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CREDITS Deutschland 2006 - 134 Min.
MIT Mit Benjamin Katz, Georg Baselitz, blank (Oliver Augst, Rüdiger Carl, Christoph Korn), Joachim Blüher, Anna und Bernhard Johannes Blume, Jan Hoet, Ora Katz, Walther König, Ralf Küpper, Markus Lüpertz, Jonathan Meese, Werner Nekes, Rudolf Springer, Maria Anna Tappeiner, Cony Theis, Rosemarie Trockel, Verdi-Quartett, Andreas Walther
TEAM Regie, Buch: Jürgen Heiter Kamera: Ulrike Pfeiffer Dramaturgie: Helmut W. Banz unter Mitwirkung von Olaf Möller Mitarbeit am Buch: Cony Theis Montage: Jürgen Heiter
Ton: Andreas Walther
Heiter Filmproduktion 2006 gefördert von der Hessischen Filmförderung gedreht auf DV mit anschließendem Transfer auf BETA und DVD |
Ein Film von Jürgen Heiter Kinostart: 29. März 2007
KURZINHALT
Jürgen Heiters Essayfilm kreist um die Arbeit des Photographen Benjamin Katz. Aus der Beobachtung Katz’ bei seiner photographischen Arbeit u.a. mit Rosemarie Trockel, Jonathan Meese oder Jan Hoet entsteht in 20 Sequenzen ein Portrait des Portraitisten, das seinerseits das Wechselspiel von Abwesenheit, Präsenz und Sichtbarmachung im Abbildungs- bzw. Darstellungsprozess reflektiert. Mit Diskretion und Anteilnahme porträtiert Katz "seine" Künstler, mit denen er schon lange befreundet ist. Regisseur Jürgen Heiter wiederum porträtiert Benjamin Katz mit "Katz´schen" Mitteln des aufmerksamen Nichtvorhandenseins. Aber Katz erscheint in seiner zurückhaltenden Art immer anwesend, gestaltet seine Porträts zart aber zwingend und lässt seiner Form gemäß einen poetisch-sinnlich erzählten Film entstehen.
INHALT
Mit Diskretion und Anteilnahme porträtiert Katz "seine" Künstler, mit denen er schon lange befreundet ist. Georg Baselitz zum Beispiel: Wir sehen beide in Italien, Imperia, Ligurien, Villa Faravelli. Dort wurden beide zusammen 2005 mit einer Ausstellung geehrt. Jürgen Heiter porträtiert Benjamin Katz mit "Katz´schen" Mitteln des aufmerksamen Nichtvorhandenseins. Katz scheint nur am Rande in Erscheinung zu treten. Jonathan Meese erscheint mehrmals inmitten einer seiner wagnerianischen Bilderflut-Installationen – kurz sieht man die fotografierenden Hände von Katz wieder. Während Meese "teutsche" Mythen-Texte deklamiert, hebt er die Hand zum Hitlergruß. Im Hintergrund erscheint Katz und macht auch grinsend den Hitlergruß.
Der Film ist in 20 Teile gegliedert, die sich nebeneinander fügen – ohne dramatische Zuspitzung. Die unterschiedlichen Verfahrensweisen der Kamera, feste Einstellungen und extreme Handkamera, schaffen ein sehr situatives Bild, dem Film-Moment entsprechend.
Cony Theis, eine in Köln lebende Künstlerin, sieht man von hinten. Sie darf mit dem großen Baselitz über die großen Irrtümer der Kunst reden – nämlich Baselitz` Irrtum, dass es nicht notwendig sei, nach der Natur zeichnen zu können, während Benjamin Katz lieb darauf hinweist, dass Cony Theis sehr schnell eindrücklich Menschen porträtieren kann. Vor diesem Bildeindruck sah man Cony Theis einen klitzekleinen Tanz auf einer Veranda tanzen. Benjamin Katz liegt im weißen Oberhemd im Bett unter einer dümmlich hellbunten Bettwäsche und spielt an einem Weltempfänger herum.
Ab und zu schreibt Benjamin Katz einen Satz auf ein Blatt Papier, in ein Heft, pro Seite einen Satz mit einem dicken fetten schwarzen Filzstift: "Kaum hatte ich die Grenze überschritten, kamen Gespenster mir entgegen." Carola Willbrand
JÜRGEN HEITER ÜBER SEINEN FILM
18 Blöcke, die jeweils auch formal unterschiedliche Verfahrensweisen der Kamera und Montage notwendig machen: Feste Einstellungen mit langen Plansequenzen und extreme Handkamera in kurzen Montageeinheiten. Jede Situation ist aus mehr als einem Grunde da: Um ein realistisches Bild zu geben; um eine Geisteshaltung zu positionieren. Daneben: Erinnerungen als Wurzeln der Vergangenheit, die die abstrakten Empfindungen der Gegenwart mit Saft und Leben speisen. Dazu Momente der Kontemplation, Reflexion. Keine dramatische Zuspitzung, eher erfolgt alles wie Nebeneinander, und doch aus sich heraus entwickelnd. Ganz nebenher ergeben sich folgende Bildpositionen / Räume: Unsere Arbeit ist auch eine Art archäologisches Unternehmen über Strategien und Formen von künstlerischer Wahrnehmung/Wahrnehmungsapparaten, vor allem aber ein Film der Präsenzen mit eigens für diesen Film entwickelten Aktionen.
ÜBER BENJAMIN KATZ 1939 in Antwerpen geboren "Die Welt der zeitgenössischen Kunst trifft sich von Zeit zu Zeit bei bestimmten Anlässen. [...] An solchen Tagen wird man immer Benjamin Katz treffen. Benjamin Katz, den alle kennen, und der alle kennt, ist ein Photograph, der seiner Arbeit, die sich sehr oft in aller Öffentlichkeit abspielen muss, auf eine selten diskrete Weise nachgeht. Die Photos von Benjamin Katz zeigen, wie oft sich Katz im Zentrum des Geschehens befunden haben muss. Die Zeugen, die dabei waren, könnten beschwören, dass sie einen photographierenden Katz nicht bemerkt haben, dass er ihnen jedenfalls nie lästig wurde. Die Selbstverständlichkeit, mit der Katz die Kamera handhabt, wird dadurch beschrieben. Eben diese Tugenden der Selbstverständlichkeit und Diskretion sind die Basis für die Qualität seiner Arbeit. Die Photographien von Benjamin Katz sind so gut, weil er die Künstler in einer gelösten Atmosphäre zeigt. Die intime Aura, die diese Photographien bestimmt, entsteht, weil niemand in Benjamin Katz den ungeliebten Zeugen vermutet, sondern weil Katz seit langem der Freund der Künstler geworden ist. Das Vertrauen, das Katz bei vielen zeitgenössischen Künstlern genießt, [...] ist die Grundlage für seine berühmt werdenden Porträts geworden. Das Auge, das Katz besitzt, ist die andere, sozusagen selbstverständliche Voraussetzung für seine Arbeit." Dr. Carl Haenlein (Carl Haenlein (Hg.): Der Photograph heißt Benjamin Katz. Beobachtungen unter Künstlern. Hannover 1985) EINZEL- UND GRUPPENAUSSTELLUNG BENJAMIN KATZ (Auswahl) 1985 Galerie Tanja Grunert, Köln
ÜBER JÜRGEN HEITER geb. 1950 in Recklinghausen, Filme seit 1978, lebt in Köln FILMOGRAPHIE RETROSPEKTIVEN / INSTALLATIONEN / SCREENINGS JÜRGEN HEITER (Auswahl) 2006 Arp-Museum Rolandseck, Museum Kunst Palast Düsseldorf, Kölnischer Kunstverein Filmclub 813, ZKM Karlsruhe 2005 Hafenlichtspiele Düsseldorf, ZKM Karlsruhe 2003 Kunststation St. Peter, Köln 2002 Filmclub 813 2001 ZKM Karlsruhe, Kunststation St. Peter Köln, Literaturhaus u. Filmhaus Köln, 1996 - 98 KunstMuseum Bonn PUBLIKATIONEN 2004 Raoul Coutard, Kameramann der Moderne, Schüren-Verlag, Darin: Ein Bauer der Photographie PREISE UND STIPENDIEN JÜRGEN HEITER 2006 Barkenhoff-Stipendium, Künstlerhäuser Worpswede
ÜBER DIE FILME VON JÜRGEN HEITER „Der Essay spricht immer von etwas bereits Geformten, es gehört zu seinem Wesen, dass er nicht neue Dinge aus einem leeren Nichts heraushebt, sondern bloß solche, die schon lebendig waren, aufs Neue ordnet. Und weil er sie nur aufs Neue ordnet, nicht aus dem Formlosen etwas Neues formt, ist er auch an sie gebunden, muss er immer „die Wahrheit“ über sie aussprechen. Ausdruck für ihr Wesen sein.“ Dieses Zitat von Georg Lukacs aus seinem Essay „Die Seele und die Formen“ lässt sich meiner Meinung nach sehr gut auf die Filme von Jürgen Heiter anwenden. Jürgen Heiter erzählte mir, dass er, bevor er mit der Kamera an einen Ort geht, wochenlang diesen Ort beobachtet, um dessen Wechselspiele - und Wirkungen kennen zulernen. Dann erst nähert er sich mit der Kamera, mit Schauspielern, mit Texten, sprich: er schafft neue Anordnungen, bringt weit auseinander liegende Ideen zusammen, um die „Wahrheit“ über einen Ort auszusprechen und - um noch einmal mit Lukacs zu sprechen, seine Filme „Ausdruck für das Wesen“ der Orte sein zulassen. So ließe sich eine Parallele zwischen den Filmen von Jürgen Heiter und der literarischen Gattung des Essays zu ziehen. Es gibt noch weitere Parallelen: die Betonung der subjektiven Phantasie, musikalisch fließende Übergänge, die Querverbindungen von Ideen, für welche die diskursive Logik keinen Raum hat, eine Ironie, die - bei aller Nähe zum Gegenstand des Films - einen souveränen Umgang mit dem Objekt des Films ermöglicht und die deshalb auch immer Selbstironie sein muss, eine Auseinandersetzung mit dem Wechselnden, den Ephemeren, dem Vergänglichen, in dem sich das individuelle Dasein abbildet. Letztlich gilt für Jürgen Heiters Filme auch Adornos Diktum über den Essay: Ihr Inneres Wesen ist ketzerisch, sie sind provokant, herausfordernd gegenüber den Sehgewohnheiten, die durch das Kino geprägt sind, die oberflächliche Illusion die sich als Realität ausgibt. Die Filme Jürgen Heiters weisen ständig auf ihren Status des Künstlichen hin, sperren den Zuschauer nicht in eine Illusion ein wie in ein Einmachglas und begrenzen sein Denken nicht auf diesen kleinen Raum. Mit jeder neuen Sequenz, jedem Element nimmt Heiter einen Anlauf gegen das Kino, einen Anlauf hin zu den tieferen Schichten der Realität. Thomas Böhm |