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A 2001, 35mm, 90 Min. KURZINHALT Der Flugzeugträger Kiev war das größte und wichtigste sowjetische Kriegsschiff während des Kalten Krieges - ein Koloss der See, eine unbezwingbare Festung, Stolz und Symbol der Marine. Ab 1994 lag die Kiev als schwimmender Schrott vor der Nordmeerküste Russlands, bewacht und gepflegt von seinem letzten Kapitän, bis das Schiff im Sommer 2000 nach China geschleppt wurde.
Die Protagonisten Nikolaj Bobrakov - letzter Kommandant der Kiev (1994 - 2000)
ÜBER DEN FILM "Soll ich dir ein Märchen erzählen? Johannes Holzhausens AUF ALLEN MEEREN beginnt als Märchen, als
Geschichte, die ein Vater dem Sohn erzählt: Von einem Koloss der
See, einer unbezwingbaren Festung, die einst auf allen Meeren fuhr.
Dennoch ist AUF ALLEN MEEREN keine nostalgische Revue historischer Größe und rezenten Verfalls geworden. Die Geschichte selbst ist ironisch genug: Am Ende des Films machen die Sehnsüchte des Sozialismus des 20. Jahrhunderts denen der Marktwirtschaft asiatischer Prägung Platz, als die Kiev, vom Filmteam begleitet, ihrem letzten Hafen entgegenläuft - einem Erlebnispark an der südchinesischen Küste, wo sie ihren Ruhestand als Touristenattraktion verbringen wird. Michael Loebenstein
In dieser Zeit war der Flugzeugträger Kiev, immerhin das größte Überwasserschiff der sowjetischen Kriegsmarine, zum Verkauf vorgesehen, und ich beschloss, dass dieses Schiff der Ausgangspunkt für AUF ALLEN MEEREN sein sollte. 1997 begannen wir mit der ersten Drehphase in St. Petersburg, mit Protagonisten von der Kiev, ohne offizielle Drehgenehmigung, ohne zu wissen, wann genau die letzte Reise des Schiffs zu seiner Verschrottung tatsächlich stattfinden würde. Ich recherchierte und drehte danach in der Ukraine mit weiteren Protagonisten, immer im Hinblick auf das dramaturgische Gegengewicht dieser letzten Fahrt. Allerdings: Kaufinteressenten für das Schiff kamen und gingen zwar, aber letztlich blieb es ein Ladenhüter. Im August 1998 erhielten wir immerhin - nach eineinhalbjähriger Arbeit - die Genehmigung der Kriegsmarine, die Kiev an ihrem Ankerplatz im Norden bei Murmansk zu filmen. Dort saßen uns jedoch die Presseabteilung und der Geheimdienst so im Nacken, dass der Spielraum für die Dreharbeiten sehr gering war, zumindest für jemanden wie mich, der sich viel Zeit nehmen will, um das Vertrauen seiner Protagonisten zu gewinnen, und der Drehentscheidungen aus der Dynamik der jeweiligen Situation heraus trifft - also so ziemlich das Gegenteil von dem, was sich Militärs vorstellen. Während dieses an sich schon sehr schwierigen Drehs ereignete sich der wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes. Zurück in Österreich begannen wir mit dem ersten Schnitt, der allerdings an dem fehlenden "Hauptprotagonisten" krankte. Ich hoffte, ich wartete ab, ich zögerte die Fertigstellung des Films hinaus - und endlich, im Januar 2000, gab es eine Wendung: Es fand sich ein chinesischer Käufer für das Schiff (übrigens bereits der dritte Flugzeugträger, den China aus den Restbeständen der sowjetischen Marine erworben hat), wir konnten die Kiev auf ihrer letzten Fahrt begleiten, das Material war vollständig, wir schnitten wieder, und im Oktober 2001 war der Film fertig. 1993 wusste ich wenig über Russland, über Schiffe, über das Militär. Zwei Umstände haben damals mein Interesse geweckt. Zum einen die romantische Neugierde des Binnenländers auf das Meer, die Seefahrt, und der Wunsch, solch einen fliegenden Holländer zu begleiten. Zum anderen beschäftigte mich die Frage, was eigentlich aus all den ehemaligen Marine-offizieren wurde, die früher stolze Sowjetbürger mit hohem sozialen Ansehen waren, aber durch den Lauf der Geschichte plötzlich von niemanden mehr gebraucht wurden. Wie würden diese Militärs ihre plötzliche Bedeutungslosigkeit verarbeiten? Durch die äußeren Umstände gezwungen, mussten sie sich doch Fragen nach dem Sinn ihres gesamten bisherigen Tuns, ihres Daseins stellen. Was für Menschen würde ich antreffen? Nach Gesprächen mit beinahe 100 Marineoffizieren und einigen 1000 Fragen, die ich gestellt habe, kenne ich die "Anatomie" des russischen Offiziers besser, als mir manchmal lieb war. Im Film sind sieben Protagonisten zu sehen, von denen jeder auf seine Art existentiell mit dem Schiff verbunden ist. Ich porträtiere sie unter einem psychologischen Aspekt, denn darin liegt ganz grundsätzlich mein filmisches Interesse. So ist zwar Anlass und roter Faden des Films das Schiff, aber es ist nicht das Thema, es dient mir lediglich als Projektionsfläche für Erinnerungen, Phantasien, Verklärungen, Verdrängungen. Der Blick meiner Protagonisten auf das Abwesende und ihr Schicksal in der Wechselwirkung von Tradition, Geschichte und individueller Entscheidungsfreiheit haben mich mehr interessiert als eine militärische Geschichte des Kalten Krieges. Wenn sich etwas von unserer Anteilnahme für diese Menschen und ihre Verletztheit auf den Zuschauer überträgt, hat sich diese langwierige Arbeit für mein Team und mich gelohnt. Johannes Holzhausen
In der ersten Einstellung von AUF ALLEN MEEREN sieht der Zuschauer eine Glocke ohne Klöppel, ein Stück Altmetall ohne Funktion. Verlassen hängt sie an einem Holzgerüst hoch über dem Meer, und ein paar Kinder bewerfen sie mit Steinen. Was wir hören ist zwar kein Läuten, aber ein Tönen, wie ein Nachhall dessen, was einmal war. Wenn Johannes Holzhausen nach diesem Prolog beginnt, die Geschichte des ehemals stolzen, sowjetischen Flugzeugträgers Kiev zu erzählen, dann ist dem Regisseur vor allem an diesem Moment des "Nachhalls" gelegen. Im Anschluss an Interviews mit Angehörigen der ehemaligen Schiffsbesatzung oder Szenen alter Archivaufnahmen aus seetüchtigen Tagen kehrt Holzhausen immer wieder zu dem Schiffskörper zurück. Dann verharrt die Kamera auf dem rostigen Deck, als wolle sie dem Zuschauer eine Gelegenheit geben, die Resonanz des soeben Gehörten am Eisen selbst zu prüfen. Und tatsächlich lassen sich durch die von Sounddesigner Michael Palm elektronisch verstärkten Eigengeräusche des Schiffsmetalls ein entferntes Tönen und Ächzen wahrnehmen. Die persönlichen Erinnerungen der ehemaligen Marinesoldaten werden in AUF ALLEN MEEREN bildlich auf das Schiff übertragen. In Archivaufnahmen aus Wochenschauen, Schulungs- und privaten Super-8-Filmen erscheint der Flugzeugträger wieder geisterhaft belebt. "Das Lied der Kiev" nennt Johannes Holzhausen das beständige Rumoren auf der Tonebene, das wie eine Art Echo erscheint: "Wir haben lange nicht gewusst, wie wir mit dem Archivmaterial umgehen sollen. Das war oft so dominant und pathetisch, mit Off-Texten wie ,Mutter, ich denke an die heimischen Birken, wenn ich die feindlichen Schiffe sehe.' Wir mussten das Material verfremden, um es unterzuordnen, immer im Hinblick darauf, etwas von dieser Übermacht der Technologie zu zeigen, vom Verhältnis des Menschen zum Apparat. Der zweite Schritt war, mit dem Ton eine Waage zu finden: Da hatten wir die Idee, den Ton des Materials zu nehmen und keine eigene Musik." Johannes Holzhausen Die Musik erklingt im Film entsprechend in den von Johannes Holzhausen und seinem Kameramann Joerg Burger gedrehten Filmbildern oder wird von dem zeitweise kuriosen Archivmaterial transportiert: Da öffnet sich eine Luke an Deck des Flugzeugträgers, und es erhebt sich ein in folkloristischen Gewändern gekleideter Damenchor in die Höhe. Die Sängerinnen geben unter den begehrlichen Blicken der Männer in ihren Sonntagsuniformen das Lied einer Soldatenbraut zum besten: "Ich flehe dich an - ob in der stillsten Stille, In den Aufnahmen aus der Gegenwart vertreibt sich die sympathisch-lässige Besatzung des chinesischen Schiffes, das die Kiev im Schlepptau hat, die Zeit mit Karaoke, während andernorts Armeekadetten dazu angehalten werden, einem blutjungen Gefreiten zu lauschen. Dabei intoniert der Sänger, der von einem verstimmten Klavier begleitet wird, voller Inbrunst: "Ich träume vom Krieg, von Schreien, Explosionen, Kanonen." Solche traumatischen Erinnerungen hat ein langjähriger Sanitätsunteroffizier der Kiev mit Gottes Hilfe hinter sich gelassen. Heute singt er vor seiner Gemeinde von einem treuen Kapitän, der uns durch Sturm und Tosen führt: "Kennst du dieses wunderbare Land, wo meine Heimat ist? Wo meine Brüder auf mich warten, wo ewiges Paradies ist? Ach, treffe ich dich da?"
Produktion Navigator Film ( Wien) www.navigatorfilm.at Co-Produktion Dschoint Ventschr ( Zürich), Peter Stockhaus Filmproduktion (Hamburg) Buch und Regie Johannes Holzhausen Dramaturgische Beratung Constantin Wulff Regieassistenz Susanne Kotrba, Julia Solovieva Kamera Joerg Burger Schnitt Michael Palm Schnittassistenz Regina Höllbacher Ton Sergej V. Moshkov Sound Design Michael Palm Produktionsleitung Johannes Rosenberger, Johannes Holzhausen Aufnahmeleitung Galina Antoshevskaja, Ursula Wolschlager, Vitalij Kalinin Filmgeschäftsführung Anna Maria Leber, Christina Zoppel, Anna Härle Produzenten Johannes Rosenberger, Johannes Holzhausen, Constantin Wulff Co-Produzenten Werner Schweizer (CH), Peter Stockhaus (D) Produktion gefördert von BKA - Kunstsektion (Abteilung Film und
Neue Medien)
Geboren 1960 in Salzburg. Lebt und arbeitet seit 1980 in Wien. 1987-95 Studium an der Wiener Filmakademie Filme: 1989 Family Portraits (Kurzspielfilm) Festivalteilnahmen (Auswahl): Viennale Wien (2001, Auf allen Meeren) Preise: Prix du Court Métrage (Festival Cinema du Réel Paris,
1993)
Joerg Burger (Kamera) Geboren 1961, Freischaffender Künstler, Filmschaffender, Kameramann
und Cutter in Wien. Kameramann bei vier Filmen von Johannes Holzhausen ("Wen die Götter
lieben", 1992; Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland Eigene Filme (Regie): 1989 Josef Wais (auch Kamera, Schnitt) Diagonale-Preis der Diözese Graz-Seckau - Bester Kurz- und Dokumentarfilm 2000/2001 für "Moscouw". Jury Award EXPO of Short Film and Video New York 2001 für "Moscouw". Michael Palm (Schnitt, Sound Design) Geboren 1965 in Linz, Oberösterreich. Lebt und arbeitet in Wien. Studierte an der Wiener Filmakademie und an der Universität Wien
Philosophie, Theaterwissenschaft und Publizistik. Eigene Filme (Regie): 2001 Sea Concrete Human (Regie, Buch, Audiokommentar) Preise: Diagonale Graz 2002 - Preis "Innovatives Kino" für "Sea Concrete Human" Weitere Arbeiten (Auswahl): 1988 Subcutan (Schnitt; Regie: Johannes Rosenberger)
Navigator Film ist auf die Entwicklung und Produktion von kreativen
Dokumentarfilmen spezialisiert. Das Spektrum reicht vom abendfüllenden
Kinodokumentarfilm bis zu kurzen, experimentellen Formen, die gesellschaftlich
relevante Themen darstellen. Im April 1992 wurde der Verein Navigator Film von Johannes Rosenberger
(Filmemacher und Produzent), Johannes Holzhausen (Filmemacher), Constantin
Wulff (Filmemacher und Filmpublizist), Johannes Hammel (Kameramann und
Filmemacher) und anderen Filmschaffenden in Wien gegründet. Ziel
war es, den unterrepräsentierten Dokumentar- und Kurzspielfilm
in Österreich zu fördern. Dabei sollten sowohl der Produktion
als auch der Distribution gleichwertig Aufmerksamkeit geschenkt werden. Filme (Auswahl): 1992 Die schwarze Sonne (Regie: Johannes Hammel)
"Johannes Holzhausen ist ein großartiger Film gelungen, weil er über seinen Gegenstand hinaus weist. Er lässt en passant eine ganze historische Ära auferstehen und erinnert daran, dass selbst unblutig verlaufende Umbrüche ihre Opfer fordern, vielleicht sogar mehr als Revolutionen." [ Daniela Sannwald - Frankfurter Rundschau, 8. Februar 2002 ] "Mit diesem melancholischen Dokumentarfilm steuert Österreich dem Berlinale-"Forum" ein wesentliches, filmisch und politisch präzise formuliertes Werk bei, das dem internationalen Vergleich nicht nur standhält, sondern diesen - im Blick weit hinaus, man könnte sagen: bis ans Ende der Welt - geradezu sucht." [ Stefan Grissemann - Die Presse, 15. Februar 2002 ] "Es sind nicht nur die einfühlsamen Bilder des Schiffes im Regen, nicht nur der dunkel hohle Sound, der ein wenig an Walgesänge erinnert; sondern vor allem sind es die Menschen, die ein Teil ihres Lebens auf diesem Schiff zubrachten, die stolzen Kapitäne, die das Filmteam aufgespürt hat. Wie Tschechow'sche Figuren zehren sie von vergangenem Ruhm, von dem heute nur ein Abglanz geblieben ist." [ Ulrich Seidler - Berliner Zeitung, 16 / 17. Februar 2002 ] "Nichts liegt Holzhausen ferner, als aus dem Stoff einen Thesenfilm zu fabrizieren: Er geht vielmehr von der Atmosphäre an seinem Hauptschauplatz aus, lässt sich von der Kiev selbst inspirieren, die er mit musikalischem und visuellem Raffinement als Geisterschiff, als auratischen Ort, als letzte Projektionsfläche der zerbrochenen Utopien seiner Betreiber darstellt." [ Profil, Nr. 19, 6. Mai 2002 ] "Das Leben nach der Kiev ist geprägt von Wehmut, teils Verbitterung, aber auch Humor und Nostalgie haben ihren Platz. Ohne störende Erklärungen aus dem Off, dafür gewürzt mit Aufnahmen aus der Zeit, als die Kiew und ihre Mannschaft noch stolze Diener des sowjetischen Volkes waren, fasziniert AUF ALLEN MEEREN mit schlichter Präzision." [ Lifestyle Magazin, 9. Mai 2002 ] |