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Goldener Leopard Locarno 2006
International Filmfestival Sarajevo FIPRESCI Award, Semana Internacional de Cine de Valladolid 2006
CREDITS Schweiz / Deutschland 2006 - 81 Min - OmU Originalversion
DARSTELLER Rua Ana Mila Franz Ante Fredi Stefan Junger Mann Geiger Ärztin Arzt Apothekerin Alter Mann Autofahrer Sheila Momo Künstlerin Vera Stammkunden
CREW Buch und Regie Drehbuchmitarbeit Kamera Production Design Schnitt Ton Sound Design Mischung Musik Casting Kostüme Maske Regieassistent Produktionsleiter Standfotos Produktion Koproduktion Schweizer Fernsehen; ZDF Das kleine Fernsehspiel Produzenten Redaktion Mit finanzieller Unterstützung von MFG Baden-Württemberg – Suissimage – Kulturstiftung Winterthur – Look Now Verleih gefördert von MFG Baden-Württemberg
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Ein Film von ANDREA STAKA Kinostart: 25. Januar 2007
KURZINHALT
In der Hoffnung auf ein neues und besseres Leben kam Rua als junge Frau in die Schweiz. 25 Jahre später scheint sie am Ziel ihrer Wünsche: Sie besitzt eine Betriebs-kantine in Zürich, die sie diszipliniert zu finanziellem Erfolg geführt hat. Auch Mila arbei-tet in der Kantine und spart für die Rückkehr in die Heimat. Rua legt großen Wert auf ein klar strukturiertes Leben, sowohl im Beruf wie auch ihrem Privatleben. Als die 22jährige Ana auftaucht und in der Kantine anfängt zu arbeiten, ver-ändert sich Ruas Leben. Sie fühlt sich in ihrer Routine von Anas Impulsivität und Di-rektheit gestört, gleichzeitig zieht die Lebensfreude der jungen Frau sie an. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Freundschaft: Rua öffnet sich langsam, während Ana ein Geheimnis hat, dem sie sich selbst nicht stellen will.
SYNOPSIS
Das geregelte Leben der beiden Frauen und der Alltag in der Kantine geraten aus den Fugen, als die 22jährige Ana aus Sarajevo auftaucht. Ana, lebenshungrig, schön und eigenwillig, streift ziellos umher, auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit: Der Krieg in Bosnien hat tiefe Spuren in ihr hinterlassen, die sie mit ihrer lauten und frohen Art zu überspielen versucht. Ana muss den Job in der Kantine aus Geldnot annehmen, sie arbeitet gut, stellt jedoch Ruas strikte Ordnung infrage. Nachts streift Ana, die ihre Obdachlosigkeit in der Kantine verheimlicht, allein durch die Stadt und sucht Unter-schlupf und Nähe bei wechselnden Männerbekanntschaften. Rua fühlt sich von Anas Impulsivität und Direktheit in ihrer Ruhe bedroht, gleichzeitig von der Lebensfreude der jungen Frau angezogen. Nicht zuletzt erinnert Ana sie daran, wie sie selbst einmal war. Währendessen ist Mila beleidigt, weil Ana Ruas ganze Auf-merksamkeit auf sich zieht, und sie sich auch zu Hause unverstanden fühlt. Die Überraschungsparty in der Kantine, die Ana für Ruas Geburtstag organisiert, spitzt die schwelenden Konflikte zwischen den drei Frauen zu und gibt den Anstoß zu einer Reihe von Veränderungen: Rua öffnet sich, sie tanzt zu serbischer Volksmusik, lacht und amüsiert sich. Am nächsten Morgen wacht sie nicht nur mit einem Kater auf - Anas Überraschungsparty hat auch ihren Blick auf das eigene Leben verändert, ihr Appetit auf ein farbigeres, reicheres Leben jenseits der Routinen ihres Alltags ist geweckt. Zwischen den beiden eigenwilligen Frauen entsteht langsam eine Freundschaft. Dennoch bleibt eine gewisse Distanz zwischen ihnen bestehen: Rua wagt nicht, sich ganz zu öffnen, und Ana hat ein Geheimnis, dem sie sich selbst nicht stellen will...
ANMERKUNGEN DER REGIE
Der Film geht von dieser Erfahrung aus und wirft einen intimen Blick auf drei sehr unter-schiedliche Frauen, die heute in der Schweiz leben und aus verschiedenen Gegenden eines Landes kommen, das es nicht mehr gibt. Während Rua und Mila einer Generati-on angehören, die Jugoslawien in den 70er Jahren in der Hoffnung verließ, in Westeu-ropa den wirtschaftlichen Aufstieg zu schaffen, ist Ana eine Globetrotterin, die nicht zu-letzt der Erfahrung des Krieges zu entkommen versucht. Alle drei Frauen tragen etwas Unausgesprochenes in sich, einen Schmerz. Rua verdrängt ihre serbische Herkunft, Mila zweifelt am alten Traum einer Rückkehr nach Kroatien, Ana, die Bosnierin, über-spielt mit ihrer fast schon exzessiven Lebensfreude eine lebensbedrohende Krankheit. «Das Fräulein» erzählt von Entwurzelung und Sehnsucht in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen und Ländern bewegen, sei es als Reisende, Vertriebene oder einfach Heimatlose. Jugoslawien und der Krieg stehen nicht im Vordergrund. Ohne ihre Herkunft und Geschichte aber lässt sich die Sensibilität der Figuren, ihre Art zu handeln und die Welt um sich herum zu sehen, nicht verstehen. Zugleich wollte ich auch einen Film über die Schweiz machen, über ein Land, das mich mit seiner Mischung aus Multikulturalität und Selbsteinschließung immer wie-der aufs neue fasziniert. Daher auch die Wichtigkeit des Schauplatzes Zürich: eine eu-ropäische Stadt, aggressiv, befremdend, aber auch verloren und schön. Mein Interesse gilt dem Persönlichen und Intimen, den Beziehungen zwischen diesen Frauen. Die Protagonistinnen treffen aufeinander, erleben für eine kurze Zeit Nähe und trennen sich wieder. Dabei werden ihre Verletzungen und Abgründe, aber auch Wün-sche und Sehnsüchte sichtbar. Politik interessiert mich in diesem Film wie auch schon in «Hotel Belgrad» und «Yugodivas» insofern, dass sie durchs Prisma des Persönlichen und Intimen gebrochen aufscheint.
ZUM TITEL
KAMERA Schon bei meinen Filmen «Hotel Belgrad» und «Yugodivas» arbeitete ich mit einem Team, und stets beziehe ich die Mitglieder des Teams früh in die Arbeit ein. So stimmte ich mich auch diesmal schon während des Schreibprozesses und in der Vorprodukti-onsphase mit dem Kameramann Igor Martinovic ab, der auch bei «Yugodivas» die Ka-mera führte und der mir half, meinen Blick für die Figuren, die Bilder, die kleinen Details der Inszenierung und den Rhythmus zu schärfen. Igor und ich verbrachten viel Zeit mit der Frage, wie man die Figuren mit visuellen Mitteln darstellt, wie man Ruas Mischung aus Härte und Sinnlichkeit mit den Mitteln von Licht, Komposition und Einstellungsgrö-ßen erzählen kann, wie man Anas Unruhe wiedergibt, wie Milas Unsicherheit. Wir schauten uns Fotos von Nan Goldin, Jeff Wall, Diane Arbus und Elinor Carucci an. Da-bei fiel uns auf, dass viele der fotografierten Menschen in sehr persönlichen, intimen, teilweise auch ausgestellten Positionen gezeigt werden, in Positionen der Verletzlichkeit und zugleich des Sich-Verbergens. Darin schienen sie meinen Protagonistinnen ver-wandt, die alle etwas verstecken und nicht bereit sind, sich ganz zu zeigen. Auf dem Set verfolgte ich gemeinsam mit Igor Martinovic teils präzise Vorstellungen, die wir in einem Storyboard festgelegt hatten, teils verließen wir uns auf unsere Intuition. Wir wussten, wie wir die Handlung erzählen wollten, wo im Film eine Szene vorkam, wo die Figuren sich an dieser Stelle der Geschichte in ihrer Entwicklung befanden. Spätestens bei der Arbeit mit den Schauspielern erweist sich dann, welche von meinen Vorstellun-gen ich umsetzen kann und welche nicht. Das Ziel war immer wieder, in jeder Einstel-lung, die Geschichte zu erzählen, die Haltung der Figur, aber auch den Subtext.
RÄUME UND ORTE
Gleichzeitig wollte ich einen Hauch von der Herkunft der Frauen in Zürich spürbar ma-chen. In Milas Wohnung spiegelt sich ihre Herkunft in der Einrichtung, den Fotos, dem großen Fernseher. Bei Ana, deren Räume anonymer sind, ist der Blick vom Hügel (Hönggerberg) über die Stadt ein wichtiger, da er an den Blick über Sarajevo erinnern kann. Bei Rua, zum Schluss, ist es ihre Schachtel mit den Fotos und Erinnerungen drin. Man hört bei ihr nicht das Quietschen der Tram, sondern Stille und einen schönen Song.
DIE SCHAUSPIELERINNEN Die Arbeit mit Mirjana Karanovic, Marija Škaricic, Ljubica Jovic war kreativ und aufre-gend. Alle drei sind faszinierende, erfahrene Schauspielerinnen. Mirjana hat eine Sinn-lichkeit und Stärke, die durch Leinwände dringt, Marija eine Intuition und Kraft, die Lein-wände sprengt und Ljubica hat einen Humor und eine Verspieltheit, die verzaubern. Das Drehbuch spielt mit Ambivalenz, die Figuren haben widersprüchliche Eigenschaften, sind komplex. Rua (Mirjana Karanovic) ist verschlossen, streng, aber auch leiden-schaftlich. Ana (Marija Škaricic) ist krank und doch voller Lebensenergie. Mila (Ljubica Jovic) ist gehorsam, auch frech. Die Schauspieler mußten viel von sich in die Figuren einbringen. Mirjana hat sich für Rua ein Mix aus Kontrolle und sich gehen lassen ange-eignet (sie liebte und hasste mich gleichzeitig dafür, wie sie selbst sagte). Marija konnte Anas Figur unmöglich äußerlich spielen, da bei der Figur der Moment und ihre Sponta-neität zählen. Sie nutzte ihre Intelligenz und Intuition für die Rolle. Ljubica wollte Mila einen Hauch Humor verpassen, was sie ganz wunderbar schaffte. Zdenko Jelèic hat mit Liebe und Leichtigkeit Milas Mann Ante gespielt. Und Andrea Zogg gab Franz den nöti-gen Charme und die Verschmitztheit, die die Figur brauchte.
ZUR SPRACHE Ana redet Bosnisch, Mila Kroatisch und Rua Serbisch. Es ist die gleiche Sprache, nur eine Art verschiedener Dialekte, aber sie verstehen einander. Bosnisch, Kroatisch, Ser-bisch gehören zum slawischen Zweig der indogermanischen Sprachen. Deshalb vertre-ten einige Slawisten und Soziolinguisten die Meinung, diese Sprachen könnten als eine gemeinsame Sprache, das Serbokroatische, angesehen werden.
STIL «Das Fräulein» ist ein charakterbezogener Film; das Innenleben der Figuren und ihre Seelenzustände machen die Geschichte aus und bringen sie voran. Trotz Schwere trägt die Geschichte auch Humor. Die Kombination von strenger, psychologisch motivierter Komposition und intuitiver Reaktion auf die Wege der Schauspieler bestimmt den Stil des Films. Ich wollte, dass mein Blick auf die Figuren präzise und intim ist. Dem Zuschnitt der Ge-schichte entsprechend suchte ich Bilder und Stimmungen für die inneren Zustände der Figuren: Rua eilt durch eine Unterführung, ihr Schritte hallen einsam. Ana tanzt leiden-schaftlich in einer Disco zu aggressiver Musik. Mila sitzt abwesend im Bus, die Stadt zieht an ihr vorbei. Die Arbeit an kleinen Gesten und Details war mir wichtig, in denen die Figuren sich mitteilen. Ruas Zerbrechlichkeit wird greifbar, wenn sie sich mit unnö-tiger Kraft an ihre Geldkasse klammert. Anas existentielle Angst, wenn sie beim Zähne-putzen Blut entdeckt, und Milas Verzweiflung, wenn sie vor Gästen das Sonntagsgericht auf den Tisch knallt. Das heißt aber auch, dass man eine bestimmte Zeit mit den Figu-ren verbringen muss, um ihnen auf die Spur zu kommen. Wir wissen nicht von Anfang an, warum Rua so kontrolliert, Ana so leidenschaftlich und Mila so duldend ist. Die Fi-guren tragen Geheimnisse in sich. Es ist eine Dramaturgie der Verzögerung, in die der Film seine Zuschauer verwickelt, und das Ende ist der emotionale Kern des Films. Wir ließen den Schauspielern die Freiheit, die Einstellung zu verlassen und wieder auf-zutauchen, und hielten die Kamera derweil auf einem Detail, das vielleicht unwichtig scheint: einer Kommode, einer Tür oder Lampe. Es sind Momente der Leere, die uns über den Zustand der Figuren Aufschluss geben. Manchmal wird die Kamera impulsiv bewegt, als hätte sie jemand gestoßen. Man spürt etwas Aggressives, Unnatürliches in diesen Bewegungen, was auch eines der Gefühle des Films ist.
ZUM HINTERGRUND Rua kommt aus Belgrad (Serbien), Ana aus Sarajevo (Bosnien) und Mila aus einem kleineren Ort an der Adria (Kroatien). Jugoslawien gibt es nicht mehr, ein gemeinsames kulturelles Erbgut schon. Im Film gibt es in den Dialogen etliche Andeutungen auf die politischen Hintergründe der drei Frauen, und die Spannungen zwischen junger und äl-terer Generation. Rua verdrängt ihre Serbischen Wurzeln. Sie spricht im Film kaum ihre Muttersprache, sie ging nie mehr nach Serbien zurück. Aus Entfremdung, |