Aktuell   Repertoire   DVD   Pressematerial   Kontakt / Impressum   YouTube 
 

 


ANNA ZEIT LAND
Christoph Hübner

Deutschland 1990 - 1994, 96 Min., Farbe + s/w, 16 mm

Regie: Christoph Hübner
Buch: Christoph Hübner, Gabriele Voss
Produktion: Christoph Hübner Filmproduktion
Kamera: Christoph Hübner
Ton: Rainer Komers
Fotografie: Tina Bara, Ina Eder
Montage: Gabriele Voss
Musik: Erwin Stache

Darsteller: Angela Schanelec, Stephanie Adams und Personen der Zeit

"Alles kann geschehen und alles passt zusammen -
Es gibt kein übriges Leben. Das Leben ist eins.
Ohne Anfang, ohne Mitte, ohne Ende" (John Cage: "Vortrag über etwas")


ANNA

Die Idee am Anfang: eine Reise, ein Land, eine Zeit, eine Figur. Ihr Name ist ANNA. Sie reist ohne Auftrag, ohne Ziel. Eine Reise ins Offene. Nach einiger Zeit bekommt ANNA eine Schwester. Ihr Name ist ebenfalls ANNA. Die eine sammelt Bilder, die andere Töne. Eine Reise ins Offene. Beide reisen durch das Land und bleiben ihm doch fern. Sie reisen kreuz und quer, kommen an Orte, die ihnen bekannt vorkommen, als seien sie schon einmal dort gewesen, sie begegnen Menschen der Zeit.
Ein Landfotograf, die Bildredaktion einer Tageszeitung, ein Empfang zur deutschen Einheit, ein Tonarchiv, die Parzival-Geschichte, die Welt der Medien...
Keine lineare Geschichte, eher ein Gemälde, eine Zeit-Fläche. Deutschland 1989 - 1993. ANNAs Reise, das ist: Hinschauen und hinhören, ohne zu urteilen. Bilder und Töne sammeln, ohne sie zu verwerten. Fremd sein und fremd bleiben.
Ein Film ohne Drehbuch, eine Improvisation zwischen den Genres, zwischen Fotografie, Film und Video. Geschichten tauchen auf und verlieren sich, Dokumentarisches steht neben Inszeniertem, Historisches neben Gegenwärtigem. Nichts ist fest, alles gilt gleich...
Ein Kino der Momente.


BLICKE

Anna sehnt sich nach einem Blick ohne Parameter, nach einem Blick, der nicht vergleicht. Sie sehnt sich nach dem unbelasteten Blick des Kindes, sie möchte noch einmal sehen können, als sähe sie zum ersten Mal: neugierig, offen, unvoreingenommen, nicht ordnend, nicht wissend, was sie sieht.
Sie sucht ein ursprüngliches Sehen, sie sucht Blicke, die von keiner Vorkenntnis getrübt sind. Was geschieht aber, wenn der Zuschauer schon vor dem Sehen erkennt, was er sieht? Weil er tut, was man immer tut: Vergleichen mit vorher Gewusstem, identifizieren, einordnen. Wo die Dinge für ANNA unbelastet nebeneinander stehen, sieht und sucht er Zeichen und Bedeutungen. Wenn er davon nicht lassen kann, wird er durch ANNA's Art der Betrachtung und durch den Film eher verwirrt. Was ANNA sieht und nebeneinander stellt, fügt sich nicht zu Sinnhaftem. ANNA stört das nicht. Wie das Kind empfindet sie keinen Mangel an Zusammenhang.


ZEIT

1989 - 1994. Von diesen Jahren der Eindruck eines Durcheinanders. Vieles ist anders geworden, als gedacht. Voraussagen sind nicht eingetreten. Alles bricht auf und aus. Wie eine Lavamasse brennt es und bewegt sich zugleich zäh vorwärts. So müsste man es erzählen: als das große Chaos. Zu dem Chaos gehört auch die Medienwelt. Sie gibt dem Ganzen etwas äußerlich Aufgepepptes. Im Film vermischt sich alles und wird zu ANNA's Realität. Das Chaos, die Fetzen von Geschichte, ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die Reise, die Ströme der Bilderwelt. Ununterscheidbar im Hinblick auf die Ursprünge, verschmilzt alles in einer großen, tableauartigen Montage.


ERINNERUNG / MONTAGE

Die Idee der Montage: ANNAs Reise wie aus der Erinnerung erzählen. In der Erinnerung erscheinen die Dinge anders, als sie tatsächlich abgelaufen sind. Erinnerung verzichtet auf Vollständigkeit. In ihr lösen sich Chronologien auf, werden Akzente und Gewichtungen nach persönlichen, oft nicht nachvollziehbaren Kriterien gesetzt. Erinnerung setzt Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges nebeneinander. Auch die im Alltagsverständnis immer in einem Nacheinander gedachte Zeit verschmilzt zur Gleichzeitigkeit des Zeit-Raums. Die Synchronität von Bildern und Tönen löst sich auf. Töne können genauso erinnert werden wie Bilder, selbständig und asynchron zu ihrem Entstehungszusammenhang. Erinnerung lässt auch Unvermitteltes zu. Sie kann jedes einzelne Element nehmen als wäre es ein Pinselstrich in einem mehr oder minder abstrakten Gemälde, in einer großen Fläche des Gleichzeitigen. Erinnerung ist dem Traum verwandt.


ERZÄHLEN / NICHTLINRAR

Die nichtlineare Erzählweise holt uns wieder auf den Boden der nackten Tatsachen zurück. Sie führt vor, wie langsam, brüchig, diskontinuierlich, umwegreich das Leben eigentlich vor sich geht. Zur nichtlinearen Erzählweise gehört wohl auch, dass sie uns jedes Mal an anderer Stelle packt, manchmal auch gar nicht und manchmal erst dann, wenn wir die Aufführung längst verlassen haben. ANNA stiftet Verwirrung. Sie lässt uns kalt, sie berührt für einen Augenblick. Sie stößt uns ab, sie zieht uns an. Als Betrachter kann man sich auf nichts verlassen. Wir mögen sie, wir lehnen sie ab, sofern wir uns länger mit ihr beschäftigen, immer für etwas anderes.


FLÜCHTIGKEIT

Der Film ANNA ZEIT LAND ist der Versuch, zwei Figuren auf eine Reise zu schicken, durch ein bestimmtes Land, in einer bestimmten Zeit. Es gelingt ihnen nicht, sich wirklich mit der Welt zu verbinden. Die Fülle und das Tempo der Ereignisse können sie nicht mithalten. Ihre Versuche, der Welt hinterherzukommen, gelingen nicht einmal um den Preis der Flüchtigkeit. Gerade dadurch berühren sie nichts. Zwei zeitgenössische Figuren und doch wie aus einer anderen Welt.


IMPROVISATION

Wichtig ist die Achtung des Zufalls, der Improvisation. Selbst wenn man das dem Film als Ergebnis kaum mehr ansieht, ist ein Großteil der Szenen - in der Aufnahme wie in der Bearbeitung - ein Ergebnis von Zufällen, von Improvisation. Selbst das Parzival-Motiv, von manchen offenbar als symbolische Zugabe empfunden, ist einer zufälligen Begegnung während der Dreharbeiten zu verdanken.


KINO DER MOMENTE

Was - mit allen Einschränkungen der Unvollkommenheit und der ungelenken Erprobung von Neuem - in ANNA ZEIT LAND versucht wurde, könnte man "Kino der Momente" nennen. Ein Kino, das aus der erzählerischen Großstruktur herausführt, aus der klassischen Dramaturgie der großen Bögen, der Einfühlung, hin in die Kleinstruktur, in die Montage der Einzelmomente, in die Freiheit der Assoziation.
Vielleicht muss man für das Kino der Momente auch eine Weile den Zusammenhang der Personen aufgeben - also keine durchgehenden Figuren mehr, stattdessen Episoden, 7-Minuten Geschichten, ein Tag, eine Stunde, ein Ort für eine kleine Weile, eine Person für einen Augenblick. Und das ohne "elegante" Übergänge und Verknüpfungen, sondern roh, aneinandergesetzt, ohne Anfang, ohne Schluß.