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Deutschland 1990 - 1994, 96 Min., Farbe + s/w, 16 mm Regie: Christoph Hübner Darsteller: Angela Schanelec, Stephanie Adams und Personen der Zeit "Alles kann geschehen und alles passt zusammen -
Die Idee am Anfang: eine Reise, ein Land, eine Zeit, eine Figur. Ihr Name ist ANNA. Sie reist ohne Auftrag, ohne Ziel. Eine Reise ins Offene. Nach einiger Zeit bekommt ANNA eine Schwester. Ihr Name ist ebenfalls ANNA. Die eine sammelt Bilder, die andere Töne. Eine Reise ins Offene. Beide reisen durch das Land und bleiben ihm doch fern. Sie reisen kreuz und quer, kommen an Orte, die ihnen bekannt vorkommen, als seien sie schon einmal dort gewesen, sie begegnen Menschen der Zeit.
Anna sehnt sich nach einem Blick ohne Parameter, nach einem Blick, der nicht vergleicht. Sie sehnt sich nach dem unbelasteten Blick des Kindes, sie möchte noch einmal sehen können, als sähe sie zum ersten Mal: neugierig, offen, unvoreingenommen, nicht ordnend, nicht wissend, was sie sieht.
1989 - 1994. Von diesen Jahren der Eindruck eines Durcheinanders. Vieles ist anders geworden, als gedacht. Voraussagen sind nicht eingetreten. Alles bricht auf und aus. Wie eine Lavamasse brennt es und bewegt sich zugleich zäh vorwärts. So müsste man es erzählen: als das große Chaos. Zu dem Chaos gehört auch die Medienwelt. Sie gibt dem Ganzen etwas äußerlich Aufgepepptes. Im Film vermischt sich alles und wird zu ANNA's Realität. Das Chaos, die Fetzen von Geschichte, ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die Reise, die Ströme der Bilderwelt. Ununterscheidbar im Hinblick auf die Ursprünge, verschmilzt alles in einer großen, tableauartigen Montage.
Die Idee der Montage: ANNAs Reise wie aus der Erinnerung erzählen. In der Erinnerung erscheinen die Dinge anders, als sie tatsächlich abgelaufen sind. Erinnerung verzichtet auf Vollständigkeit. In ihr lösen sich Chronologien auf, werden Akzente und Gewichtungen nach persönlichen, oft nicht nachvollziehbaren Kriterien gesetzt. Erinnerung setzt Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges nebeneinander. Auch die im Alltagsverständnis immer in einem Nacheinander gedachte Zeit verschmilzt zur Gleichzeitigkeit des Zeit-Raums. Die Synchronität von Bildern und Tönen löst sich auf. Töne können genauso erinnert werden wie Bilder, selbständig und asynchron zu ihrem Entstehungszusammenhang. Erinnerung lässt auch Unvermitteltes zu. Sie kann jedes einzelne Element nehmen als wäre es ein Pinselstrich in einem mehr oder minder abstrakten Gemälde, in einer großen Fläche des Gleichzeitigen. Erinnerung ist dem Traum verwandt.
Die nichtlineare Erzählweise holt uns wieder auf den Boden der nackten Tatsachen zurück. Sie führt vor, wie langsam, brüchig, diskontinuierlich, umwegreich das Leben eigentlich vor sich geht. Zur nichtlinearen Erzählweise gehört wohl auch, dass sie uns jedes Mal an anderer Stelle packt, manchmal auch gar nicht und manchmal erst dann, wenn wir die Aufführung längst verlassen haben. ANNA stiftet Verwirrung. Sie lässt uns kalt, sie berührt für einen Augenblick. Sie stößt uns ab, sie zieht uns an. Als Betrachter kann man sich auf nichts verlassen. Wir mögen sie, wir lehnen sie ab, sofern wir uns länger mit ihr beschäftigen, immer für etwas anderes.
Der Film ANNA ZEIT LAND ist der Versuch, zwei Figuren auf eine Reise zu schicken, durch ein bestimmtes Land, in einer bestimmten Zeit. Es gelingt ihnen nicht, sich wirklich mit der Welt zu verbinden. Die Fülle und das Tempo der Ereignisse können sie nicht mithalten. Ihre Versuche, der Welt hinterherzukommen, gelingen nicht einmal um den Preis der Flüchtigkeit. Gerade dadurch berühren sie nichts. Zwei zeitgenössische Figuren und doch wie aus einer anderen Welt.
Wichtig ist die Achtung des Zufalls, der Improvisation. Selbst wenn man das dem Film als Ergebnis kaum mehr ansieht, ist ein Großteil der Szenen - in der Aufnahme wie in der Bearbeitung - ein Ergebnis von Zufällen, von Improvisation. Selbst das Parzival-Motiv, von manchen offenbar als symbolische Zugabe empfunden, ist einer zufälligen Begegnung während der Dreharbeiten zu verdanken.
Was - mit allen Einschränkungen der Unvollkommenheit und der ungelenken Erprobung von Neuem - in ANNA ZEIT LAND versucht wurde, könnte man "Kino der Momente" nennen. Ein Kino, das aus der erzählerischen Großstruktur herausführt, aus der klassischen Dramaturgie der großen Bögen, der Einfühlung, hin in die Kleinstruktur, in die Montage der Einzelmomente, in die Freiheit der Assoziation. |