem Wissen um ihren Tod gelebt habe; ob die Philosophie 'eines Tages, in' der Geschichte gestorben sei, oder immer im Todeskampf und aus der gewaltsamen Öffnung der Geschichte gelebt habe, indem sie gewaltsam ihre Möglichkeit der Nicht-Philosophie, ihrem Grund, ihrer Vergangenheit, ihrem Tod und ihrer Quelle entriß; ob das Denken jenseits vom Tod oder der Sterblichkeit der Philosophie, und vielleicht sogar dank ihrer, eine Zukunft habe, oder, wie man heute sagt, noch ausstünde, aufgrund dessen, was die Philosophie zu bieten hatte; und noch weitaus sonderbarer, ob die Zukunft somit eine Zukunft habe, das sind Fragen, die nicht zu beantworten sind, die ihrer Herkunft nach und für dieses eine Mal wenigstens der Philosophie als Probleme gestellt werden, die sie nicht lösen kann.
(Gewalt und Metaphysik, 1963)

Avital Ronell (Germanistikprofessorin, NYU): Einmal, als seine Mutter noch lebte, haben wir mit ihr zusammen zu Abend gegessen. Damals war gerade eines der großen Wörterbücher neu aufgelegt worden, ich meine, es war der Petit Robert, und darin stand "Différance" mit "A". Das war genau an dem Tag, und deshalb schlug ich vor, dass wir eine Party geben und die Aufnahme von "Différance" ins Wörterbuch feiern sollten. Schließlich war das ein monumentales, enzyklopädisches Ereignis, das gefeiert werden musste, und ich wollte das gern organisieren. Jacques' Mutter saß dabei. Sie war alt, aber sehr vornehm, und sie sagte: Jackie, hast du différence etwa mit "A" geschrieben? Sie war sehr ärgerlich, aber es war irgendwie niedlich. Und auf einmal hatte ich das Gefühl, mich verplappert zu haben, denn was sollte er jetzt tun? Es seiner Mutter erklären? Er ist sehr bescheiden, er spricht mit seiner Familie nicht über sich, d.h. mit seiner Verwandtschaft.

René Derrida (Derridas Bruder): Wenn er uns eins seiner Bücher schenkt oder wir ihn reden hören, fragen wir uns immer, wie er das macht. Was passiert in seinem Kopf, damit all diese philosophischen Gedanken herauskommen? Wir haben ja schließlich auch ein Gehirn, aber uns fällt so etwas nicht ein. Warum gerade ihm? Warum entwickelt er all diese philosophischen Gedanken? Warum fällt ihm so etwas wie die Dekonstruktion ein? Er ist bemerkenswert.
Amy Ziering Kofman: Es ist ein Rätsel.
René Derrida: Ja, es ist uns ein Rätsel.
Amy Ziering Kofman: Es liegt also nicht in ihrer Familie?
René Derrida: Nein, überhaupt nicht.
Amy Ziering Kofman: Es kommt aus dem Nichts.
René Derrida: Genau.
Amy Ziering Kofman: Was würden Ihre Eltern wohl dazu sagen?
René Derrida: Meine Mutter hat zwar viel gelesen, aber nicht diese Art von Literatur. Nein, nein, wir waren keine Intellektuellenfamilie. Wenn Sie spekulieren müssten, wo es herkommen könnte, ich könnte es nicht. In unserer Familie findet sich nichts, weder auf der Seite meines Vater noch auf der meiner Mutter, das so etwas wie der Ursprung von Jackies Verstand hätte sein können.

Texttafel: Es gibt ein Derrida-Archiv in Paris. 1995 wurde in Irvine, an der Universität von Kalifornien ein zusätzliches Archiv eingeweiht.

Jacques Derrida: Sie können sich vorstellen, wie komisch es ist, wenn jemand ein "Archiv" von Ihnen anlegt. Und dann auch noch bei der Einweihung dabei zu sein. Als ich mir heute das Archiv in der Bibliothek angesehen habe, mit diesen schwarzen und grauen Urnen, die dort angeordnet sind wie auf einem Friedhof, da war mir schon fast zum Trauern zumute. Sie kennen das ja, man denkt viel darüber nach, wo man einmal begraben sein wird. Aber die Frage ist doch: "Mit wem?"

Eddie Yeghiayan (Archivar): Das ist das Archiv. In diesem Regal lagern etwa 100 Kisten. Er hat mir einmal erzählt, dass seine Frau nicht so glücklich darüber war, all das wegzugeben, weil sie es als eine Art Ankündigung seines bevorstehenden Todes ansah. Damals waren die Kisten noch in unserem Lesesaal, da war die Situation noch eine etwas andere. Und er behandelte sie, als wären es seine Kinder. Einmal guckte ein Manuskript hervor, er sah es an und berührte die Kiste. Er schien traurig zu sein, dass es bald ein neues Zuhause haben würde.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Die Frage des Archivs ist nicht eine Frage der Vergangenheit, nach einem Begriff von Vergangenheit über den wir 'bereits' verfügten, 'einen archivierbaren Begriff des Archivs.' Es ist die Frage von Zukunft, die Frage der Zukunft selbst, die Frage einer Antwort, eines Versprechens und einer Verantwortung für morgen. Wenn wir wissen wollen, was das Archiv bedeutet haben wird, so werden wir es nur in zukünftigen Zeiten wissen. Nicht morgen, sondern in zukünftigen Zeiten, sogleich oder vielleicht niemals.
(Dem Archiv verschrieben, 1995)

Amy Ziering Kofman: Wenn Sie einen Dokumentarfilm über einen Philosophen sehen könnten: über Heidegger, Kant oder Hegel. Was würden Sie darin gern sehen?
Jacques Derrida: Ihr Sexualleben. Sie wollten eine schnelle Antwort.
Dass sie über ihr Sexualleben reden.
Amy Ziering Kofman: Über ihr Sexualleben?
Jacques Derrida: Ja, oder dass über ihr Sexualleben gesprochen wird. Wie sah das Sexualleben von Hegel oder Heidegger aus?
Amy Ziering Kofman: Warum?
Jacques Derrida: Sie wollen eine kurze Antwort, keine Erklärung?
Weil das etwas ist, worüber sie nie reden. Sie sollen über etwas reden, worüber sie sonst nie reden. Warum werden diese Philosophen vollkommen asexuell dargestellt. Warum wurde ihr Privatleben aus ihrem Werk herausgehalten? Warum haben sie niemals etwas über ihr Privatleben erzählt? Mit Sexualleben meine ich natürlich ihr Privatleben. Was gibt es im Privatleben wichtigeres als die Liebe? Mit Sexualleben meine ich nicht, dass man einen Porno über sie dreht. Ich hätte gern, dass sie darüber reden, welche Rolle die Liebe in ihrem Leben gespielt hat. Man würden ein Mikro nehmen und Hegel fragen. Man weiß ein paar Dinge über Hegel und Heidegger. Aber im Allgemeinen nicht von ihnen. Ich würde es gern von ihnen hören.
Amy Ziering Kofman: Glauben Sie, dass die Leute das auch gern von ihnen hören würden?
Jacques Derrida: Ja, das heißt aber nicht, dass ich antworten würde. Man findet auch in meinen Texten Dinge über mich, versteckt natürlich. Aber ich mache das nicht. Ich mache das nicht auf die gleiche Art, wie die großen Philosophen, die Sie genannt haben. Ich verpacke diese Dinge, wie alle anderen auch. Aber ich klammere sie nicht aus. Mich würde es sehr interessieren, sie darüber reden zu hören. Was aber nicht heißt, dass ich diese Frage beantworten würde. Ich rede darüber, wann ich will und wenn ich kann. Unter Umständen auch in Anwesenheit meines Anwalts.

Jacques Derrida: Was machen Sie mit all dem Zeug? Wir reden jetzt seit zwei Stunden oder seit 25 Jahren, und am Ende bleibt eine Stunde. Was bleibt bei einer Stunde von all dem übrig? Beim Schnitt behalten Sie genau das, was Sie für wichtig halten. Es wird Ihre Handschrift sein und irgendwie auch ihre Autobiografie.

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Wie kann ein anderer in mir das Geheimste in mir sehen, ohne dass auch ich es sehen kann und ohne dass ich ihn in mir sehen kann? Und wenn das Geheimnis in mir, das sich nur dem Anderen offenbart, dem gänzlich Anderen, Gott, wenn man so will, ein Geheimnis ist, über das ich nie nachdenken werde, das ich niemals kennen, erfahren oder als mein eigenes besitzen werde, ergibt es dann einen Sinn, sagen, es sei "mein" Geheimnis, oder ganz allgemein, zu sagen, ein Geheimnis 'gehöre' zu, das es "einem" eigen sei oder gehöre, oder jemand "anderen", der dennoch "einer" bleibt? Vielleicht liegt darin das Geheimnis des Geheimen, und zwar, dass es nichts gibt, das es zu wissen gäbe, und dass es für niemanden da ist. Ein Geheimnis gehört nirgendwohin, es ist niemals zu Hause oder "bei sich". Die Frage des Ichs: "Wer bin ich", nicht im Sinne von: "Wer bin ich", sondern von: "Wer ist dieses Ich", das sagen kann "Wer"? Was ist das "Ich" und was wird aus der Verantwortung, wenn die Identität des "Ich" 'insgeheim' zittert.
(Donner la mort, 1992)

Amy Ziering Kofman: Sie haben mich neulich gefragt, ob ich dieses Projekt schon bereue? Und ich habe mich daraufhin gefragt, ob Sie es vielleicht bereuen?
Jacques Derrida: Nein, vielleicht werde ich das eines Tages, aber bisher noch nicht.
Amy Ziering Kofman: Haben Sie je eine Psychoanalyse gemacht?
Jacques Derrida: Nein.
Amy Ziering Kofman: Würden Sie es in Betracht ziehen?
Jacques Derrida: Nein, auf gar keinen Fall.
Amy Ziering Kofman: Hat es in Ihrem Leben traumatische Einbrüche gegeben?
Jacques Derrida: Ja, das hat es.
Amy Ziering Kofman: Vielen Dank.
Jacques Derrida: Nein, auch hier ist es mir wieder mal unmöglich ...

Amy Ziering Kofman zitiert Jacques Derrida:
Was wird er wohl bewahrt haben können von seinem Recht auf das Geheimnis, wiewohl brennend vor Wißbegierde, vor Begierde, wissen zu lassen und das zu archivieren, was er für alle Zeit verheimlichte, von dem, was er verheimlichte oder was er noch über die Absicht zu verheimlichen, zu lügen oder zu verleugnen verheimlichte. Man wird sich stets fragen, dieses Verlangen nach dem Archiv teilend, was von seinen geheimen Passionen, seinem Briefwechsel oder seinem "Leben" hat brennen können. Hat brennen können ohne ihn, ohne Rest und ohne Wissen. Ohne das geringste Symptom und gar ohne eine Asche.
(Dem Archiv verschrieben, 1995)


Einige Zitate stammen aus folgenden deutschsprachigen Buchausgaben:
Auslassungspunkte, Wien 1998
Dem Archiv verschrieben, Berlin 1997
Die Schrift und die Differenz, Frankfurt 1994
Dissemination, Wien 1995
Mémoires. Für Paul de Man, Wien 1988
Otobiographien, in Nietzsche - Politik des Eigennamens, Berlin 2000
Zirkumfession, in Derrida. Ein Portrait. Frankfurt 1994