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Goldener Leopard Locarno 2006

International Filmfestival Sarajevo
(Bester Film / Beste Schauspielerin Marija Skaricic)

FIPRESCI Award, Semana Internacional de Cine de Valladolid 2006

 

CREDITS

Schweiz / Deutschland 2006 - 81 Min - OmU

Originalversion
Schweizerdeutsch / Deutsch / Bosnisch / Kroatisch / Serbisch

 

DARSTELLER

Ruža
Mirjana Karanovic

Ana
Marija Škarièic

Mila
Ljubica Jovic

Franz
Andrea Zogg

Ante
Zdenko Jelèic

Fredi
Pablo Aguilar

Stefan
David Imhoof

Junger Mann
Sebastian Krähenbühl

Geiger
Oliver Zgorelec

Ärztin
Annette Wunsch

Arzt
Kenneth Huber

Apothekerin
Anikó Donáth

Alter Mann
Hans Suter

Autofahrer
Stefan Suske

Sheila
Vera Bommer

Momo
Robin Rehmann

Künstlerin
Tiziana Jelmini

Vera
Sanja Ristic

Stammkunden
Anto Lukenda, Peter Petrovic, Nenad Milic, Mirko Vaèic, Kasim Bilalic, Bratislav Levic, Joze Kramer, Smail Durut

 

CREW

Buch und Regie
Andrea Štaka

Drehbuchmitarbeit
Marie Kreutzer & Barbara Albert

Kamera
Igor Martinovic

Production Design
Sue Erdt

Schnitt
Gion-Reto Killias

Ton
Max Vornehm

Sound Design
Jörg Elsner

Mischung
Tomas Bastian

Musik
Peter von Siebenthal, Till Wyler, Daniel Jakob

Casting
Corinna Glaus

Kostüme
Bettina Marx

Maske
Simone Pfluger

Regieassistent
Florian Engelhardt

Produktionsleiter
Sascha Schwill

Standfotos
Björn Allemann

Produktion
Dschoint Ventschr Filmproduktion

Koproduktion
Quinte Film, Freiburg;

Schweizer Fernsehen; ZDF Das kleine Fernsehspiel

Produzenten
Susann Rüdlinger, Samir, Mirjam Quinte

Redaktion
Urs Augstburger (SF); Christian Cloos (ZDF)

Mit finanzieller Unterstützung von
Bundesamt für Kultur – Filmstiftung Zürich –

MFG Baden-Württemberg – Suissimage – Kulturstiftung Winterthur – Look Now

Verleih gefördert von MFG Baden-Württemberg




DAS FRÄULEIN

Ein Film von ANDREA STAKA

Kinostart: 25. Januar 2007


 

KURZINHALT

«Das Fräulein» erzählt von drei eigenwilligen Frauen unterschiedlicher Generationen, die in Zürich leben und deren Lebenswege sich für einen kurzen Zeitraum kreuzen.
Gemeinsam ist ihnen nur die alte Heimat: die Serbin Ruža kommt aus Belgrad, die Bos-nierin Ana aus Sarajevo und die Kroatin Mila aus einem kleinen Ort an der Adria. Es ist die Geschichte einer zaghaften Freundschaft, die Regisseurin Andrea Štaka mit starken Gefühlen und leisem Humor verbindet.

In der Hoffnung auf ein neues und besseres Leben kam Ruža als junge Frau in die Schweiz. 25 Jahre später scheint sie am Ziel ihrer Wünsche: Sie besitzt eine Betriebs-kantine in Zürich, die sie diszipliniert zu finanziellem Erfolg geführt hat. Auch Mila arbei-tet in der Kantine und spart für die Rückkehr in die Heimat.

Ruža legt großen Wert auf ein klar strukturiertes Leben, sowohl im Beruf wie auch ihrem Privatleben. Als die 22jährige Ana auftaucht und in der Kantine anfängt zu arbeiten, ver-ändert sich Ružas Leben. Sie fühlt sich in ihrer Routine von Anas Impulsivität und Di-rektheit gestört, gleichzeitig zieht die Lebensfreude der jungen Frau sie an. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Freundschaft: Ruža öffnet sich langsam, während Ana ein Geheimnis hat, dem sie sich selbst nicht stellen will.

 

SYNOPSIS

Ruža führt eine erfolgreiche Betriebskantine in Zürich. Vor 25 Jahren kam sie von Bel-grad in die Schweiz, um sich dort zielstrebig eine neue Existenz aufzubauen. Mittlerwei-le frei von finanziellen Sorgen verläuft Ružas Leben in geordneten Bahnen und besteht aus geregelten Abläufen: die Arbeit in der Kantine, das Zählen der Tageseinnahmen im Büro, das Abendbrot in ihrer kleinen Züricher Wohnung. Ihre Heimat Serbien ist für sie weit weg. An Rückkehr denkt sie nicht. Ganz anders als Mila, 60 Jahre alt, ihre langjäh-rige Angestellte, die mit ihrer Familie seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt und hart ar-beitet, um sich bald den Traum vom eigenen Haus in Kroatien erfüllen zu können.

Das geregelte Leben der beiden Frauen und der Alltag in der Kantine geraten aus den Fugen, als die 22jährige Ana aus Sarajevo auftaucht. Ana, lebenshungrig, schön und eigenwillig, streift ziellos umher, auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit: Der Krieg in Bosnien hat tiefe Spuren in ihr hinterlassen, die sie mit ihrer lauten und frohen Art zu überspielen versucht. Ana muss den Job in der Kantine aus Geldnot annehmen, sie arbeitet gut, stellt jedoch Ružas strikte Ordnung infrage. Nachts streift Ana, die ihre Obdachlosigkeit in der Kantine verheimlicht, allein durch die Stadt und sucht Unter-schlupf und Nähe bei wechselnden Männerbekanntschaften.

Ruža fühlt sich von Anas Impulsivität und Direktheit in ihrer Ruhe bedroht, gleichzeitig von der Lebensfreude der jungen Frau angezogen. Nicht zuletzt erinnert Ana sie daran, wie sie selbst einmal war. Währendessen ist Mila beleidigt, weil Ana Ružas ganze Auf-merksamkeit auf sich zieht, und sie sich auch zu Hause unverstanden fühlt.

Die Überraschungsparty in der Kantine, die Ana für Ružas Geburtstag organisiert, spitzt die schwelenden Konflikte zwischen den drei Frauen zu und gibt den Anstoß zu einer Reihe von Veränderungen: Ruža öffnet sich, sie tanzt zu serbischer Volksmusik, lacht und amüsiert sich. Am nächsten Morgen wacht sie nicht nur mit einem Kater auf - Anas Überraschungsparty hat auch ihren Blick auf das eigene Leben verändert, ihr Appetit auf ein farbigeres, reicheres Leben jenseits der Routinen ihres Alltags ist geweckt. Zwischen den beiden eigenwilligen Frauen entsteht langsam eine Freundschaft. Dennoch bleibt eine gewisse Distanz zwischen ihnen bestehen: Ruža wagt nicht, sich ganz zu öffnen, und Ana hat ein Geheimnis, dem sie sich selbst nicht stellen will...

 

ANMERKUNGEN DER REGIE

«Das Fräulein» ist ein persönlicher Film, der mit meinen beiden Welten zu tun hat. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, meine Familie stammt aus Bosnien und Kroatien. Die Schweiz ist das Land, in dem ich eine schöne, ruhige, manchmal einsame Kindheit ver-brachte. Das ehemalige Jugoslawien ist das Land meiner Familie. Als in den 90er Jah-ren der Krieg ausbrach, änderte sich das Leben meiner Verwandten, und meines. Sie waren direkt betroffen, ich war machtlos.

Der Film geht von dieser Erfahrung aus und wirft einen intimen Blick auf drei sehr unter-schiedliche Frauen, die heute in der Schweiz leben und aus verschiedenen Gegenden eines Landes kommen, das es nicht mehr gibt. Während Ruža und Mila einer Generati-on angehören, die Jugoslawien in den 70er Jahren in der Hoffnung verließ, in Westeu-ropa den wirtschaftlichen Aufstieg zu schaffen, ist Ana eine Globetrotterin, die nicht zu-letzt der Erfahrung des Krieges zu entkommen versucht. Alle drei Frauen tragen etwas Unausgesprochenes in sich, einen Schmerz. Ruža verdrängt ihre serbische Herkunft, Mila zweifelt am alten Traum einer Rückkehr nach Kroatien, Ana, die Bosnierin, über-spielt mit ihrer fast schon exzessiven Lebensfreude eine lebensbedrohende Krankheit.

«Das Fräulein» erzählt von Entwurzelung und Sehnsucht in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen und Ländern bewegen, sei es als Reisende, Vertriebene oder einfach Heimatlose. Jugoslawien und der Krieg stehen nicht im Vordergrund. Ohne ihre Herkunft und Geschichte aber lässt sich die Sensibilität der Figuren, ihre Art zu handeln und die Welt um sich herum zu sehen, nicht verstehen. Zugleich wollte ich auch einen Film über die Schweiz machen, über ein Land, das mich mit seiner Mischung aus Multikulturalität und Selbsteinschließung immer wie-der aufs neue fasziniert. Daher auch die Wichtigkeit des Schauplatzes Zürich: eine eu-ropäische Stadt, aggressiv, befremdend, aber auch verloren und schön.

Mein Interesse gilt dem Persönlichen und Intimen, den Beziehungen zwischen diesen Frauen. Die Protagonistinnen treffen aufeinander, erleben für eine kurze Zeit Nähe und trennen sich wieder. Dabei werden ihre Verletzungen und Abgründe, aber auch Wün-sche und Sehnsüchte sichtbar. Politik interessiert mich in diesem Film wie auch schon in «Hotel Belgrad» und «Yugodivas» insofern, dass sie durchs Prisma des Persönlichen und Intimen gebrochen aufscheint.

 

ZUM TITEL

Das Fräulein ist ein ambivalenter Begriff, ein Neutrum, kein Mädchen, keine Frau, eine Frau ohne Mann, eine Jugoslawin ohne Heimat, ein Film über Unsichtbare. Vor 15 Jah-ren habe ich Ivo Andrics Buch "Das Fräulein" gelesen, ein Roman über eine Frau, die inmitten politischer Geschehnisse aus einem persönlichen Verlust heraus, verschlossen und herzlos agiert. Die Figur hat mich nie mehr losgelassen. «Fräulein» ist ein zutiefst helvetischer Ausdruck: die Ansprache, mit der man im Café oder im Restaurant die Be-dienung zu sich an den Tisch ruft ("Fräulein, zahlen bitte!"). Ruža wird so gerufen, aber auch Ana als junge Frau.

 

KAMERA

Schon bei meinen Filmen «Hotel Belgrad» und «Yugodivas» arbeitete ich mit einem Team, und stets beziehe ich die Mitglieder des Teams früh in die Arbeit ein. So stimmte ich mich auch diesmal schon während des Schreibprozesses und in der Vorprodukti-onsphase mit dem Kameramann Igor Martinovic ab, der auch bei «Yugodivas» die Ka-mera führte und der mir half, meinen Blick für die Figuren, die Bilder, die kleinen Details der Inszenierung und den Rhythmus zu schärfen. Igor und ich verbrachten viel Zeit mit der Frage, wie man die Figuren mit visuellen Mitteln darstellt, wie man Ružas Mischung aus Härte und Sinnlichkeit mit den Mitteln von Licht, Komposition und Einstellungsgrö-ßen erzählen kann, wie man Anas Unruhe wiedergibt, wie Milas Unsicherheit. Wir schauten uns Fotos von Nan Goldin, Jeff Wall, Diane Arbus und Elinor Carucci an. Da-bei fiel uns auf, dass viele der fotografierten Menschen in sehr persönlichen, intimen, teilweise auch ausgestellten Positionen gezeigt werden, in Positionen der Verletzlichkeit und zugleich des Sich-Verbergens. Darin schienen sie meinen Protagonistinnen ver-wandt, die alle etwas verstecken und nicht bereit sind, sich ganz zu zeigen.

Auf dem Set verfolgte ich gemeinsam mit Igor Martinovic teils präzise Vorstellungen, die wir in einem Storyboard festgelegt hatten, teils verließen wir uns auf unsere Intuition. Wir wussten, wie wir die Handlung erzählen wollten, wo im Film eine Szene vorkam, wo die Figuren sich an dieser Stelle der Geschichte in ihrer Entwicklung befanden. Spätestens bei der Arbeit mit den Schauspielern erweist sich dann, welche von meinen Vorstellun-gen ich umsetzen kann und welche nicht. Das Ziel war immer wieder, in jeder Einstel-lung, die Geschichte zu erzählen, die Haltung der Figur, aber auch den Subtext.
Ich mag erst auf dem Set gewisse Entscheidungen treffen, wenn Schauspieler, die Räume und Stimmungen beisammen sind.

 

RÄUME UND ORTE

Mit der Szenenbildnerin Su Erdt überlegten wir uns, wie die privaten Räume der Prota-gonistinnen aussehen und wie wir die Stadt Zürich zeigen sollten, wie wir mit Stadtbil-dern die Gefühlszustände der Figuren herausarbeiten konnten. Geht Ruža früh morgens eine befahrene Straße entlang oder schlendert sie an einer Baumallee vorbei? Welche Unterführung spiegelt Ružas Einsamkeit? Lernt Ana einen Banker mit einer warm einge-richteten oder einer kärglich ausgestatteten Wohnung kennen? Tage- und Nächtelang
spazierten wir durch die Stadt und schauten uns neugierig um. Ich merkte bald, dass ich ein persönliches Zürich zeigte, ein Zürich, das mir vertraut war, und mit den Themen des Films zu tun hatte: eine idyllische und doch einsame Zürichseepromenade, Tramhalte-stellen mit Menschen voller Einkaufstüten, niemand schaut sich an, hallende Unterfüh-rungen, eine Frau mit Kinderwagen spaziert zwei Junkies entgegen, vorbeiziehende Häuser nachts aus dem Bus beobachtet, das Quietschen des Züricher Trams etc.
Zürich spiegelt eine seltsame Idylle, die befremdend wirkt. Auf den ersten Blick geht es den Menschen gut, doch Unbehagen liegt in der Luft.

Gleichzeitig wollte ich einen Hauch von der Herkunft der Frauen in Zürich spürbar ma-chen. In Milas Wohnung spiegelt sich ihre Herkunft in der Einrichtung, den Fotos, dem großen Fernseher. Bei Ana, deren Räume anonymer sind, ist der Blick vom Hügel (Hönggerberg) über die Stadt ein wichtiger, da er an den Blick über Sarajevo erinnern kann. Bei Ruža, zum Schluss, ist es ihre Schachtel mit den Fotos und Erinnerungen drin. Man hört bei ihr nicht das Quietschen der Tram, sondern Stille und einen schönen Song.

 

DIE SCHAUSPIELERINNEN

Die Arbeit mit Mirjana Karanovic, Marija Škaricic, Ljubica Jovic war kreativ und aufre-gend. Alle drei sind faszinierende, erfahrene Schauspielerinnen. Mirjana hat eine Sinn-lichkeit und Stärke, die durch Leinwände dringt, Marija eine Intuition und Kraft, die Lein-wände sprengt und Ljubica hat einen Humor und eine Verspieltheit, die verzaubern. Das Drehbuch spielt mit Ambivalenz, die Figuren haben widersprüchliche Eigenschaften, sind komplex. Ruža (Mirjana Karanovic) ist verschlossen, streng, aber auch leiden-schaftlich. Ana (Marija Škaricic) ist krank und doch voller Lebensenergie. Mila (Ljubica Jovic) ist gehorsam, auch frech. Die Schauspieler mußten viel von sich in die Figuren einbringen. Mirjana hat sich für Ruža ein Mix aus Kontrolle und sich gehen lassen ange-eignet (sie liebte und hasste mich gleichzeitig dafür, wie sie selbst sagte). Marija konnte Anas Figur unmöglich äußerlich spielen, da bei der Figur der Moment und ihre Sponta-neität zählen. Sie nutzte ihre Intelligenz und Intuition für die Rolle. Ljubica wollte Mila einen Hauch Humor verpassen, was sie ganz wunderbar schaffte. Zdenko Jelèic hat mit Liebe und Leichtigkeit Milas Mann Ante gespielt. Und Andrea Zogg gab Franz den nöti-gen Charme und die Verschmitztheit, die die Figur brauchte.
Die Arbeitsweise war eine Mischung aus meiner präzisen Vorstellung, was für ein Ge-fühl ich für eine Szene will, welche Einstellungen ich dazu brauche und der Suche, mit den Schauspielern die Figur authentisch erscheinen zu lassen, die richtigen Körperposi-tionen dafür zu finden, Gesichtsausdrücke, Haltungen.

 

ZUR SPRACHE

Ana redet Bosnisch, Mila Kroatisch und Ruža Serbisch. Es ist die gleiche Sprache, nur eine Art verschiedener Dialekte, aber sie verstehen einander. Bosnisch, Kroatisch, Ser-bisch gehören zum slawischen Zweig der indogermanischen Sprachen. Deshalb vertre-ten einige Slawisten und Soziolinguisten die Meinung, diese Sprachen könnten als eine gemeinsame Sprache, das Serbokroatische, angesehen werden.

 

STIL

«Das Fräulein» ist ein charakterbezogener Film; das Innenleben der Figuren und ihre Seelenzustände machen die Geschichte aus und bringen sie voran. Trotz Schwere trägt die Geschichte auch Humor. Die Kombination von strenger, psychologisch motivierter Komposition und intuitiver Reaktion auf die Wege der Schauspieler bestimmt den Stil des Films.

Ich wollte, dass mein Blick auf die Figuren präzise und intim ist. Dem Zuschnitt der Ge-schichte entsprechend suchte ich Bilder und Stimmungen für die inneren Zustände der Figuren: Ruža eilt durch eine Unterführung, ihr Schritte hallen einsam. Ana tanzt leiden-schaftlich in einer Disco zu aggressiver Musik. Mila sitzt abwesend im Bus, die Stadt zieht an ihr vorbei. Die Arbeit an kleinen Gesten und Details war mir wichtig, in denen die Figuren sich mitteilen. Ružas Zerbrechlichkeit wird greifbar, wenn sie sich mit unnö-tiger Kraft an ihre Geldkasse klammert. Anas existentielle Angst, wenn sie beim Zähne-putzen Blut entdeckt, und Milas Verzweiflung, wenn sie vor Gästen das Sonntagsgericht auf den Tisch knallt. Das heißt aber auch, dass man eine bestimmte Zeit mit den Figu-ren verbringen muss, um ihnen auf die Spur zu kommen. Wir wissen nicht von Anfang an, warum Ruža so kontrolliert, Ana so leidenschaftlich und Mila so duldend ist. Die Fi-guren tragen Geheimnisse in sich. Es ist eine Dramaturgie der Verzögerung, in die der Film seine Zuschauer verwickelt, und das Ende ist der emotionale Kern des Films.

Wir ließen den Schauspielern die Freiheit, die Einstellung zu verlassen und wieder auf-zutauchen, und hielten die Kamera derweil auf einem Detail, das vielleicht unwichtig scheint: einer Kommode, einer Tür oder Lampe. Es sind Momente der Leere, die uns über den Zustand der Figuren Aufschluss geben. Manchmal wird die Kamera impulsiv bewegt, als hätte sie jemand gestoßen. Man spürt etwas Aggressives, Unnatürliches in diesen Bewegungen, was auch eines der Gefühle des Films ist.

 

ZUM HINTERGRUND

Ruža kommt aus Belgrad (Serbien), Ana aus Sarajevo (Bosnien) und Mila aus einem kleineren Ort an der Adria (Kroatien). Jugoslawien gibt es nicht mehr, ein gemeinsames kulturelles Erbgut schon. Im Film gibt es in den Dialogen etliche Andeutungen auf die politischen Hintergründe der drei Frauen, und die Spannungen zwischen junger und äl-terer Generation. Ruža verdrängt ihre Serbischen Wurzeln. Sie spricht im Film kaum ihre Muttersprache, sie ging nie mehr nach Serbien zurück. Aus Entfremdung,
Entwurzelung oder Scham? Auch die Kroatin Mila ist sich nach 35 Jahren Arbeit in der Schweiz nicht sicher, wohin sie gehört, wovon sie träumt. Ihr Mann Ante baut das Häu-schen an der Adria, während ihre Söhne in der Schweiz bleiben wollen. Was soll sie tun? Ana hat als einzige der drei Frauen den Krieg in Sarajevo erlebt und ihre Familie verloren. Trotzdem ist sie die optimistische Figur im Film.
Ruža und Mila gehören der Generation an, für die Titos Jugoslawien prägend war. Die einzige Zeit, in der diese verschiedenen Balkanvölker in 6 Republiken (Serbien, Kroa-tien, Bosnien und Herzegowina, Slowenien, Mazedonien, Montenegro) und 2 Teilrepu-bliken (Vojvodina und Kosovo) vereinigt waren. Alle erhielten eine gute Schulbildung und konnten frei reisen. Wie Ruža im Film sagt: „Eigentlich ging es uns gut!“ Trotzdem verließen viele Menschen aus wirtschaftlichen Gründen in den 70er Jahren das Land, in
der Hoffnung auf ein besseres Leben im Westen. Aber weder fühlen sie sich den neuen Ländern auf dem Balkan zugehörig, noch sind sie richtige Schweizer.